Graffiti ganz legal: ein Jugendprojekt von Jörg Schünemann im Rostocker Stadtteil Toitenwinkel. © Wiro

Aktiv gegen Graffiti: Rostock richtet Sprechstunde ein

Stand: 13.01.2022 12:00 Uhr

Um die 300.000 Euro Schaden richten Graffiti-Sprayer jedes Jahr allein in Rostock an. Um gegenzusteuern, hat die Stadt jetzt eine Sprechstunde eingerichtet - für Betroffene, für Eltern und auch für Jugendliche.

von Katja Bülow

"Also auf jeden Fall sollten Sie sich erst einmal an die Polizei wenden und Anzeige erstatten." Siegmund Bruhn hat gerade wieder einen Hausbesitzer am Telefon, der einen großen Schreck bekam, als er am Morgen vor die Tür getreten ist: Seine frisch gestrichene Fassade war wieder einmal mit einem Schriftzug besprüht worden. Eine Standardsituation für Bruhn. Seit 2019 arbeitet der pensionierte Polizist für den Rostocker Präventionsrat, seit kurzem betreut er die neu eingerichtete Graffiti-Sprechstunde. Er gibt Betroffenen Tipps, wie sie den Farbattacken vorbeugen können, rät beispielsweise zu Bewegungsmeldern und hellen Lampen, damit Sprayer auf frischer Tat ertappt werden können. Fassadenbegrünungen seien ebenfalls ein guter Weg, meint Buhn. Und manchmal könne auch ein Schutzanstrich helfen, der es ermöglicht, Farbe ganz einfach mit Wasser und Seife wieder abzuwaschen - was aber leider nicht auf jedem Untergrund funktioniert.

Siegmund Bruhn in der Graffiti-Sprechstunde in Rostock © NDR Foto: Katja Bülow
Siegmund Bruhn berät in der Graffiti-Sprechstunde in Rostock.
Bilder und Schriftzüge immer schnell entfernen

Grundsätzlich ist schnelles Entfernen von Bildern und Schriftzügen der beste Schutz gegen weitere Graffiti, darüber sind sich alle Experten einig. Jörg Schünemann, der selber als Jugendlicher die Spraydose als faszinierendes Ausdrucksmittel für sich entdeckte, und der das Hobby später zum Beruf gemacht hat, erklärt: "Der Sinn von Graffiti ist ja, im öffentlichen Raum für sich Werbung zu machen. Und wenn das schnell weggemacht, oder gebufft wird, wie es in Szenekreisen heißt, dann sehen die Sprüher: Das bringt nichts, an dieser Stelle immer wieder Geld für Farbe auszugeben." Schünemann hat im Laufe der Jahre schon viele Auftragsarbeiten geschaffen, nebenbei aber engagiert er sich kontinuierlich in der Jugendarbeit und hat auch die Stadt bei der Einrichtung der Graffiti-Sprechstunde beraten. Seine Überzeugung: Heranwachsende müssten in der Gesellschaft frühzeitig zur Verantwortung gezogen werden, wenn sie Unsinn machen. Aber zugleich müsse man ihnen auch die Möglichkeit geben, ihr Umfeld aktiv mit zu gestalten.

Wo legales Sprühen möglich ist

In diesem Sinne soll sich die Sprechstunde künftig nicht nur an Betroffene, sondern auch an Eltern und Sprayer selber wenden. Um sie zu erreichen, soll beispielsweise eine Internetseite geschaffen werden, auf der klar zu sehen ist, welche Flächen ganz legal für Graffiti zur Verfügung stehen. Es sind Schulprojekte geplant, bei denen Teenager dafür sensibilisiert werden, dass es nicht einfach nur ein Kavaliersdelikt ist, anderer Leute Eigentum mit Farbe zu besprühen - ein Delikt, für das auch Minderjährige bis zu 30 Jahre lang belangt werden können. In den Projekten soll aber nicht nur der mahnende Zeigefinger erhoben werden, so Marlen Schmidt, die Koordinatorin des Rostocker Präventionsrates. Die Teilnehmer sollen auch die Möglichkeit bekommen, selber einmal zur Spraydose zu greifen - entweder auf Mauern, die den Schulen gehören, oder auf Wänden, die Privatleute zur Verfügung stellen. "Das gibt es nämlich auch, dass Leute bei uns anrufen, die gerne etwas mehr Farbe auf ihren Gebäuden hätten und die den Kontakt zu Sprayern suchen", so Schmidt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 13.01.2022 | 16:00 Uhr

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