Stand: 20.01.2019 12:51 Uhr

Plötzlich ein Problem: Das Riff vor Nienhagen

In dem künstlichen Riff vor Nienhagen haben sich viele Fische angesiedelt.

Was passiert, wenn Fische und Wasserpflanzen in Küstennähe durch die Hand des Menschen ideale Lebensbedingungen bekommen - beispielsweise durch künstlich angelegte Riffe? Umfangreiche Antwort auf diese Frage erhalten Wissenschaftler des landeseigenen Instituts für Fischerei vom Riff vor Nienhagen bei Rostock. Seit 15 Jahren beobachten sie mit großer Freude, was sich dort unter Wasser tut. Doch nun ist überraschend Schluss. Die Fachleute im Ministerium - die Fischerei- und die Naturschutzbehörden - sind sich nach 15 Jahren nicht mehr einig über den Sinn.

"Die Fische sind wirklich so bunt"

Unterwasser-Fotograf Uwe Friedrich schwärmt davon, was ihm rund ums Riff vor die Linse kommt. Er zeigt es allen in einer Ausstellung in der Bad Doberaner Kreisverwaltung - eine farbenfrohe Unterwasserwelt, die man eher vom Roten Meer als von der Ostsee kennt: "Nachgeholfen habe ich gar nicht. Die Fische sind wirklich so bunt", sagt er. In den zehn bis zwölf Metern Wassertiefe, in denen er sich bei seiner Arbeit normalerweise bewege, sehe man nur grau und grün. "Sobald ich aber das Licht anmache, habe ich diese knallig-bunten Farben."

Künstliche Riffe sollen Fischbestände stärken

Friedrich dokumentiert die Entwicklung des künstlichen Riffs vor Nienhagen seit Beginn der wissenschaftlichen Arbeiten. 1994 hatten Wissenschaftler wegen sinkender Fischbestände an der deutschen Ostseeküste damit begonnen, sich mit künstlichen Riffen zu beschäftigen. 2003 wurde schließlich acht Kilometer westlich von Warnemünde bei Nienhagen das erste künstliche Riff errichtet. Ein zweites Riff wurde später östlich von Warnemünde vor Rosenort installiert.

Aus Naturstein und Beton

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Vor Nienhagen wurden 2003 sogenannte Tetrapoden aus Beton für das künstliche Riff versenkt.

In den Bauwerken aus riesigem Naturstein und speziellen Betonelementen vor Nienhagen siedelten sich viele Fische an. Schon nach einigen Jahren lebten dort doppelt so viele Jungfische wie an anderen Stellen in der Ostsee. Das Schweriner Umweltministerium und die Europäische Union haben die Vorhaben bis heute mit rund 5,5 Millionen Euro unterstützt.

Ministeriumsabteilung versagt weitere Genehmigung

Umso erstaunter waren sie, als jetzt aus der Naturschutzabteilung des Ministeriums und dem Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie (LUNG) in Güstrow (Landkreis Rostock) eine weitere Genehmigung aus naturschutzrechtlichen Gründen versagt wurde, wie der Fischereireferent im Ministerium, Gerhard Martin, gegenüber NDR 1 Radio MV erklärt: "Das hatten wir nicht erwartet, weil es ja mit der Verwaltung immer Gespräche über Fortschritte und die Naturschutzverträglichkeit gab." Deshalb habe man eigentlich fest damit gerechnet, dass eine weitere Genehmigung akzeptiert werde.

Riff verletzt Eingriffsregelung im Küstenbereich

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Von einer Forschungsplattform kann das Treiben unter Wasser beobachtet werden.

Der Grund für das Aus: Das Riff widerspreche der festgeschriebenen Eingriffsregelung für den Küstenbereich, heißt es aus der Naturschutzabteilung des Ministeriums. Baumaterial dürfe nur dort eingebracht werden, wo zuvor vergleichbare Stoffe entnommen wurden - und das ist beim künstlichen Riff nicht der Fall. Zudem seien die Betonfertigteile fehl am Platze. Damit ruht die wissenschaftliche Arbeit auch am Riff in Rosenort.

Eine Kinderstube für den Jungdorsch

Projektleiter Thomas Mohr vom Rostocker Institut für Fischerei sieht künstliche Riffe als sehr positiv an. Vor Nienhagen hätten sich sowohl Fische als auch Pflanzen in großer Vielfalt angesiedelt - allen voran der Dorsch: "Das haben wir schon 2015 nachgewiesen, dass wir mit den Riffen eine Kinderstube für den Jungdorsch schaffen." Damit gehe eine viel höhere Überlebensrate der Jungdorsche einher. "Wir hätten einen Vorteil, wenn wir mit den Riffen weitermachen würden", so Mohr. Das würde auch Fischer und Angler gleichermaßen erfreuen.

Backhaus will an künstlichen Riffen festhalten

Doch jetzt liegt außerdem noch ein drittes geplantes Riff vor Dierhagen auf Eis. Nach Aussage von Umweltminister Till Backhaus (SPD) wurden der Naturschutzverwaltung die Projekt-Ideen mit den bereits erzielten Erfolgen noch einmal vorgetragen. Der Minister will an den künstlichen Riffen festhalten. Jetzt wartet er auf Antwort von seinen Naturschutz-Fachleuten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 17.12.2014 | 13:00 Uhr

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