Stand: 16.04.2018 08:39 Uhr

Vor 20 Jahren: Urteil gegen Pastor Geyer

von Matthias Zimmermann

Es ist zwei Jahrzehnte her, dass der "Fall Geyer" bundesweit für Aufsehen gesorgt hat. Am 28. Juli 1997 findet ein Jäger den Leichnam von Veronika Geyer-Iwand in einem Waldstück bei Hötzum im Landkreis Wolfenbüttel. Ihr Gesicht ist zertrümmert. Sie ist vollständig bekleidet, es gibt keine Abwehrspuren an Händen und Armen. Der Verdacht fällt schnell auf ihren Ehemann, den evangelischen Pastor Klaus Geyer, der seine Frau vorher bei der Polizei als vermisst gemeldet hatte. Am 16. April 1998 - also vor 20 Jahren - wurde der bis dahin hoch angesehene Theologe wegen Totschlags zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Bis zu seinem Tod im Jahr 2003 stritt er die Tat ab.

Alte Aufnahme von Pastor Geyer.

Vor 20 Jahren: Urteil gegen Pastor Geyer

Hallo Niedersachsen -

Weil er seine Frau getötet hatte, wurde der Theologe Pastor Geyer im April 1998 in einem Indizienprozess wegen Totschlags verurteilt. Ein Insekt wurde ihm zum Verhängnis.

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Ehemann kommt Ermittlern schnell verdächtig vor

"Ich erinnere mich noch gut an die komplexen Ermittlungen. Es gab widersprüchliche Angaben in seinen Aussagen, die nicht zusammenpassten", erinnert sich Kriminalhauptkommissar Dirk Bosse von der Mordkommission in Braunschweig. "Außerdem verhielt sich Geyer auffällig. Er hat zum Beispiel schon einen Tag nach ihrem Verschwinden Flugblätter verteilt. Das kam uns verdächtig vor." Zwei Tage später, am 30. Juli, wird der damals 56-jährige Geyer festgenommen. In einem spektakulären Indizienprozess verurteilt ihn die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Braunschweig im April 1998 zu acht Jahren Gefängnis. Das Gericht ist davon überzeugt, dass Geyer seine Frau während eines Streits im Affekt erschlagen hat.

Kein Beweis für Geyers Schuld

Es gibt jedoch keine Beweise, dass Geyer seine Frau erschlagen hat. Der Pastor bestreitet die Tat bis zum Schluss. Die Tatwaffe wird nie gefunden. Ob Veronika Geyer-Iwand mit einem Werkzeug, einem Kuhfuß aus dem Auto ihres Mannes, getötet wurde, kann im Prozess nicht geklärt werden. Stattdessen urteilt das Gericht aufgrund einer Reihe belastender Indizien. Dem Angeklagten können zum Beispiel mehrere Lügen nachgewiesen werden. "Er hat behauptet, nie am Fundort der Leiche gewesen zu sein. Ein Zeuge, der die Tote im Wald gefunden hat, sagte im Prozess aber aus, Herrn Geyer dort sehr wohl vorher schon einmal gesehen zu haben", erklärt Regisseur Björn Platz, der für den NDR eine Dokumentation über den "Fall Geyer" gedreht hat. "Das heißt, Geyer muss dort gewesen sein und er hat die Ecke gekannt."

Eine Ameise am Gummistiefel überführt den Pastor

Im Prozess wird ein enormer Aufwand getrieben. An 20 Verhandlungstagen werden 80 Zeugen und zahlreiche Sachverständige befragt. Ein schauriges Beweisstück im Gerichtssaal: die Schädeldecke der Toten, mit Einschlagkerbe. Der Kriminalbiologe Mark Benecke - damals einer der wenigen Experten, der über Maden an Leichen forscht - wird extra aus New York eingeflogen. Er hat anhand von Maden und der Umgebungstemperatur bestimmt, wie lange die Leiche Geyer-Iwands im Wald gelegen hat. Sein Gutachten bestätigt eine Tatzeit, für die der Ehemann kein Alibi hat. "Geyer hatte sich von Anfang an ein Alibi aufgebaut, wonach er zur Zeit des Verschwindens seiner Frau in Braunschweig war", so Ermittler Bosse. "Angeblich hatte er von dort sogar zu Hause angerufen und auf den Anrufbeantworter gesprochen. Wir konnten aber nachweisen, dass der Anruf in Wirklichkeit aus einer Telefonzelle ganz in der Nähe des Fundorts kam." Endgültig zum Verhängnis wird dem Angeklagten aber schließlich ein Insekt, die Glänzendschwarze Holzameise, die unter einem Gummistiefel aus seinem Auto klebte und die nur vom Fundort der Leiche stammen konnte. Geyers damaliger Rechtsanwalt Bertram Börner: "So eine komplizierte Beweisaufnahme ist selten. Das war schon außergewöhnlich."

