Der Nachbau einer V2-Rakete steht auf der Insel Usedom auf dem Gelände der einstigen Heeresversuchsanstalt Peenemünde - der heutigen Historisch-Technisches Museum Peenemünde GmbH (HTM) © dpa-Bildfunk Foto: Stefan Sauer

Peenemünde: Gegenwind für Schwesigs Welterbe-Pläne

Stand: 16.07.2021 15:32 Uhr

Die Pläne von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD), den historischen Ort der Nazi-Raketenforschung in Peenemünde auf die Welterbe-Liste der Unesco zu setzen, stoßen auf Kritik. Der SPD-Kommunalpolitiker Günther Jikeli sagte dem NDR, das Vorhaben vernachlässige den Blick auf die Opfer.

von Stefan Ludmann, NDR 1 Radio MV

Der Vorstoß der Regierungschefin kam überraschend: Am vergangenen Sonnabend erklärte sie, Peenemünde habe das Potenzial zur Aufnahme auf die Welterbeliste. Das dortige landeseigene Historisch-Technische Museum habe sich weiter entwickelt und profiliert. Wegen seiner historischen Verantwortung und seiner technischen Bedeutung sollte der Ort auf die Welterbeliste gesetzt werden. Schwesig sagte: "Peenemünde steht ja auf der einen Seite für technologische Pionierleistungen von epochaler Bedeutung, ist aber auch untrennbar mit der menschenverachtenden Ideologie des NS-Systems verbunden."

Jikeli kritisiert Darstellung

Der SPD-Kreistagsabgeordnete und ehemalige Vorsitzende der SPD auf Usedom, Günther Jikeli, hält den Welterbe-Vorschlag für eine schlechte Idee. Peenemünde werde von vielen immer noch als "die Wiege der Raumfahrt" dargestellt. Das sei völlig falsch und schlicht eine Lüge. Den Nazis sei es mit der Entwicklung der sogenannten V2 um eine Massenvernichtungswaffe gegangen. Sie wollten nicht zum Mond fliegen, sondern mit den Raketenwaffen als "Wunderwaffen" die Weltherrschaft erringen. "Man hat auch beabsichtigt, amerikanische Städte wie New York anzugreifen, das macht man nicht, wenn man zum Mond fliegen will."

Brief an Schwesig

Jikeli hat seine Bedenken in einem Brief an Schwesig formuliert. Er vermisst vor allem die Perspektive der Opfer. KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene seien als Zwangsarbeiter in Peenemünde eingesetzt worden. Mehrere hundert kamen ums Leben. Im thüringischen Mittelbau-Dora, wo die Raketenproduktion nach 1943 fortgesetzt wurde, beträgt die Zahl der Opfer etwa 20.000. Jikeli meint, Peenemünde dürfe nicht isoliert von der menschenverachtende Rüstungsproduktion im KZ Mittelbau-Dora gesehen werden. Er schreibt an Schwesig: "Meine Bitte geht dahin, dass Sie vor der Entscheidung über das "Weltkulturerbe Peenemünde" das Gespräch mit den Nachfahren der Opfer suchen. Die Adresse stelle ich gerne zur Verfügung."

Historiker widerlegt Schwesigs Argumentation

Auch Experten lehnen die Welterbe-Pläne ab. Der Historiker Jens-Christian Wagner kritisiert das Vorhaben und die Argumentation der Ministerpräsidentin. Wagner ist Stiftungsdirektor und Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, zu der auch die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora gehört. Wenn Schwesig die angeblichen "technischen Pionierleistungen" betone, dann stärke sie den alten Mythos von Peenemünde als Ort der Ambivalenz. Diese zwei Seiten einer Medaille habe es in Peenemünde aber nicht gegeben, erklärt Wagner: "Die Geschichte von Peenemünde hat einen eindeutigen Befund: Das ist der der Destruktion (Zerstörung, Anm. der Redaktion). Dort haben Ingenieure und Techniker im Nationalsozialismus Terrorwaffen entwickelt und von KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern bauen lassen, Waffen, die helfen sollten, den von den Nationalsozialisten propagierten "Endsieg" sicherzustellen." Er könne keine Facette einer positiven Entwicklung erkennen und er sehe dabei auch keinerlei "technologische Pionierleistung".

