Nord-Stream-Lecks: Schweden sichert Beweismaterial - Sabotage-Verdacht erhärtet

Stand: 06.10.2022 18:39 Uhr

Schwedische Behörden gehen nach ersten Untersuchungen an den Lecks der Nord-Stream-Pipelines in der Ostsee davon aus, dass diese durch Detonationen mit Sabotage-Absicht durchgeführt wurden. An den Lecks wurde laut Ermittlern Beweismaterial gesichert. Dieses wird nun genauer untersucht.

Die Untersuchungen hätten ergeben, dass "es nahe Nord Stream 1 und 2 in der schwedischen Wirtschaftszone Detonationen gegeben hat, die zu großen Schäden an den Gaspipelines geführt haben", erklärte Staatsanwalt Mats Ljungqvist am Donnerstag. "Die Untersuchungen am Tatort haben den Verdacht auf schwere Sabotage erhärtet", so Ljungqvist weiter. Am Tatort sei Beweismaterial entnommen würden. Dieses werde nun untersucht. Die schwedische Küstenwache hatte am Montag das Gebiet um die Lecks in der schwedischen Zone für eine Inspektion des Tatorts in einem Radius von fünf Seemeilen (9,26 Kilometern) abgeriegelt. Die Sperrungen seien mittlerweile aufgehoben worden, hieß es am Donnerstag.

Multinationale Taskforce ermittelt

Eine von der Polizei geführte Taskforce mit Mitgliedern aus Dänemark, Schweden und Deutschland leite derzeit die Ermittlungen, sagte der dänische Außenminister Jeppe Kofod am Donnerstag. Sein Ministerium habe die russische Seite nicht aufgefordert, sich aus den Ermittlungen herauszuhalten. Russland hatte am Mittwoch eine solche Mitbeteiligung an der Aufklärung der Lecks gefordert. Die Regierung in Moskau werde auf eine "umfassende und offene Untersuchen bestehen", sagte eine Sprecherin des russischen Außenministeriums am Donnerstag. Dazu müssten russische Beamte sowie Gazprom miteinbezogen werden.

Betreiber lässt Gas aus intakter Nord-Stream-2-Röhre ab

Unterdessen lässt der Betreiber der Pipeline Nord Stream 2 einen Teil des Gases ab, das noch in der intakten Röhre enthalten ist. Nach Angaben der Nord Stream 2 AG ist das Absenken des Drucks in dem unbeschädigten Strang der Pipeline Nord Stream 2 eine Vorsichtsmaßnahme, wie es am Donnerstag hieß. Seit der mutmaßlichen Sabotage an insgesamt drei Röhren von Nord Stream 1 und 2 sei der für den Betrieb notwendige Druck in der intakten Leitung von 105 Bar beibehalten worden, heißt es. Bereits am Dienstag habe das Unternehmen dann damit begonnen, das Gas aus der unbeschädigten Röhre abzulassen.

"Das ist ja keine Cola-Dose"

Dieser Vorgang werde ungefähr acht Tage dauern, hieß es weiter. Wie hoch der Druck künftig sein soll, teilte Nord Stream nicht mit. Die Sicherheit der Gasleitung werde durch den verminderten Druck demnach nicht gefährdet: "Das ist ja keine Cola-Dose", so der Sprecher. Das zurückgepumpte Gas soll nun in das Erdgasnetz im Großraum von St. Petersburg eingespeist werden.

