Europäischer Aal (Anguilla anguilla) © picture alliance / imageBROKER | Christian GUY
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AUDIO: Der Europäische Aal - was MV gegen sein Aussterben unternimmt (3 Min)

Der Europäische Aal - was MV gegen sein Aussterben unternimmt

Stand: 07.02.2023 11:34 Uhr

Im Dezember 2022 hatten die EU-Fischereiminister strikte Fangbeschränkungen für den Europäischen Aal verhängt. Angler dürfen ihn in der Ostsee gar nicht mehr fangen. Schonzeiten für die Berufsfischerei wurden von drei auf sechs Monate verlängert.

von Franziska Drewes

Diese neuen Regelungen werden auch kritisch gesehen. Die Frage steht im Raum, ob sie dem Aal wirklich helfen.

Zu wenig Reproduktion

Seit 1980 geht der Bestand des Europäischen Aals sehr stark zurück. Mecklenburg-Vorpommern hilft mit Besatz im Binnenbereich, um das Defizit auszugleichen und damit ausreichend erwachsene Aale später in ihre Laichgebiete ziehen. Seit 2009 wurden rund 24 Millionen junge Aale in die Binnengewässer des Landes gesetzt. Diese Zahl schließt auch das aktuelle Jahr 2023 mit ein. Diese von der EU und dem Land geförderten Besatzmaßnahmen sind eine wichtige Säule des Aalmanagements in Mecklenburg-Vorpommern.

Malte Dorow ist Fischereibiologe am Institut für Fischerei der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei. Er ist für das Aal-Monitoring zuständig und analysiert von Anfang an die Besatzmaßnahmen: "Das ist eine wahnsinnig hohe Zahl, aber der Lebenszyklus des Aals hier im Binnenbereich von Mecklenburg-Vorpommern wird mit 20 Jahren angesetzt und während dieser Zeit wirkt neben der natürlichen Mortalität auch die Fischereiliche Mortalität und die Wasserkraftmortalität. Auch der Kormoran entnimmt Aale." Deshalb wandern von den 24 Millionen Aalen nicht alle als Blankaale ab.

Besatzmaßnahmen zeigen Erfolge

Malte Dorow und sein Team erheben auch Daten anhand unterschiedlicher Verfahren. Die Wissenschaftler versuchen so herauszufinden, ob und wie sich der Aalbestand erholt. Die Untersuchungen zeigen, dass es dem Aal in seinen Entwicklungsstufen hierzulande unterschiedlich gut geht. Der Gelbaal im Küstenbereich entwickelt sich positiv.

Dorow vermutet, dass dies an einer erhöhten natürlichen Einwanderung von Jungaalen in die Ostsee liegt. Gleichzeitig wandern seinen Erkenntnissen nach aber relativ wenig Jungaale in die Binnengewässer von Mecklenburg-Vorpommern ein. "Das ist eine spannende Frage beim Aal, was reguliert die Einwanderung von Aalen, die im Küstenbereich angekommen sind, dann in den Binnenbereich. Da ist sich die Wissenschaft noch nicht ganz einig. Müssen eine bestimmte Lockströmung vorherrschen oder bestimmte Umweltbedingungen?" Viele Fragen zum Aal sind noch offen. Um diese geringe natürliche Einwanderung in den Binnenbereich auszugleichen, sind laut Dorow Besatzmaßnahmen notwendig.

Fangverbot ist nicht zielführend

Der Wissenschaftler kommt deshalb zu dem Schluss, dass die strikten Fangverbote für Berufsfischer und Angler nicht alleinig die gewünschten Effekte bringen. Fischereiliche Maßnahmen können seiner Ansicht nach nur im Gesamtpaket mit anderen Maßnahmen den erhofften Effekt für den Aal bringen. "Es gibt viele Ursachen, die zum Bestandsrückgang geführt haben. Man müsste aus meiner Sicht mehr abwägen und andere Faktoren, die bekannt sind, stärker in die Pflicht nehmen."

Ähnlich denkt Harry Strehlow. Der Agrarwissenschaftler arbeitet am Thünen-Institut für Ostseefischerei und analysiert seit Jahren die Freizeitfischerei und da konkret, wie viel Fisch Angler im marinen Bereich entnehmen. Die letzten erhobenen und ausgewerteten Daten stammen aus dem Jahr 2015. Sie zeigen, dass rund 3,4 Tonnen Aal in der Ostsee vor Mecklenburg-Vorpommern und den Boddengewässern gefangen werden. "Das Angeln auf Aal in marinen Gewässern und insbesondere in der Ostsee ist einfach irrelevant. Es wird dem Bestand nichts bringen. Dafür, dass Angler sich auch im Wesentlichen um den Aalbesatz kümmern, ist es ein sehr falsches Signal, dass man dann im Gegenzug das Angeln im Meer verbietet, auch wenn es keine Rolle spielt." Aale werden vor allem in den Binnengewässern gefangen. Für diesen Bereich sind die einzelnen Bundesländer zuständig.

Mehr Lücken als Erkenntnisse

Die Wissenschaft weiß noch viel zu wenig über den Europäischen Aal. So ist auch noch unerforscht, wie genau all die negativen Einflüsse auf die Tierart wirken. Wissenschaftler Harry Strehlow
verdeutlicht es an einem Beispiel. Als Laichgebiet der Europäischen Aale wird die Sargassosee angegeben. Doch dort habe man noch nie erwachsene Tiere beim Laichen angetroffen. "Man grenzt dieses Gebiet nur ein, weil man dort in großen Mengen geschlüpfte Weidenblattlarven des Aals gefangen hat."

Auch große dorthin zurückwandernde Blankaale wurden dort zu Forschungszwecken noch nie gefangen. Dies sei sehr schwierig, weil Aale in sehr tiefen Regionen wandern, so Strehlow weiter. Fakt ist: Die Larven lassen sich mit dem Golfstrom über drei Jahre an die Europäischen Küsten zurücktreiben. Dann verwandeln sie sich in einen knapp 10 Zentimeter langen Glasaal, eine geschätzte, mittlerweile verbotene Delikatesse. Viele Jungtiere wurden deshalb in der Vergangenheit aus dem Meer gefischt. Immer weniger Tiere sind in die Süßgewässer aufgestiegen, um sich dann in den heimischen Flüssen und Seen anzusiedeln.

Aalschutz hat viele Stellschrauben

Der Europäische Aal verliert zunehmend auch Lebensraum, wird von Parasiten befallen oder stößt auf Querverbauungen in Flüssen und auf Wasserkraftwerke. Strehlow sieht vor allem darin ein Problem: "Der Aal ist ein sehr langer Fisch. Wenn der Aal abwandert, schwimmt er durch diese Wasserturbinen und wird meist zerhäckselt. Diese Todesquelle könnte laut Strehlow verhindert werden, indem während der Wanderperiode des Fisches im Herbst einzelne Wasserkraftwerke abgestellt werden. Oder Flüsse müssten viel stärker als bislang renaturiert werden.

Europäischer Aal hat eine Chance

Malte Dorow von der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei hat ein Ziel im Blick, nämlich die Forderung der Europäischen Aalverordnung umzusetzen. Diese strebt an, dass 40 Prozent der Aale aus den Binnengewässern von Mecklenburg-Vorpommern abwandern. "Unsere Modelle weisen darauf hin, wenn das Management und der Besatz weiterhin so umgesetzt werden, dass 2027 bis 2030 dieses Ziel dauerhaft erreicht sein wird." Ein Ziel, das greifbar nahe zu sein scheint.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 07.02.2023 | 12:00 Uhr

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