Stellenabbau bei MV-Werften: Hoffen auf den Rettungsschirm

Stand: 11.02.2021 06:36 Uhr

Bei den MV-Werften stehen rund 1.200 Arbeitsplätze zur Disposition. Der Stellenabbau ist heute auch Thema im Landtag. Die IG Metall informiert zudem über den Stand der Verhandlungen.

Die Schreckens-Nachricht kam in Form eines Zwei-Minuten-Videos in der Mitarbeiter-App: Die MV-Werften wollen an den drei Standorten in Wismar, Warnemünde und Stralsund mehr als ein Drittel der insgesamt rund 3.100 Arbeitsplätze streichen. Darüber hatte die Geschäftsführung die Belegschaft am Dienstagabend knapp informiert. Nun blicken die Beschäftigten sorgenvoll nach Berlin.

Entscheidung über Gutachten bis Ende März

Die Werftengruppe hofft, mit dem nun angekündigten Sanierungskurs ein positives Gutachten des Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) zu erhalten und unter den Corona-Rettungsschirm des Bundes zu kommen. Dabei geht es um weitere rund 400 Millionen Euro Staatshilfen. "Voraussetzung für die Gewährung von Kreditmitteln des Bundes ist die Anpassung der Personalstärke an die Auftragslage", teilte Geschäftsführer Peter Fetten am Mittwoch mit. Im Oktober hatten die MV-Werften bereits einen Kreditvorschuss in Höhe von 193 Millionen Euro bekommen. Die Entscheidung des am Bundeswirtschaftsministerium angesiedelten Gremiums wird bis Ende März erwartet. Spätestens dann sollen auch die Einzelheiten des Sanierungskurses feststehen. Bis dahin heißt es auf den Werftstandorten: hoffen.

Glawe: Arbeiten an Perspektive für Belegschaft

Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) bezeichnete die Ankündigung des Jobabbaus als "bitter". Die Belegschaft benötige nun unbedingt eine Fortführungsperspektive. "Daran arbeiten alle Beteiligten nach wie vor intensiv", so der Minister. Aufgrund der weiter anhaltenden Corona-Pandemie sei die Lange aber nicht einfacher geworden, die Kreuzschifffahrt stecke weltweit noch immer in der Krise. Glawe kündigte an, das alle Beteiligten weiter nach Lösungsmöglichkeiten suchen. "Das ist die Herausforderung für die kommenden Wochen."

Landtag: Linke will Werftschließung verhindern

Die oppositionelle Linksfraktion hat für die heutige Sondersitzung des Landtags einen Dringlichkeitsantrag zu den Werften angekündigt. Die Linke befürchtet, dass im Zuge der Stellenstreichung auch ganze Standorte geschlossen werden könnten und fordert, dass alle drei Schiffbaubetriebe in Wismar, Rostock und Stralsund erhalten bleiben sollen.

IG Metall will "Kahlschlag" nicht mitmachen

Die Stralsunder Grünen-Bundestagsabgeordnete Claudia Müller forderte den Mutterkonzern Genting Hongkong auf, schnellstmöglich Transparenz zu schaffen und klar zu sagen, wie es mit den Werften weitergehen soll. Hagen Reinhold, der für die FDP im Bundestag sitzt, bezeichnete den geplanten Job-Abbau als "Katastrophe mit Ansage". Der Fortbestand eines zwangsgeschrumpften Unternehmens sei keineswegs sicher. Die IG Metall Küste will ihre Mitglieder heute per Videokonferenz über den Stand der Gespräche informieren. "Ein Kahlschlag ist mit uns nicht zu machen", hatte IG Metall-Bezirksleiter Daniel Friedrich angekündigt. Stralsunds Oberbürgermeister Alexander Badrow (CDU) teilte mit, der Schiffbau gehöre zur "DNA" der Stadt. "Diese Tradition von fast 700 Jahren werfen wir in Stralsund ganz sicher nicht tatenlos über Bord." Der Schiffbau in Stralsund habe Zukunft. Auch Rostocks Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen (parteilos) zeigt sich besorgt und hofft auf Unterstützung von Bund und Land. Der Schiffbau in MV habe "nicht nur eine lange Tradition", er sei auch "ein Wirtschaftskern im Norden", so Madsen. In den "vergangenen Jahrzehnten haben unsere Werften bewiesen, dass sie flexibel sind und Innovationen schnell und in hoher Qualität umsetzen können", hieß es.

