Stand: 21.12.2015 19:28 Uhr

Älteste Glashütte Europas in Bodenfelde entdeckt

von Eva Werler

Leuchtend grüne Wälder, üppige Wiesen, eine weitläufige naturbelassene Landschaft, die von kleinen Bächen und Mooren durchzogen ist - das ist der Solling im Weserbergland. Was heute ein beliebtes Naherholungsgebiet ist, bescherte den Menschen im Mittelalter beste Bedingungen, um Glas zu produzieren. Die Wälder lieferten das Holz für die Öfen, das Wasser der Bäche wurde zum Kühlen benutzt, sandige Flächen boten den Rohstoff. Damals war die Weser ein wichtiger Verkehrs-und Handelsweg. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich im gesamten Weserbergland eine mittelalterliche Produktionsstätte für Glas an der nächsten reihte.

Die Zeit um das Jahr 900 - Erkenntnisse aus Bodenfelde

Unerwartete Erkenntnisse für Wissenschaftler

Die Ergebnisse der jüngsten Grabung lassen nun aber ganz neue Rückschlüsse auf die damalige Zeit zu. Es sei nun klar, dass bereits im 9. Jahrhundert diese sehr weit entwickelte Form der Glasherstellung in Bodenfelde praktiziert wurde. So fasst es der Leiter der Kampagne, Archäologe Prof. Hans-Georg Stephan von der Universität Halle zusammen. "Eine epochale Zäsur", so Stephan weiter. "Es ist ein Technologie-Sprung, den man erst im 13. Jahrhundert erwartet hatte." Denn dieses Gebiet Mitteleuropas, westlich des Rheins, gehörte damals nicht zum Römischen Reich. Man ging bisher davon aus, dass in dem Gebiet die Sachsen sehr archaisch und wenig zivilisiert lebten. Dieser Blick ist nun revidiert. Denn die Wissenschaftler haben Schmelzhäfen, also Schmelzgefäße aus einem Ton gefunden, den es im Solling gar nicht gibt. Das lässt zwei Rückschlüsse zu, so der Archäologe: Entweder wurde diese Art von Ton über die Nordsee und Bremen mitgebracht und gelangte so in den Solling, oder er stammt aus Tonlagerstätten in der Nähe von Kassel. Denn auch dort gab es das wertvolle Material mit den hervorragenden Eigenschaften für die Glasschmelze.

"Kein finsterer Urwald"

Die damaligen Einwohner des Sollings müssen also gewusst haben, wo solch spezielle Tonlager aufzufinden waren. Und auch wie man an den Ton herankommt. "In einem Gebiet, das wir zuvor für den finstersten Urwald gehalten hatten, lebten also bereits im 9. Jahrhundert Menschen mit diesen Kenntnissen", so Stephan. "Das hat uns elektrisiert." Stephan vermutet, dass die Hütte im Auftrag des zu Beginn des 9. Jahrhunderts gegründeten Klosters Corvey Rohglas produziert hat, das dann im Kloster weiter verarbeitet wurde. Die Mönche des Klosters zählten damals zu der geistigen und technischen Elite. Es waren meist Angehörige der führenden Adelsfamilien Norddeutschlands.

Datierung anhand von Scherben

Seit 2012 führt das Institut für Kunstgeschichte und Archäologien Europas der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg mit Unterstützung des Sollingvereins, des Fleckens Bodenfelde (Landkreis Northeim) und der Stadt Uslar Ausgrabungen an zwei mittelalterlichen Glashüttenstandorten im Kreickgrund am Südrand des Solling bei Bodenfelde Untersuchungen durch. Nach einer Grabung zwischen Polier und Bodenfelde im Sommer dieses Jahres hatte Archäologe Stephan den Entschluss gefasst, 500 Meter weiter erneut zu graben. Es waren Scherbenfunde an dieser Stelle am Bachlauf der Bredenbeke gefunden worden, das hatte seine Neugier entfacht. Im Herbst startete daraufhin die nächste Grabung, die nun abgeschlossen ist. Vor allem die gefundenen Scherben sind wichtig für die Datierung. Denn die ausgegrabenen Gebrauchskeramiken geben Aufschluss über das Alter der Glashütte.

Woher kam der Ton?

In einem nächsten Schritt soll nun genau geklärt werden, woher der Ton für die Feuerfestkeramik genau kam: Kam sie über die Nordsee oder aus den Tonlagerstätten in der Nähe von Kassel. Archäologe Stephan tippt auf Hessen. Weiterführende Untersuchungen der Gebrauchskeramiken in Bezug auf Spurenelemente und Mineralien sollen diese  Frage nun beantworten.

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Hallo Niedersachsen | 21.12.2015 | 19:30 Uhr

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