Stand: 10.09.2020 15:35 Uhr

Core Oldenburg: Sieht so die Zukunft des Kaufhauses aus?

von Maren Bruns
Co-Working im Core in Oldenburg © Core Oldenburg
Die Co-Working-Flächen im Core in Oldenburg sollen ganz bewusst großzügig gestaltet werden und so zum Verweilen einladen (Simulation).

Viele deutsche Innenstädte ähneln sich: In großen Einkaufsstraßen reihen sich Kaufhäuser und Schaufenster aneinander, dazwischen Cafés. Aber die Stadtzentren leiden. Der Online-Handel zwingt Filialisten seit Jahren zum Umdenken, große Häuser wie Galeria Karstadt Kaufhof stehen vor der Pleite. Was könnte die Menschen wieder in die Innenstädte locken? In Oldenburg soll in einem leer stehenden Kaufhaus nun ein Ort entstehen, der nicht nur auf Handel setzt, sondern auch andere Bedürfnisse berücksichtigt. Ist das die Zukunft unserer Innenstädte? Die NDR Info Perspektiven waren vor Ort.

Die Einzelhändler in Deutschland sind in Sorge. Obwohl die Geschäfte nach den Maßnahmen im Zuge der Corona-Pandemie seit März wieder öffnen können, bleiben die Kunden aus. Im Vergleich zum Vorjahr sind im August fast 15 Prozent weniger Kunden in die Geschäfte gegangen, wie eine aktuelle Auswertung von Statista zeigt. Ob die Filialen diesen Verlust überstehen, steht noch aus, denn die Frist für Insolvenzanträge ist bis zum Ende des Jahres ausgesetzt. Sind die Innenstädte, wie wir sie kennen, noch zu retten? Der Leiter der Wirtschaftsförderung im niedersächsischen Oldenburg, Ralph Wilken, sagt ja: "Ich glaube an die Innenstadt. Der Innenstadt-Handel wird seinen großen Platz finden. Vielleicht sind es in Zukunft nicht die ganz großen Flächen. " Oldenburgs Besonderheit liege auch im kleinteiligen, inhabergeführten Angebot. Es müsse auch darum gehen, Erleben und Einkaufen miteinander zu verbinden, etwa durch Aktionen oder Veranstaltungen, die die Menschen dafür begeistern, in die Innenstadt zu kommen.

Mischung aus Lifestyle, Arbeit und Gastronomie

Auftaktveranstaltung im Core in Oldenburg © Core Oldenburg
Die Präsentation der Pläne im Februar 2020 im Core löste einen regelrechten Besucher-Ansturm aus.

Ein Konzept, das die Menschen wieder in die Innenstädte locken soll, entsteht derzeit in Oldenburg. Das Core, zu Deutsch also der Kern, will neue Arbeitskonzepte mit Lifestyle und Gastronomie verbinden. Und nutzt dafür die Fläche eines seit Jahren leer stehenden Einkaufzentrums mitten in der Innenstadt. Für Initiator und Architekt Alexis Angelis ist das der Weg in die Zukunft: "Auf dieser Fläche werden verschiedene Themen zusammenkommen, die Stadt ausmachen. Das Leben soll hier gebündelt werden. Im Erdgeschoss wird ein Food-Court mit Essensständen entstehen. Man man kann hier also einfach essen und trinken und Zeit verbringen und im Obergeschoss wird gearbeitet. Es gibt Meeting-Räume und frei buchbare Arbeitsplätze. So werden hier Unternehmen, aber auch Freelancer einen Ort zum Arbeiten haben."

Neue Inhalte für Kaufhäuser gefragt

Ein Schaufenster des Core in Oldenburg © Core Oldenburg
Früher war im Gebäude eine Hertie-Filiale - das geplante Core soll ein Ort der Begegnung werden.

Alte Flächen neu zu nutzen sei ein Konzept, das sich auch auf andere Städte übertragen lasse, sagt Mitgründer Jens Läkam: "Ich glaube, wir haben hier die einmalige Chance, Leerstand von Städten neu zu beleben. Das Problem haben ja gerade ganz viele Städte. Deswegen sind Misch-Konzepte die Antwort der Zukunft auf solche Gebäude. Das Konzept Core ist definitiv übertragbar auf andere Standorte. Auch Angelis ist sich sicher: Gerade kleine und mittelgroße Städte wie Oldenburg bräuchten diesen Mut, alte Flächen neu zu beleben. Wir glauben an diesen Plattform-Gedanken, Gemeinschaft und Community zu entwickeln und einen Raum dafür zu geben. Und Wirtschaft und Wissenschaft zu bündeln. Wir wollen das mitten in die Stadt bringen und sichtbar machen, dass das eigentlich die Antwort ist, um solche Flächen in der Zukunft anders zu beleben." Die Erkenntnis in Oldenburg war also, dass nicht der Ort schlecht ist, sondern dass es neue Inhalte braucht.

Anziehungspunkt für andere Mieter

Im kommenden Frühjahr soll das Core in Oldenburg eröffnen. Schon jetzt hat sich auf den ehemals verwaisten Flächen neues Leben eingefunden. Insgesamt sind es 6.000 Quadratmeter, die vorher leer standen und nach und nach neu gefüllt worden. Das Projekt habe auch auch neue Mieter angezogen, wie etwa die Oldenburgische Landesbank, die dort ein Beratungszentrum eröffnen wird. Doch für Angelis ist das erst der Anfang. Auch in anderen Städten Deutschlands ist man kreativ geworden. In Chemnitz wurde zum Beispiel ein altes Kaufhaus zum Museum, in Neuss eines zum Theater umgebaut.

Nicht nur auf eine Art der Nutzung setzen

Gastronomie im Core in Oldenburg © Core Oldenburg
Die Bereiche für die Gastronomie können auch zu Eventflächen werden (Simulation).

DasHamburger Netzwerk JES beschäftigt sich schon länger mit solchen Konzepten. Gründerin Julia Erdmann ist davon überzeugt, dass die Zukunft der Kaufhäuser in der Mischung liegt. Die Stadtplanerin und Architektin erklärt, dass besonders die Innenstädte von Verödung betroffen sind, die immer nur auf eine oder zwei Nutzungen setzen, wie Shopping oder Büros. Nach einer Faustregel sei ein Ort aber besonders dann interessant, wenn er zehn verschiedene Nutzungsarten ermögliche. Nur auf das große Einkaufszentrum als Anziehungspunkt zu setzen, sei ein ziemlich großes Risiko und nicht zukunftsträchtig.

Mehr Kollaborationen ermöglichen

Um Orte wieder lebendig zu machen, müsse der Mensch bei der Stadtplanung wieder im Mittelpunkt stehen. Auch die Politik könne die Rahmenbedingungen ändern, um Orte wieder lebenswerter zu machen. Die funktionsgetrennte Stadt, also Leben, Arbeiten und Einkaufen an unterschiedlichen Orten sei ein überholtes Konzept: "Im 21. Jahrhundert werden unsere Themen immer komplexer. Das heißt, Lösungen der Zukunft liegen in der Kollaboration. Man sollte die Stadtplanung nicht mehr nur einem Ressort überlassen. Ideen und Konzepte müssen auch in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen der Stadt, Engagierten und Machern entstehen."

Gastronomie im Core in Oldenburg © Core Oldenburg
AUDIO: NDR Info Perspektiven: Konzepte für leer stehende Kaufhäuser (7 Min)

 

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Dieses Thema im Programm:

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