Stand: 29.08.2019 12:39 Uhr

Jazz Album der Woche: Rubberband

Rubberband
von Miles Davis 
Vorgestellt von Ralf Dorschel
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Miles Davis spielt auf dem Album "Rubberband" neben Trompete auch Keyboard.

Es gibt Alben, die sind ein Mythos. Experten raunen und Fans schieben sich die Bootlegs zu. Manche dieser Alben bleiben dann auch Mythen, für immer. Vielleicht ja, weil es besser so ist und die zu erlebende Realität den Mythos zerlegen würde. Andere finden irgendwann den Weg aus den Tiefen eines Archivs zu den Hörern und in die Regale der Läden. "Rubberband" ist so ein mythisches Werk: "The Lost Miles Davis Album".

Wobei die Geschichte hinter dem "verlorenen" Material schnell erzählt ist. Nach 30 Jahren beim Label Columbia fühlte Miles Davis sich Mitte der 1980er vernachlässigt. Auch gelangweilt: Denn sein Stammhaus hofierte den jungen Wynton Marsalis - und der wollte den Jazz furchtbar gern im Museum aufs Podest stellen. Wo er aber in den Augen von Miles Davis überhaupt nichts verloren hatte. In seinen letzten Columbiajahren war der Trompeter Popspuren gefolgt, hatte gespielt mit Blues und Funk, hatte Charts-Stürmer wie "Time After Time" und "Human Nature" zu zeitlosen Meisterwerken verwandelt. Arbeitete mit Musikern, die brannten. Suchte nach dem Sound der Straße, suchte nach dem Zeitgeist mit all seinen Risiken und Nebenwirkungen. Und stieß mit all dem bei CBS nur noch auf Stirnrunzeln. Es gab damals eigentlich nur zwei Wege des Umgangs mit dem Erbe des Jazz: den von Wynton Marsalis und den von Miles Davis. Beides unter einem Dach verbot sich. Miles ging zu Warner.

Edel statt Sound der Straße

Wo mit Tommy LiPuma ein allmächtiger Manager und Macher regierte. Der die Jazzlegende mit offenen Armen empfing und erstmal machen ließ. Miles Davis ging daraufhin ein paar Schritte zurück: Beim Comeback-Album "The Man with the Horn" hatte er 1981 schon mal mit einer blutjungen Band um seinen Neffen, den Drummer Vince Wilburn, Jr., gearbeitet. Miles war glücklich mit den beiden Songs, die damals entstanden. Und wollte jetzt mehr - er rief die gleichen Musiker mit dem Songwriter und Produzenten Randy Hall erneut zusammen, er bestellte Songs bei Prince und Bill Laswell, bei George Duke und bei Toto. Mehr vom tagesaktuellen Sound der Charts und der Straßen sollte es sein, funky und frech - Al Jarreau und Chaka Khan sollten singen und wäre das Ergebnis ein Hit geworden, hätte Miles Davis sich ganz sicher nicht beklagt.

Doch beklagt hat sich jemand anders: Tommy LiPuma lehnte das Ergebnis ab und verstaute es im Regal. Weil er nämlich "nichts hörte" in diesen Stücken: "Da passierte überhaupt nichts". Der Edel-Produzent wollte einen angemessen edlen Sound fürs Warner-Debüt des Jazz-Superstars, schickte ihn erneut ins Studio, ging diesmal zur Sicherheit als Produzent gleich mit. Das Ergebnis hieß "Tutu" und bot genau jene Hochglanz-Sounds und -Beats, die Tommy LiPuma am Herzen lagen.

Mythos "Rubberband"

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Miles Davis in gewohnt lässiger Pose beim Posen für den Fotografen.

Die bis dahin entstandenen "Rubberband"-Bänder wurden zum Mythos, ab und an entstaubt in den Warner-Archiven für irgendein Miles Davis-"Best of" - zwei der Songs sind bereits auf dem Markt. Doch jetzt haben sich Randy Hall und Vince Wilburn, Jr. auf Wunsch der Erben von Miles Davis daran gemacht, die alten Aufnahmen rundzuüberholen. Ohne Al Jarreau und Chaka Khan, dafür mit Ledisi und Lalah Hathaway. Mit Remixen und Umbauten an den Stücken und mit viel Wumm im Klangbild. "Onkel Miles wäre stolz", so Wilburn, Jr. über das Ergebnis. Aber wäre Onkel Miles das wirklich? Vieles spricht dafür: Diese Sessions brannten ihm damals unter den Nägeln, dies war schließlich sein Wunschprojekt nach dem Ausstieg bei Columbia. Und wer ihn während der "Rubberband"-Sessions erlebte, beschrieb ihn als glücklich. Miles Davis spielte und malte, er lachte und er genoss die "Rubberband"-Wochen. Und als er Jahre später erneut dem Klang der Straßen nachspürte und das Hiphop-Album "Doo-Bop" anging, da waren es die "Rubberband"-Bänder, auf die Warner zurückgriff, um zu ergänzen, was Davis' Tod halbfertig hinterließ.

Moment des Risikos

Doch all das ist mehr als 30 Jahre her. Wynton Marsalis hat sein Jazzmuseum längst um ein paar Kammern für die Neuzeit erweitert und der damals so ungemein angesagte lässige Soul-Funk von Al Jarreau, Prince, Chaka Khan oder George Duke ist dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen. Und "Rubberband" ist ein Relikt genau jener Tage. Weshalb wir über einem schlichten Karibik-Dudler wie "Paradise" schnell den Mantel des Vergessens ausbreiten wollen. Denn da ist eben doch mehr: Da sind Stücke, die eine Klammer bilden zwischen dem "Man with the Horn", zwischen "You're under Arrest" und seinem letzten Album "Doo-Bop". Da sind nervöse, suchende Momente, da sind Songs wie "Maze", "Rubberband" und "See I See", die sich ihren Platz im Kanon des Miles Davis-Spätwerks mühelos erspielen. Und da ist dieser Moment des Risikos: Miles Davis wollte sich nie ausruhen. All das hätte schief gehen können, damals. All das hätte noch viel mehr zum Debakel werden können, heute. Doch wer sich reinhört in diese zehn Songs, der entdeckt den Wagemut eines Genies mit der Lizenz zum Scheitern, der entdeckt die Spiellust eines glänzend aufgelegten Miles Davis. Und dank der neuen Studioarbeit von Randy Hall und Vince Wilburn, Jr. entdeckt er sogar so etwas wie ein heute noch valides Jazz-Funk-Album.

Glaubt man Miles und nicht Wynton, dann war der Pop über die Jahrzehnte eine fortwährende Inspiration für den Jazz, dann ist die Reflektion auf tagesaktuelle Sounds immer ein Maßstab für frischen Jazz. Und dann ist "Rubberband" nicht nur das mythische "lost album" und ein wichtiges Bindeglied im Spätwerk von Miles Davis. Sondern auch ganz außerordentlich frischer Jazz für 2019.

Rubberband

Genre:
Jazz
Label:
Rhino / Warner
Veröffentlichungsdatum:
06.09.2019
Preis:
18,69 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Play Jazz! | 02.09.2019 | 22:05 Uhr