Weltweit einzigartig: Kirschen, die es nur in Holzminden gibt

Stand: 12.06.2024 14:25 Uhr

Der Landkreis Holzminden hat alle Süßkirschenbestände in seinem Gebiet erfassen und wissenschaftlich untersuchen lassen. Dabei wurden neun einzigartige Sorten entdeckt, die nirgendwo sonst auf der Welt wachsen.

von Wolfgang Kurtz

"Golmbacher Späte Rotbunte", "Holenberger Bernsteinkirsche" oder "Burgberger Rotbunte" - diese Kirschsorten sind so selten wie lecker. Teilweise jedenfalls. Von weich bis hart, von eher bitter über süß und saftig bis zu wässrig - so beschreibt Michael Buschmann von der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Holzminden die unterschiedlichen Geschmäcker der seltenen Sorten. Vor gut 10 Jahren hat er begonnen, alle alten Süßkirschenbestände im Landkreis zu untersuchen. Vorbild waren dafür ähnliche Projekte, zum Beispiel im Mittelrheintal. Für Michael Buschmann war sehr schnell klar, dass er dabei auch auf Sorten gestoßen ist, die sonst noch nirgendwo gefunden worden waren.

Der Kirschkern macht den Unterschied

Kirschen der Sorte "Golmbacher Breite Mittelfrühe" © Landkreis Holzminden Foto: Landkreis Holzminden
Die "Golmbacher Breite Mittelfrühe" gehört zu den seltenen Sorten, die nun erhalten werden sollen.

Rund 300 Süßkirschsorten gibt es in Deutschland, 65 davon finden sich im Landkreis Holzminden. Die Sorten zu bestimmen ist übrigens kompliziert und nur Spezialisten möglich. Entscheidend ist dafür eine genaue Untersuchung des Kirschkerns anhand einer Vergleichssammlung.Die bundesweit anerkannte Kirschenexpertin Dr. Annette Braun-Lüllemann hat sich inzwischen im Auftrag des Landkreises die Sorten auf den Hängen der Rühler Schweiz genau angesehen und dabei erstaunliches festgestellt. Neun der 65 gefunden Sorten wachsen tatsächlich ausschließlich im Landkreis Holzminden. Michael Buschmann ist vom Ergebnis begeistert: "Wir müssen uns nicht hinter bekannteren Kirschregionen wie dem Mittelrheintal oder Witzenhausen in Hessen verstecken."

Von einigen Sorten gibt es nur noch sehr wenige Bäume

Von der "Holenberger Bernsteinkirsche" gibt es nur noch einen einzigen Altbaum. Der steht oberhalb des Ortes Golmbach am Wegesrand. Auf 70 bis 80 Jahre schätzt Buschmann das Alter des Baumes. Auch von anderen Sorten gibt es teils nur noch einige wenige Bäume. Ziel des Kirschenprojektes ist es jetzt, solche seltenen Sorten wieder zu vermehren. Alle im Landkreis gefunden Kirschsorten sind inzwischen in einem Sortengarten oberhalb des Ortes Golmbach gepflanzt. Und sollen weiter vermehrt werden, erzählt Vera Kühlmann von der Ökologischen Station Solling-Vogler.

Wanderwege vorbei an ganz besonderen Kirschbäumen

Golmbach in der Rühler Schweiz versteht sich als Kirschendorf. Wanderwege führen hier an den Kirschbäumen entlang - mit phantastischen Ausblicken über die Rühler Schweiz - nicht nur während der Kirschblüte. Seit dem Jahr 2000 feiert Golmbach auch ein Kirschblütenfest und kürt eine Kirschblütenkönigin. In diesem Jahr hat das Fest zum 20. Mal stattgefunden. Hier steht wirklich alles im Zeichen der roten Frucht, die tatsächlich zum Steinobst gehört. Dass umgangssprachlich trotzdem alle vom "Kirschkern" reden, ist aber völlig korrekt.

Ein Schild des Kirschendorfes Golmbach © NDR Foto: Wolfgang Kurtz
Golmbach (Landkreis Holzminden) hat eine lange Kirschtradition. Seit mehr als 100 Jahren wird hier das Steinobst angebaut.
Sortenvielfalt ist auch für den Naturschutz wichtig

Von den vielen unterschiedlichen Kirschsorten profitiere auch die Artenvielfalt, betont Vera Kühlmann von der Ökologischen Station Solling-Vogler. "Jede Kirschsorte ist anders, jeder Baum wächst anders, hat andere Strukturen, blüht und reift zu anderen Zeiten, so dass verschiedene Tierarten das als Nahrungsressource nutzen können." Ihr geht es darum, dass auch die seltenen Sorten jetzt wieder in den Streuobstwiesen der Region angepflanzt werden. Deswegen werden die Sorten im Rahmen des Projektes gezielt nachgezüchtet.

Landwirtschaftliche Nutzung der Kirschen lohnt sich nicht mehr

Der Anbau von Kirschen in Golmbach hat vor mehr als 100 Jahren begonnen. Auch der inzwischen verstorbene frühere niedersächsische Landwirtschaftsminister Hans-Heinrich Sander, FDP, hatte in seinem Geburtsort Golmbach einen Obstbaubetrieb im Nebenerwerb. Doch inzwischen gibt es keine landwirtschaftliche Nutzung der Süßkirschen im Landkreis Holzminden mehr. Die Kosten insbesondere für das Pflücken seien zu hoch, sagt Michael Buschmann. Aber überall am Straßenrand und auf mancher Wiese rund um Golmbach kann man weiter Kirschen pflücken und probieren.

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Verschiedene Kirschen liegen auf einem Holzboden und in einem Gefäß. © Colourbox

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 12.06.2024 | 19:30 Uhr

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