Stand: 08.12.2017 19:59 Uhr

Ehepaar kritisiert Hausdurchsuchung nach G20

von Stefan Schölermann

Lautes Wummern an der Terrassentür, Polizeiwagen in der ganzen Straße, Dutzende Beamte rund ums Haus: Es ist ein Schreck in der Morgenstunde, als Annette und Meinhard Ramaswamy aus Göttingen am Dienstag um Punkt sechs Uhr unsanft aus ihrer Frühstückroutine gerissen werden: "Ich bin furchtbar erschrocken gewesen. Ich habe die schwarzen Gestalten gesehen und bin dann nur hingerannt, weil ich befürchten musste, dass die Glastür eingeschlagen wird", sagt Meinhard Ramaswamy. Er und seine Frau trauen ihren Augen kaum, als Sekunden später 25 Beamte von ihrer Wohnung quasi "Besitz ergreifen".

Verdächtige war tatsächlich beim G20-Gipfel

Ihre Wohnung ist eines von bundesweit mehr als 20 Objekten, die an diesem Tag durchsucht werden. Die Beamten kommen im Auftrag der Sonderkommission (Soko) "Schwarzer Block" der Hamburger Polizei. Die Soko ermittelt wegen der gewaltsamen Auseinandersetzungen beim G20-Gipfel im Sommer in der Hansestadt - auch gegen Annette Ramaswamy. Denn sie war tatsächlich am 7. Juli dieses Jahres in Hamburg. Und sie war auch frühmorgens um sechs Uhr an der Straße Rondenbarg. Genau dort war es zu massiven Auseinandersetzungen zwischen Angehörigen des sogenannten Schwarzen Blocks und der Polizei gekommen. Im Durchsuchungsbefehl ist von Landfriedensbruch die Rede und davon, dass sie mutmaßlich mit "150 bis 200 Gleichgesinnten" unterwegs gewesen sei. Sie haben "gemeinschaftlich mit anderen Amtsträger tätlich angegriffen und gefährliche Werkzeuge mitgeführt."

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Annette Ramaswamy bei einer Demo im Jahr 2015.
"Habe nichts mit den Vorwürfen zu tun"

Die Physiotherapeutin weist den Vorwurf zurück: "Ich habe von gewaltsamen Auseinandersetzungen zunächst nichts mitbekommen. Ich konnte nicht sehen, was an der Spitze des Zuges geschieht. Ich habe nur plötzlich mitbekommen, dass das Tempo beschleunigt wird und dass die Leute fliehen. Als Wasserwerfer auf der Bildfläche erschienen, bin ich, um mich zu schützen, in den Graben gesprungen." Ihr Fazit: "Was in diesem Durchsuchungsbefehl steht, damit habe ich überhaupt nichts zu tun. Das befremdet sehr und es macht Angst."

"Ich kann nicht mehr arbeiten"

Durchsucht wird am Dienstagmorgen auch das Auto der Familie. Beschlagnahmt werden Festplatten und Datenträger von Meinhard Ramaswamy. Das Auto gehört ihm, und die Festplatten enthalten nach eigenen Angaben Dokumente und Projekte des freiberuflichen Dozenten. "Ich kann zur Zeit praktisch nicht mehr arbeiten", sagt Ramaswamy.

Polizei geht von Warnungen an die Betroffenen aus

Das Auto wird Stunden später auch eine Rolle bei der abschließenden Pressekonferenz der Polizei in Hamburg spielen, denn es war einige Straßen entfernt vom Wohnhaus der Familie geparkt. Dem Einsatzleiter ist das offenbar eine gesonderte Anmerkung wert: In einem Objekt hätten die Beamten den Eindruck gehabt, dass sie erwartet wurden. Deshalb, so mutmaßt er, sei der Wagen woanders abgestellt gewesen. Man habe den Wagen aber vorher gesehen und alles gefunden, was man finden wollte: "Insofern kann es natürlich sein, dass der ein oder andere manchmal glaubt, er ist schlauer als wir. Aber in dem  Fall konnten wir, glaube ich, das Gegenteil beweisen."

Polizei Hamburg äußert sich nicht

Meinhard Ramaswamy aber stellt die Angelegenheit ganz anders dar: Von einer Warnung könne keine Rede sein. Das Auto werde schon seit längerer Zeit einige Straßen weiter geparkt. Der Grund: Vor ziemlich genau einem Jahr gab es eine Demonstration von Rechtsextremisten vor seinem Haus, sagt der 64-Jährige, der als Mitglied der Piraten-Partei im Kreistag sitzt. Vor Kurzem erst seien Plakate aus seinem Vorgarten entwendet worden. Er habe Sorge, das Rechtsextremisten das "Auto beschädigen, wenn sie hier rumtoben. Deshalb wird das immer an einer anderen Stelle geparkt." Die Polizei in Hamburg wollte sich wegen des laufenden Verfahrens auf Nachfrage zu dem konkreten Fall nicht äußern.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 09.12.2017 | 08:20 Uhr

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