Weitere Informationen
Podcast Akte Nord Stream 2 - Eine Pipeline unter Wasser © iStock Foto: golero

NDR MV Podcast: "Akte Nord Stream 2 - Gas, Geld, Geheimnisse"

Wie viel Einfluss übte Russland auf die Landesregierung in Mecklenburg-Vorpommern aus? Der Podcast öffnet die Akte Nord Stream 2. mehr

Forscher: Weniger Methan ausgetreten als befürchtet

Die durch die Lecks ausgetretene Menge des klimaschädlichen Gases Methan ist nach Angaben französischer Forscher geringer als ursprünglich vermutet. Die Wissenschaftler der französischen Kommission für Atomenergie und alternative Energien (CEA) gehen gestützt auf Daten europäischer Überwachungsstationen von 70.000 Tonnen freigesetztem Methan aus, andere Schätzungen wären mit bis zu 300.000 Tonnen auf ein Vielfaches dieser Menge gekommen. Wissenschaftler hatten sich besorgt über die Klima- und Umweltauswirkungen durch die Lecks geäußert.

Gausaustritt mittlerweile nahezu versiegt

In der vergangenen Woche waren insgesamt vier Lecks an den Pipelines Nord Stream 1 und 2 entdeckt worden, die von Russland durch die Ostsee nach Deutschland führen. Alle Lecks befinden sich nahe der dänischen Insel Bornholm, zwei davon in der Wirtschaftszone Dänemarks und die beiden anderen in der Wirtschaftszone Schwedens. Die Leitungen sind zwar nicht in Betrieb, waren aber aus technischen Gründen mit Gas gefüllt. Mittlerweile ist der Gasaustritt weitgehend versiegt. Nach Angaben der schwedischen Küstenwache vom Donnerstag gibt es noch eine Ausströmstelle an der Wasseroberfläche mit einem Durchmesser von rund 15 Metern.

Weitere Informationen
Dänemark, Ostsee: Auf diesem von den dänischen Streitkräften zur Verfügung gestellten Foto sind Blasen und Strudel auf der Wasseroberfläche über einem Gasleck in der Ostsee zu sehen. © Rune Dyrholm/Armed Forces of Denmark/AP/dpa Foto: Rune Dyrholm/Armed Forces of Denmark/AP/dpa

Nord-Stream-Lecks: "Sprengladung von mehreren Hundert Kilogramm"

Dänemark und Schweden gehen von "wahrscheinlich sehr erheblichen" Klimafolgen und besorgniserregenden Auswirkungen auf das maritime Leben in der Ostsee aus. mehr

Russland bietet Gaslieferung durch Nord Stream 2 an

Einem dänisch-schwedischen Bericht für den UN-Sicherheitsrat zufolge waren die Lecks von Unterwasser-Explosionen mit einer Sprengkraft wie "hunderte Kilo" Sprengstoff verursacht worden. Sowohl der Westen als auch Russland erhoben die Anschuldigung, es handle sich um Sabotage. Der russische Präsident Wladimir Putin warf dem Westen vor, hinter den Explosionen zu stecken. Unterdessen betonte der russische Vizeregierungschef Alexander Nowak, Moskau könne "in kürzester Zeit" durch den unbeschädigten Teil von Nord Stream 2 Gas liefern. Dazu müssten die Europäer "die notwendigen rechtlichen Entscheidungen über die Zertifizierung und die Aufhebung der Beschränkungen" für diese Pipeline treffen, sagte Nowak am Mittwoch im Staatsfernsehen. Die Bundesnetzagentur hatte bereits erklärt, dass dies nicht zur Debatte stehe.

Unbefugte Drohnenflüge über Gasfeldern und Bohrtürmen in der Nordsee

Unmittelbar nach der mutmaßlichen Sabotage an den Ostseepipelines waren laut dänischen und norwegischen Behörden mehrfach unbefugte Drohnenflüge in der Nähe von Erdgasfeldern und Bohrtürmen in der Nordsee gemeldet worden - teils rund 200 Kilometer vom Festland entfernt. Ob es einen Zusammenhang gibt zwischen den Drohnenflügen und den mutmaßlichen Sabotage-Akten gegen die Nord-Stream-Pipelines ist allerdings noch unklar. Die Polizei hat Ermittlungen aufgenommen. Die Drohnenflüge könnten möglicherweise Spionageaktivitäten dienen als auch Sabotage-Akten, hieß es. Norwegens Regierung hatte angekündigt, den Schutz der Öl- und Gasinfrastruktur auf dem norwegischen Festlandsockel zu verstärken.

