Stand: 15.06.2018 23:00 Uhr

Wo es Hilfe für psychisch kranke Flüchtlinge gibt

von Elisabeth Weydt

Wer in Deutschland eine Psychotherapie benötigt, sollte viel Geduld haben. Lange Wartezeiten und aufreibende Bürokratie sind hier an der Tagesordnung. Noch stärkere Nerven brauchen jedoch psychisch kranke Geflüchtete. Das zeigt eine bundesweite Umfrage von NDR Info. Die Defizite in der Versorgung sind weiterhin gravierend, da es immer noch keine einheitlichen Regelungen gibt. Die Grünen-Bundestagsfraktion wirft der Bundesregierung unterlassene Hilfeleistung vor. In Niedersachsen und Hamburg gibt es allerdings Initiativen, den psychisch kranken Flüchtlingen trotz der schwierigen Ausgangslage helfen.

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Heitham Al-Akras ist froh, dass er nach langer Wartezeit in Neumünster Hilfe für seine Tochter gefunden hat.

In der psychosozialen Anlaufstelle für Geflüchtete im schleswig-holsteinischen Neumünster sitzt Heitham Al-Akras mit seiner zehnjährigen Tochter. Sie war schon in Syrien krank. Die ständigen Bombenexplosionen, der Anblick vieler Toter und der "Islamische Staat" haben ihr zugesetzt. Schon in der ersten Woche in Deutschland habe er Hilfe für sie gesucht. Seit über einem Jahr wartet die Familie nun auf einen Psychotherapieplatz für die Tochter. "Manchmal hat sie einfach nur laut geschrien, ist nachts aufgewacht und war ganz verschwitzt. Sie hatte ganz komische Träume. Dann war sie aggressiv, dann hat sie wiederum gar nicht mehr geredet. Sie hatte wirklich große Angst," erzählt er. Eine erste überbrückende Hilfe haben sie nun im psychosozialen Zentrum der Diakonie Altholstein gefunden.

Vorwurf: Unterlassene Hilfeleistung

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Frau Deycke und Frau Sohlich vom psychosozialen Zentrum in Neumünster kümmern sich um das syrische Mädchen.

Psychisch kranke Geflüchtete finden in Deutschland nur schwer Hilfe. Die Zuständigkeiten sind bundesweit uneinheitlich geregelt und die Hilfsangebote unterschiedlich gut ausgebaut. Außerdem gibt es kaum valide Daten zur Versorgungslage. Das hat eine Umfrage von NDR Info in den 16 Bundesländern und bei den vier größten Krankenkassen ergeben.

Dabei sehen die Befragten die Situation teilweise selbst als besorgniserregend an. "Aus unserer Sicht ist die Versorgungssituation nach wie vor unzureichend und wird sich voraussichtlich noch weiter dramatisieren," schreibt etwa das Sozialministerium von Sachsen-Anhalt zur Umfrage von NDR Info. Die geflüchteten Menschen könnten nach der langen Ankunftsphase überhaupt erst ihre gesundheitlichen Belange in den Blick nehmen und artikulieren.

Die Grünen-Bundestagsfraktion wirft der Bundesregierung sogar unterlassene Hilfeleistung vor. Die gesundheitspolitische Sprecherin Maria Klein-Schmeink hält die Situation für dramatisch und ruft dazu auf, frühzeitig und schnell zu helfen. Laut Bundestherapeutenkammer sind mehr als die Hälfte der Geflüchteten Erwachsenen und ein Drittel der Kinder psychisch krank, auch wenn nicht alle eine Therapie benötigten.

