Stand: 19.06.2019 16:24 Uhr

Großkaliber-Schießen mit AfD und "Reichsbürger"

von Stefan Ludmann, NDR 1 Radio MV

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Vereinswappen mit Zielscheibe und Gewehr: Die "Smoking Guns" schießen mit großen Kalibern - und zeigen das auch gerne.

Mehrere AfD-Landtagsabgeordnete und Kommunalpolitiker in Mecklenburg-Vorpommern sind in einem offenbar parteinahen Schützenverein aktiv. Sie haben sich mit politisch Gleichgesinnten zusammengeschlossen und schießen mit großkalibrigen Waffen wie Repetiergewehren - landläufig auch als Pumpguns bezeichnet. Mit dabei ist nach Recherchen von NDR 1 Radio MV mindestens auch ein Mann, der offenbar der "Reichsbürger"-Szene nahesteht.

Gründung nach Landtagseinzug

"Smoking Guns" (übersetzt: "rauchende Gewehre") heißt der Verein mit Sitz in Schwerin. Das Wappen mutet für Außenstehende martialisch an und zeigt eine Zielscheibe und ein stilisiertes Sturmgewehr. Gegründet wurde der Verein im November 2016, kurz nach dem Einzug der AfD in den Landtag. Aktiv sind die AfD-Landtagsabgeordneten Jörg Kröger, Thomas de Jesus Fernandes und Jens-Holger Schneider, er ist Gründungsmitglied. De Jesus Fernandes und Schneider haben Waffenbesitzkarten. Schneider soll zuvor wegen extremen Verhaltens aus dem Traditionsschützenverein Schwerin 1640 ausgeschlossen worden sein.

"Reichsbürger" droht mit Waffengewalt

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Ein Vereinsmitglied postet bei Facebook typische "Reichsbürger"-Inhalte. (Screenshot)

In dem Verein "Smoking Guns" sind neben AfD-Mandatsträgern auch Fraktionsmitarbeiter und Parteimitglieder aktiv. Laut den auf der Internetseite des Vereins veröffentlichten Schützenlisten gehören rund zehn Aktive der AfD an. Mindestens ein Schütze des Vereins steht offenbar der "Reichsbürger"-Szene nahe. In sozialen Medien leugnet er mehrfach die Existenz der Bundesrepublik und verweist auf Internetseiten, die bei "Reichsbürgern" beliebt sind. Der Mann verbreitet Beiträge, in denen er Gegnern Waffengewalt androht.

Umgang mit Waffen wird zur Schau gestellt

Der Club bietet anders als andere Schützenvereine keine Jugendarbeit an, er hat keinen eigenen Schießstand, sondern mietet sich bei anderen Vereinen ein und nutzt deren Schießstände. Worauf andere Vereine eher verzichten, darauf legt "Smoking Guns" anscheinend Wert: Der Schützen-Club stellt den Gebrauch von Waffen zur Schau. Ein Mitglied, das nach Aussage der Schützen-Szene die bei Rechtsextremen beliebten Marke "Thor Steinar" trägt, ist in Scharfschützenhaltung abgebildet, er liegt mit verkehrt herum getragener Basecap hinter einem Gewehr, das auf einem Zweibein gestützt ist. An anderer Stelle ist auf der Internetseite der neugewählte Schweriner Stadtvertreter Peter Bossow (AfD) bei der Schussabgabe zu sehen. Über ihn heißt es fast ehrfürchtig: "Peter in Aktion mit seiner Smith & Wesson-Pistole".

Bekenntnis zum Ehrenkodex des Landessportbunds

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Ein Vereins-Mitglied präsentiert sich auf seinem Facebook-Profil in Scharfschützenhaltung. (Screenshot)

"Smoking Guns" sind seit vergangenem Herbst Mitglied im Landessportbund (LSB). Die LSB-Spitze scheint gewisse Vorbehalte gegen den Verein zu haben. Man habe eine Aufnahme nicht versagen können, heißt es vom Verband, das Vereinswappen sei jedoch "auffällig". Ein Verstoß gegen die Satzung des LSB liege jedoch nicht vor, der Vereinsvorsitzende habe sich mit dem Aufnahmeantrag auch zum Ehrenkodex des LSB bekannt. Dort heißt es: "Wir versichern, rassistischen, verfassungs- und fremdenfeindlichen Bestrebungen entgegenzutreten." Bei den Behörden liegen offenbar keine Informationen über die Sympathien eines "Smoking Guns"-Mitglieds für die "Reichsbürger"-Szene vor. Das Innenministerium hatte nach gewalttätigen Vorfällen mit Reichsbürgern, die Waffen besitzen, ein hartes Vorgehen angekündigt. "Reichsbürger" sollten - wenn möglich - entwaffnet werden.

Abgeordnete wollen nichts über "Reichsbürger" wissen

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Bei den Behörden liegen offenbar keine Informationen über die Sympathien eines "Smoking Guns"-Mitglieds für die "Reichsbürger"-Szene vor. (Screenshot)

De Jesus Fernandes und sein Fraktionskollege Schneider wollen auf Fragen zu ihrem Waffenbesitz keine Antwort geben. Bei ihnen stehe der Schießsport im Vordergrund - und der sei aus guten Gründen streng reglementiert. Beide erklärten auf Anfrage, sie wüssten nichts von einem Vereinsfreund aus der "Reichsbürger"-Szene. Der Mann schießt allerdings regelmäßig bei Vereinsmeisterschaften mit ihnen in gemeinsamen Disziplinen. Er war noch im vergangenen August Wahlleiter bei der Neuwahl eines Vereinsvorstands. Damals schied Schneider als Vizepräsident aus - wegen "persönlicher und inhaltlicher Differenzen", so der Abgeordnete. Mit Blick auf seinen Vorgängerverein erklärte er, die Schützenzunft Schwerin 1640 habe ihn wegen seines AfD-Engagements ausgeschlossen. Zu dem fragwürdigen Wappen sagten beide Abgeordneten, das dargestellte Gewehr sei eine bei Jägern und Sportschützen beliebte Waffe.

Auch Vereinspräsident Christopher Wirowski erklärte, er wisse nichts von einem "Reichsbürger" in seinem Verein. Mit Blick auf die AfD-Mitglieder bei "Smoking Guns" sagte er, der Schießsport sei in der Regel nichts für "das linke oder grüne Spektrum", allerdings sei bei ihnen auch ein ver.di-Mitglied aktiv.

Im Landtag löste die Angelegenheit Besorgnis aus. Es erscheine bedenklich, "dass AfD-Politiker einen Schießclub gründen, der sich explizit von den Traditionen alteingesessener Schützenverein distanziert", so SPD-Fraktionschef Thomas Krüger. Er frage sich, was dieser "rechte Waffen - und Munitionskult soll?" Er habe da ein mulmiges Gefühl.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 19.06.2019 | 07:00 Uhr

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