Weitere Informationen
Boris Pistorius (SPD), Innenminister von Niedersachsen, vor einem Feuerwehrfahrzeug. © picture alliance/dpa | Julian Stratenschulte Foto: Julian Stratenschulte

Pistorius sieht nach Attacken auf Gaspipelines "neue Ziele"

Der Innenminister weist auf eine verstärkte Gefährdungslage hin. Gasspeicher und LNG-Terminals könnten im Fokus stehen. mehr

Das Bild zeigt ein kleines Gasleck bei Nord Stream 2 in der Ostsee, fotografiert aus einem Flugzeug der schwedischen Küstenwache. An den Nord-Stream-Gasleitungen in der Ostsee gibt es insgesamt vier statt wie bisher bekannt drei Lecks. © Swedish Coast Guard/dpa Foto: Swedish Coast Guard/dpa

Nord Stream: Viertes Leck und viele Spekulationen

Nahe Bornholm ist ein viertes Leck an den Nord-Stream-Pipelines entdeckt worden. Für Experten verdichten sich derweil Hinweise auf einen Urheber der Lecks. mehr

Das Nord Stream 1-Gasleck in der Ostsee, fotografiert aus einem Flugzeug der schwedischen Küstenwache. © Swedish Coast Guard/dpa Foto: Swedish Coast Guard/dpa

Umwelthilfe: Methan aus Lecks in Gaspipelines hat Folgen fürs Klima

Die Deutsche Umwelthilfe geht davon aus, dass mehr als 350.000 Tonnen des klimaschädlichen Methans entweichen. mehr

Ein Nord-Stream-Gasleck in der Ostsee, fotografiert von einem Satelliten aus dem Weltall. © Planet Labs PBC Foto: Planet Labs PBC

Sabotage an Ostsee-Pipelines? Nord Stream spricht von "Riesenriss"

Die EU hält Sabotage für wahrscheinlich und droht mit Sanktionen. In Lubmin wurde der Schutz der Anlandestationen verstärkt. mehr

Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 06.10.2022 | 19:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern

Ein Schild mit der Aufschrift "Mitfahrt nur mit Mund-Nase-Bedeckung erlaubt! Schützen Sie sich und andere!" klebt an der Zugtür eines ICE der Deutschen Bahn (DB) im Hauptbahnhof. © picture alliance/dpa Foto: Daniel Karmann

Coronavirus-Blog: Keine Beschlüsse zu Masken und Isolation

MV will die Maßnahmen fortführen und kritisiert einen bundesweiten "Flickenteppich". Mehr Corona-News im Blog. mehr

NDR MV Highlights

Blick auf den Rostocker Weihnachtsmarkt mit Riesenrad und Pyramide © imago images Foto: Bildwerk

Weihnachtsmärkte in Mecklenburg-Vorpommern 2022

Ob in der Landeshauptstadt Schwerin, in der Scheune oder auf einem Schloss: Das Angebot zwischen Ostsee und Seenplatte ist vielfältig. mehr

Jan und Andreas Demond sitzen an einem Tisch. © Screenshot

Jan kommt kochen: Alle Rezepte der Weihnachtsfolgen im Nordmagazin

Jan-Philipp Baumgart reist durch MV, um mit Ihnen zusammen Ihr liebstes Weihnachtsgericht zu kochen. mehr

Weihnachtliche Deko und Geld auf einem Tisch © Pixabay/ Bruno

Das NDR 1 Radio MV Weihnachtsgeld

Weihnachten steht vor der Tür und wir sorgen in der Stefan Kuna Show für Freude und gute Laune - mit dem NDR 1 Radio MV Weihnachtsgeld. mehr