Wie die Ermittler Pastor Geyer überführten

Sex und Crime im Pfarrhaus

Der Prozess im Frühjahr 1998 ist ein Medien-Spektakel. Zum ersten Mal ist in Deutschland ein Pfarrer des Totschlags angeklagt. "Ein Pfarrer auf der Anklagebank, das war etwas Besonderes", erinnert sich Kriminalist Bosse. In seiner Gemeinde war Geyer als Seelsorger und Friedenskämpfer bekannt und äußerst beliebt. Seine 53-jährige Frau stammte aus einer bedeutenden Theologenfamilie. Sie war ehrenamtliche Ortsbürgermeisterin und Religionslehrerin. Gemeinsam leitete das Ehepaar ein Altenheim, das "Haus der helfenden Hände" in Beienrode, einem Ortsteil von Königslutter. Im Prozess bekommt die eheliche Fassade Risse: Es kommt heraus, dass Geyer zahlreiche Liebschaften hatte. Noch in der Nacht des Verschwindens seiner Ehefrau schlief er mit einer anderen Frau im Ehebett.

Staatsanwalt nennt Vorverurteilung "Riesenschweinerei"

Lasius fuliginosus, die glänzendschwarze Holzameise. Sie war auch an der Leiche gesichert worden und bewies somit, dass der Träger der Gummistiefel am Tatort gewesen sein musste. © Cinecentrum/Micha Bojanowski Fotograf: Micha Bojanowski

Der Mörder und die Ameise

NDR Das Beste am Norden -

Am 28. Juli 1997 wird die Leiche von Veronika Geyer-Iwand bei Wolfenbüttel entdeckt. Was war geschehen? Den Täter überführt eine Ameise, die unter einem Gummistiefel klebt.

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Für die Boulevard-Zeitungen ist das ein gefundenes Fressen. Bald ist auf den Titelseiten vom "Todes-Pastor" die Rede. In der öffentlichen Meinung ist der Geistliche längst schuldig gesprochen. "Da wird mit den Dingen in einer Weise umgegangen, die wirklich schlimm ist. Wenn jeden Tag die Schlagzeile eröffnet wird mit 'Todes-Pastor', dann wird suggeriert, man habe es mit einem Massenmörder zu tun", kritisierte Staatsanwalt Ulrich Hennecke damals in einem Interview mit dem NDR Hörfunk. Der Fall sei vielmehr eine menschliche Tragödie. "Und dem werden manche Publikationsorgane überhaupt nicht gerecht. Das ist eine Riesenschweinerei."

Viele Gemeindemitglieder glauben ihrem Pastor

Klaus Geyer beteuert bis zu seinem Tod seine Unschuld. Später, bereits im Gefängnis sitzend, sagt er, er fühle sich in einer absurden Situation. Er könne sich nicht damit abfinden, dass ihm jemand unterstelle und ihn dafür verurteilt habe, seine Frau umgebracht zu haben. Viele seiner Gemeindemitglieder halten weiter zu ihrem Pfarrer. "Das war eigentlich schon erstaunlich", sagt Anwalt Börner. Für Ermittler Bosse ist der Fall klar: "Die Indizien waren eindeutig. Klaus Geyer hat seine Frau umgebracht. Wahrscheinlich wollte sie sich von ihm trennen."

Am 16. April 1998 kommt das Gericht zu seinem Urteil. Es spricht Pastor Geyer des Totschlags im Affekt für schuldig. Von den acht Jahren Haft sitzt er fünf ab, dann wird der inzwischen an Krebs erkrankte Geyer im November 2002 vorzeitig entlassen. Ein Jahr später stirbt er.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 16.04.2018 | 19:30 Uhr

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