Bundesweit große Unterschiede

Auch Gundula Deicke, die Leiterin der psychosozialen Anlaufstelle in Neumünster, wünscht sich mehr Unterstützung von der Politik. Ihr Zentrum kann nur etwa ein Drittel der Hilfesuchenden versorgen und selbst die müssen dann vier bis fünf Monate warten. Die Anlaufstelle in Neumünster gehört zum deutschlandweiten Netzwerk der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer. Diese Zentren gibt es in jedem Bundesland und sie gelten als erste Anlaufstellen für psychisch kranke Geflüchtete, allerdings sind sie finanziell und personell sehr unterschiedlich ausgestattet. So gibt es in Rheinland-Pfalz beispielsweise sechs solcher Standorte, die jährlich gut 3.500 Menschen versorgen können, während es in Schleswig-Holstein lediglich ein einziges Zentrum gibt.

Gutes Beispiel: Niedersachsen

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In Niedersachsen gibt es sechs Standorte von NTFN, dem Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge in Hannover.

Deutlich besser sieht es Niedersachsen aus. Mit gut sieben Millionen Euro hat das Land die Einrichtung Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge 2017 und 2018 unterstützt. Nun gibt es sechs Standorte statt einem einzelnen und überall enge Kooperationen mit Kliniken, niedergelassenen Psychotherapeuten, Rechtsanwälten und Hilfsorganisationen. Knapp 1.500 Geflüchtete wurden so im vergangenen Jahr betreut. Daniela Finkelstein, Leiterin des psychosozialen Zentrums für Geflüchtete in Göttingen, weiß das zu schätzen: "Wir sind dem Land Niedersachsen unendlich dankbar dafür, diese Gelder zur Verfügung zu haben. Ohne diese wäre die Arbeit, die wir hier leisten, unmöglich."

Hamburg übernimmt Kosten für Dolmetscher

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Julia Flor arbeitet mit vier weiteren Kollegen für das Gesundheitszentrum Haveno in Hamburg.

Wie hoch der Bedarf ist, merkt auch Julia Flor von der Praxisgemeinschaft Haveno in Hamburg. Die fünf Psychotherapeuten der Einrichtung haben sich auf Menschen mit Fluchterfahrung spezialisiert, sprechen mehrere Sprachen und verwenden außerdem viel Zeit auf das Genehmigungsprozedere mit den Krankenkassen. In Hamburg werden im Gegensatz zu allen anderen Bundesländern die Dolmetscherkosten für Psychotherapie übernommen. Die Stadt hat dafür einen Fonds eingerichtet. Allerdings sei es in Hamburg besonders schwer, eine Therapie von der Krankenkasse bewilligt zu bekommen, sagt Julia Flor. "Wir unterstützen auch darin, einen Antrag bei den großen Kassen zu stellen. Schließlich wollen wir damit auch deutlich machen, dass der Bedarf weiterhin hoch ist und dass es eine Versorgungslücke gibt." Manchmal arbeiten sie oder ihre Kollegen dann kostenlos.

Eine langfristige Therapie ist sinnvoll

Eine Therapie könne allerdings nur wirklich erfolgreich sein, wenn die Patienten eine stabile Lebenssituation hätten, erklärt Flor. Wenn der Aufenthalt immer unsicher sei und nur für kurze Zeiträume verlängert werde, sei es schwer eine Gesundung zu erreichen. Hohe Spannungen und Unsicherheiten erschwerten die Heilung eines Traumas. "Bei syrischen Patienten ist es besser", erklärt sie. "Die bekommen in vielen Fällen subsidiären Schutz und können dann für drei Jahre bleiben - das ist eine Größe, mit der man arbeiten kann."

"Ich habe das Gefühl, dass sie wieder meine Tochter ist"

Auch bei der syrischen Patientin in Neumünster geht es stetig bergauf. Der schüchternen Tochter von Heitham Al-Akras geht es dank der Therapie viel besser. Diese Veränderung mache sich auf allen Ebenen und auch in der Schule bemerkbar, beschreibt ihr Vater: "Ich merke, dass es ihr viel besser geht, seit sie hier in Behandlung ist. Ich habe das Gefühl, dass sie wieder meine Tochter ist. Ich bin der Diakonie und allen, die uns geholfen haben, sehr dankbar."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | NDR Info Perspektiven | 16.06.2018 | 08:20 Uhr

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