Jazz Special

Je suis snob - Der déserteur und der Jazz

Freitag, 06. März 2020, 22:05 bis 23:00 Uhr, NDR Info

Am Mikrofon: Karl Lippegaus

Eine neue Musik drückte einer neuen Epoche ihren Stempel auf. Boris Vian, geboren am 10. März 1920, ein Jugendfreund des Geigers Yehudi Menuhin, gründete mit seinen beiden Brüdern eine Amateur-Jazzband und wurde 1937 Mitglied des Hot Club de France. Fünf Jahre später schloss er sich der Band von Claude Abadie an, mit dem er als Trompeter zahlreiche Konzerte gab und Preise bei Amateurfestivals gewann.

Boris Vian, dessen Vater ein wohlhabender Frührentner und dessen Mutter Amateurpianistin war, entpuppte sich als erstaunlich multitalentiert. Er war diplomierter Ingenieur und wurde Erfinder, er schrieb Romane, die Skandale auslösten, Erzählungen, Gedichte, Chansons und viel über Jazz. Sein Chanson "Le Déserteur" über einen Kriegsdienstverweigerer, durfte zwölf Jahre nicht im Radio gespielt werden. Der bekannteste Roman "Der Schaum der Tage" befasste sich mit dem Existenzialismus seines Freundes Jean-Paul Sartre.

Wahrer Jazz und unglaublicher Schaffensdrang

Auf Anraten seiner Ärzte gab Boris Vian das aktive Musizieren auf und trat 1947 der Redaktion der Zeitschrift Jazz-Hot bei. Im Oktober 1955 ernannte ihn die Plattenfirma Philips zum künstlerischen Direktor, mit dem Auftrag, einen Jazzkatalog aufzubauen; er sollte die amerikanischen Veröffentlichungen beurteilen und die besten herausbringen. Er grub nicht nur verlorene Schätze der amerikanischen Archive aus und produzierte Jazzsendungen aus Paris für den US-Sender WNEW. Stets hatte Boris Vian die Unterscheidung zwischen wahrem Jazz und seinen kommerziellen Gegenstücken im Blick. Er bestand darauf, "nicht die Handtücher mit den Servietten zu verwechseln." Durch die Serie "Jazz pour tous" wollte er diese Musik populärer machen. Für Philips überwachte er sechs Sessions mit französischen Musikern und die Entstehung von zwei Filmmusiken, darunter die berühmte Tonspur von Miles Davis zu Fahrstuhl zum Schafott von Louis Malle im Dezember 1957. Er wusste, dass er nicht lange zu leben hatte und entwickelte einen unglaublichen Schaffensdrang. Am 23. Juni 1959 starb Boris Vian, bei der Filmvorführung seines Romans "Ich werde auf eure Gräber spucken".