Eine medizinische Maske hängt in einem Klassenzimmer an einem Pult. © picture alliance/Eibner-Pressefoto/Fleig Foto: Fleig

Mehr Infektionen in MV: Wie weiter mit der Maskenpflicht an Schulen?

Stand: 16.08.2021 19:08 Uhr

Die dritte Woche im neuen Schuljahr in Mecklenburg-Vorpommern hat begonnen, nun sollen die Schüler im Unterricht eigentlich ohne Maske lernen können. Ob die Aufhebung der Maskenpflicht und die Empfehlung der Ständigen Impfkommission, auch 12- bis 17-Jährige zu impfen, sinnvoll sind, darüber sind Kinderärzte in Mecklenburg-Vorpommern uneins.

Maskenfrei in der Schule gilt nur in den Regionen, die laut der Corona-Ampel des Landes auf grün oder gelb stehen. Dafür ist die Risiko-gewichtete Einordnung entscheidend, die das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGuS) herausgibt. Wo diese Ampel an drei aufeinanderfolgenden Tagen auf orange oder rot beziehungsweise violett steht, muss wieder Maske an den Schulen getragen werden.

Kinderärzte in MV uneins

Unter Kinderärzten in Mecklenburg-Vorpommern sind die Meinungen über die Maskenpflicht an Schulen ebenso wie die Ankündigung der Ständigen Impfkommission (StIKO), die Corona-Impfung auch für Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren empfehlen zu wollen, auf geteilte Meinungen gestoßen. "Wir können es uns zurzeit erlauben, die Maskenpflicht fallen zulassen. Wir müssen aber auch sehen: Was auf uns zukommt, wissen wir nicht ganz genau", sagte der Greifswalder Kinderarzt Dr. Andreas Michel, der auch Vorsitzender des Landesverbandes der Kinder- und Jugendärzte MV ist, bei NDR MV LIVE.

"Masken haben viele Todesfälle verhindert"

Angesichts der Delta-Variante würden die Inzidenzwerte und Ansteckungen wieder steigen. "Es kann durchaus sein, dass wir relativ bald wieder zur Maskenpflicht zurückkehren müssen." Die Maskenpflicht an Schulen sei sinnvoll, Masken seien trotz aller Nachteile das "kleinere Übel". Die Masken hätten in den letzten Monaten viele Erkrankungen, Übertragungen und Todesfälle verhindert. "Wenn wir unsere Kinder in die Schulen schicken wollen, dann müssen wir zusätzliche Sicherheiten einbauen." Neben Masken seien regelmäßige Tests erforderlich, so Michel. "Dann werden wir hoffentlich ganz gut durch den Herbst kommen."

Kinderarzt Dr. Michel: Vorteile der Impfung überwiegen

Die StIKO-Ankündigung, die Corona-Impfungen auch für Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren empfehlen zu wollen, begrüßt Michel. "Die Daten beispielsweise aus den USA sind ja lange da. Die zeigen, dass auch wenn Kinder selten schwer erkranken, die Vorteile einer Impfung auf jeden Fall da sind und dass die Nebenwirkungen der Impfung um Größenordnungen niedriger sind als durchgemachte Erkrankungen." Die Impfungen seien - vor allem in den USA - mehreren Millionen Jugendlichen verabreicht worden. "Es gibt mittlerweile auch genügend Daten, um die Sicherheit dieser Impfung zu belegen." Die Stadt Schwerin bietet impfwilligen Schülern am kommenden Mittwoch und Donnerstag (18. und 19. August) jeweils von 15 bis 20 Uhr ohne vorherige Terminvereinbarung an, sich im Impfzentrum impfen zu lassen. Kurzfristig stehen hierfür 600 Dosen des mRNA-Impfstoffes von Moderna zur Verfügung. Derweil soll in Mecklenburg-Vorpommern das Impfangebot gegen Corona für Kinder und Jugendliche an Schulen erweitern. Parallel zum Impfstart für Schüler ab 16 Jahren am Dienstag werde eine Befragung jüngerer Schüler zu deren Impfbereitschaft erfolgen. Das kündigte am Montag ein Sprecher des Bildungsministeriums in Schwerin an.

"Kinder sind nicht das Problem" - Kritik an StIKO-Empfehlung

Dagegen sieht der Kinder- und Jugendmediziner Dr. Sven Armbrust, der auch Chefarzt am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg ist, die Empfehlung der STIKO kritisch. "Ich finde es sehr schade, dass die StIKO offensichtlich dem massiven Druck der Politik erlegen ist und diese Empfehlung herausgegeben hat." Jüngst veröffentlichte Studien hätten gezeigt, dass Kinder nicht das relevante Problem seien. So zeigten englische Daten, dass von 250.000 Kindern nur 0,6 Prozent positiv seien. "Ich frage mich, was wollen wir bewirken, wenn wir jetzt die Kinder in Reihen durchimpfen?" Armbruster verwies zudem darauf, dass amerikanische Daten ein gewisses Risiko vor allem für männliche Jugendliche, an einer Herzmuskelentzündung zu erkranken, auswiesen. "Wir reden da von 1 zu 10.000 bis 1 zu 13.000."

"Ein kleines Stückchen Normalität für unsere Kinder"

Die Abschaffung der Maskenpflicht in Schulen begrüßte Armbruster hingegen. "Wir wissen aus allen Studien, dass es keine relevanten Übertragungen gibt. Wir hatten auch keine relevanten Cluster hier in Mecklenburg-Vorpommern an Schulen in größerem Umfang." Insofern sei es "richtig und wichtig", dass die Maskenpflicht gefallen ist. Die zweimaligen Testungen pro Woche gäben als Screening-Instrument Hinweise, wo man stehe. Dass man im Einzelfall bei einem Cluster oder mehreren positiv getesteten Kindern in Schulen für die einzelne Klasse wieder Masken einsetze, könne sinnvoll sein. "Aber es gibt ähnliche Untersuchungen schon auch aus anderen Bundesländern, da wurden nur die Schüler um den Betroffenen mit Masken versorgt, und es hat auch nicht relevant zu einer Infektionskette geführt", so Armbruster. Sich bei der Frage einer Maskenpflicht an Schulen nur an den Inzidenzwerten auszurichten, hält Armbruster für falsch. "Der Inzidenzwert wurde einmal geschaffen, um eine  Nachverfolgbarkeit von Infektionsketten zu garantieren." Mittlerweile habe sich das verselbständigt. Solange die Kinder mit Tests gescreent würden und keine relevanten Infektionsgeschehen aufträten, könne der Inzidenzwert auch höher als 50 sein, meint Armbruster.

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NDR 1 Radio MV | Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern | 16.08.2021 | 15:00 Uhr

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