Stand: 28.08.2020 12:05 Uhr

"Es geht um mein Erbe"

Am Anfang steht die Jazztradition. Steht sie ja eigentlich immer. Am Anfang stehen die Überlieferungen und das Regelwerk des US-Jazz: Ohne den ging auch in Londons Jazzszene wenig und das American Songbook stand am Anfang vieler Studien und so manches Konzertes. Doch dann passierte etwas mit diesen Überlieferungen: Weil eine Gruppe junger Musiker die ganz eigene Geschichte einbrachte, und die hatte oft viel mit den eigenen Wurzeln in der Karibik oder in Afrika zu tun. Heute liegt einer der kreativsten Hotspots improvisierter Musik an der Themse - was sich nun wahrlich nicht immer sagen ließ über britischen Jazz.

Und mittendrin: Nubya Garcia. Seit ein paar Jahren wirbelt die Saxofonistin durch die Clubs und Studios. Mal mit ihrer eigenen Band, mal als Teil diverser Formationen wie des Ezra Collectives, der rein weiblich besetzten Band Nerija, in der Combo Maisha, bei den Sons of Kemet oder als Gast des ewigen Talentsuchers und Trendsetters Gilles Peterson. Alles Formationen, in denen an einem ungemein kraftvollen, expressiven, agilen, auch wütenden und politisch tickenden Jazz für die Zukunft gezimmert wird: Ein Sound als Ergebnis eines gigantischen, multikulturellen Experiments mit dem Namen "London". Shabaka Hutchings, Theon Cross und Moses Boyd sind ein paar der Namen, die aus diesem Experiment gewachsen sind. Und eben Nubya Garcia.

Homogenes Statement

Der Klang des Albums "Source" ist kolossal: Dub, Reggae, Soul und Calypso, aber auch filigrane spirituelle Gespinste und viele elektronische Beats und Sounds. Der Titelsong kommt mit tonnenschweren Bässen daher, aber auch mit karibischer Leichtigkeit. "Inner Game" schreibt eine Geschichte weiter, die Herbie Hancock mit seinen Headhunters vor 50 Jahren mal begann, "Pace" macht sich einen turbulenten Reim auf das Tempo unseres Lebens und "Together is a Beautiful Place" ist ein bewegendes und weitgehend akustisches Bekenntnis. "Es geht um mein Erbe, meine Vorfahren, es geht darum, all die Orte und die Geschichten meiner Eltern und Großeltern zu erforschen", so die 28-Jährige in der "New York Times".

Dass dieser komplexe Überbau "Source" nicht erschlägt, ist das besondere Verdienst von Nubya Garcia - für die Saxofonistin fügen sich all diese disparaten Elemente in ein sehr persönliches und durchaus homogenes Statement: ihre familiären Wurzeln, das Leben als junge Kreative in Pandemie-Zeiten, ihre Rolle als Frau in ihrem musikalischen Umfeld und eben auch eine tiefe und zärtliche Verbeugung vor ihrem verstorbenen Stiefvater. "Das Album dreht sich um all die Sachen, die uns speisen: Was Dich speist, was mich speist, was unsere Freude speist, was unseren Aufruhr speist. All das - unsere innersten Gefühle."

Weitere Informationen
Saxophone mit CD © fotolia.com Foto: ThorstenSchmitt, jasoncphoto

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Source

Genre:
Jazz
Zusatzinfo:
Label:
Concorde / Universal
Veröffentlichungsdatum:
21.08.2020
Preis:
17,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Jazz | 31.08.2020 | 22:05 Uhr

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