"Arbeitsplatzabbau so gering wie möglich halten"

"Wir sind in einer sehr misslichen Lage, dass unser Eigentümer Genting Hongkong ebenfalls durch die Corona-Pandemie in Schwierigkeiten geraten ist, dass der Kreuzfahrtschiff-Markt sehr stark weggebrochen ist und wir uns auf Kreuzfahrtschiffe spezialisiert haben", sagte der Rostocker Betriebsratsvorsitzende Harald Ruschel dem NDR in Mecklenburg-Vorpommern. Nun gelte es, in die Verhandlungen über einen Sozialplan sowie einen Interessenausgleich für die Betroffenen mit der Geschäftsführung einzutreten. "Unser Ziel ist es, den Arbeitsplatzabbau so gering wie möglich zu halten", betonte Ruschel, der sich eine weniger spärliche Informationspolitik seitens der Geschäftsführung gewünscht hätte.

Videos
Die MV-Werften in Stralsund.
2 Min

Sanierung der MV-Werften: 1.200 Arbeitsplätze in Gefahr

Wie groß wird der geplante Job-Abbau? Und steht Stralsund als Produktionsstandort auf der Kippe? Michaele Rüting berichtet. 2 Min

Betriebratschefin glaubt an Comeback der Kreeuzfahrtschifffahrt

Man müsse nun einige Aufträge strecken oder manche auch abbrechen. Mit einer positiven Entscheidung des Wirtschaftsstabilisierungsfonds würde die Werftengruppe "ein bisschen Zeit gewinnen, um sich auf dem Markt nach anderen Aufträgen umzugucken", sagte die Wismarer Betriebsratsvorsitzende Ines Scheel. Die seit mehr als 40 Jahren im Schiffbau tätige Scheel geht davon aus, dass der Kreuzfahrtmarkt insbesondere in Asien wieder anzieht und das dann weitere Schiffe nachgefragt werden. "Bis dahin wollen wir möglichst viele Kollegen an Bord halten können", so Scheel.

Schwierige Auftragsakquise

Scheel weiß um die Schwierigkeit, neue Aufträge zu bekommen: "Für neue Aufträge braucht man Zeit", sagt sie, Selbst wenn heute ein Reeder kommen würde und sagen würde: 'Bau mir ein Schiff' oder 'bau mir eine Offshore-Plattform', dann bräuchte es zwölf bis 18 Monate Vorlaufzeit, für die Vorbereitung der Konstruktion und die Materialbeschaffung. "Das muss man immer im Hintergrund behalten."

Fokus auf Expeditionsjacht und "Global Dream"

Derzeit liegt der Fokus des Werftenverbunds auf der Fertigstellung der Expeditionsjacht "Crystal Endeavour" in Stralsund sowie dem Weiterbau des Kreuzfahrtschiff-Riesen "Global Dream" in Wismar. Die Arbeiten am begonnenen Schwesterschiff "Global 2" in Rostock-Warnemünde ruhen derzeit weitgehend. Laut der Wismarer Betriebsratsvorsitzenden Ines Scheel soll die "Crystal Endeavour" bereits im Sommer die erste Reise beginnen. Was aus den beiden Groß-Kreuzfahrtschiffen wird, ist derzeit noch ungewiss. "Wir wollen diese Schiffe unbedingt aus der Dockhalle Schwimmen sehen", so Scheel weiter. Sie hoffe, dass es mit dem Schiffbau weitergeht, "Aber es hängt alles davon ab, wie der Wirtschaftsstabilisierungsfonds sich Ende März entscheidet."

Weitere Informationen
Warnemünde: Laufkatzen hängen am Bockkran der MV Werft in Rostock-Warnemünde. © dpa-Bildfunk Foto: Jens Büttner/dpa

MV-Werften: Insolvenz vorerst abgewendet

Mit 53 Millionen Euro werden die drei Standorte in Wismar, Rostock und Stralsund vorerst vor der Zahlungsunfähigkeit bewahrt. mehr

In der Schiffbauhalle der MVWerften am Standort Stralsund arbeiten Mitarbeiter an der Luxus-Expeditionsyacht "Crystal Endeavor". © dpa-Bildfunk Foto: Stefan Sauer

Finanzausschuss rettet wieder einmal die MV-Werften

In einer Sondersitzung wurden erneut Sicherheitsreserven für die wirtschaftlich angeschlagenen Werften freigegeben. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Die Nachrichten | 10.02.2021 | 16:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern

Der AfD-Landesparteivorsitzende Leif-Erik Holm spricht auf dem Parteitag in Waren an der Müritz. © dpa Foto: Bernd Wüstneck

AfD auch in MV nun "rechtsextremistischer Verdachtsfall"

Die Koalitionsparteien in Mecklenburg-Vorpommern begrüßen den Schritt, die Landes-AfD spricht von einer "skandalösen Entscheidung". mehr