Wagner: "Destruktive Energie klar benennen"

Selbstverständlich könnten Orte wie Peenemünde Teil des Weltkulturerbe werden, meinte Wagner. Das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gehöre immerhin auch dazu. Die Aufnahme zeige, "dass Kultur nicht immer nur das Wahre, Gute, Schöne ist, sondern Kultur umfasst eben auch die destruktive Energie, die mit der Moderne einhergegangen ist". Im Fall von Peenemünde müsste das dann auch klar benannt werden, dort dürfe dann nicht weiter ein falsches Bild befördert werden.

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Warnung vor Mythos Peenemünde

Schon in der Vergangenheit hatten Forscher wie der Politikwissenschaftler Rainer Eisfeld vor dem Mythos Peenemünde gewarnt. Den Entwicklern sei es nicht um Raumfahrt gegangen, sondern um Massenvernichtungswaffen. Zusammengefasst ist das unter anderem in einem Buch der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung - Titel: "Raketen und Zwangsarbeit in Peenemünde."

2011 stoppte Sellering Welterbe-Plan

Pläne, den Norden der Insel Usedom zum Welterbe zu machen, wurden schon 2011 gestoppt - von Schwesigs Vorgänger und Parteifreund, dem damaligen Ministerpräsidenten Erwin Sellering. Er erteilte dem Vorhaben seines Kultusministers Henry Tesch (CDU) eine klare Absage. Tesch wollte Peenemünde als Welterbe in eine Reihe mit den Weltraumbahnhöfen Cape Canaveral (USA) und Baikonur (Kasachstan/Russland) stellen. Der Schweriner Volkszeitung sagte Sellering damals, "Peenemünde ist vor allem ein Ort, an dem die Nazis fürchterliche Waffen entwickelt haben." Der Regierungschef stellte sich damit gegen die Sichtweise, dass der Ort wegen seiner "technologischen Pionierleistungen" gewürdigt werden sollte. Zehn Jahre danach kassiert seine Nachfolgerin Schwesig diese Sicht und gibt den Welterbe-Plänen neuen Schub.

Zuspruch vom Wissenschaftlichen Beirat

Als Unterstützer tritt der vom Land benannte Wissenschaftliche Beirat des Historisch-Technischen Museums auf, der wurde vor einigen Jahre neu besetzt. Der Vorsitzende Andreas Nachama begrüßt die Diskussion über Peenemünde als Welterbestätte: "Weil es zeigt, was für ein wichtiger Ort das ist und wenn es einen gesellschaftlichen Konsens darüber gibt, dass man den Ort so und in seiner Zwiespältigkeit zu einem Weltkulturerbeort macht, dann würde ich das auch begrüßen." Ein Sprecher der Ministerpräsidentin sagte mit Blick auf die Kritik: "Peenemünde ist und bleibt selbstverständlich ein Ort der kritischen Auseinandersetzung." Eine Aufnahme auf die Welterbe-Liste würde dieses "besondere und wichtige Anliegen der Landesregierung unterstützen".

Terrorangriffe auf London bis 1945

Eine Entscheidung, ob Mecklenburg-Vorpommern Peenemünde für die Liste nominiert, muss im Oktober vorliegen - nach der Landtagswahl. Dann muss das Land das Vorhaben auch begründet haben. Historiker Jens-Christian Wagner warnt: Am Mythos Peenemünde hätten sich seit den neunziger Jahre schon etliche Protagonisten die Finger verbrannt. Ein Beispiel: 1992 musste der damalige CSU-Staatssekretär im Wirtschaftsministerium Erich Riedl eine geplante Jubelfeier in Peenemünde absagen. Fünfzig Jahre nach dem ersten Raketenstart einer V2 auf Usedom sollten das Jubiläum und der Nazi-Raketenforscher Wernher von Braun gefeiert werden. Die in den Medien als "V2-Party" getaufte Veranstaltung wurde auch nach Protesten aus Großbritannien abgesagt. Das Land verbindet mit Peenemünde und der V2 vor allem Terrorangriffe auf London - die dauerten bis Ende März 1945 und forderten mehrere Tausend Tote.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 16.07.2021 | 15:00 Uhr

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