Stand: 16.04.2020 14:07 Uhr

Verdächtig leichtfüßig

Movin' Blues
von Rhoda Scott 
Vorgestellt von Ralf Dorschel
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Das Album "Moving Blues" erscheint als Digipack und auch als auf Vinyl.

Lauter Evergreens und dann der Blues in vielen Schattierungen: "Caravan", "Come Sunday", "In A Sentimental Mood", "Honeysuckle Rose" und das Spiritual "Let My People Go" - es gibt wenig Neues auf Rhoda Scotts neuem Album. Doch Fragen nach dem Repertoire tut die greise Organistin sowieso gern ab: "Ich spiele, was ich will und ich kümmere mich nicht darum, was es ist." Und jetzt ist es halt ein "Movin' Blues".

Rhoda Scott ist in ihrem Element. Soll heißen: Die 81-Jährige sitzt barfuß an der Orgel, an ihrer Seite ein Drummer und sonst niemand. Seit sie Jazz spielt, liebt die alte Dame dieses Doppel: Die Orgel mit all ihren Registern - und ein Schlagzeuger sorgt für die rhythmischen Akzente. Was "Movin' Blues" zu einem recht typischen Werk in Scotts Karriere macht. Über 50 Alben hat sie aufgenommen, manche wurden Bestseller, kaufen kann man heute aber nur die allerwenigsten davon: Das meiste ist vergessen, wurde versenkt in irgendwelchen Archiven.

Frankreich ruft

Denn Rhoda Scotts Karriere schlug viele Haken, entscheidend für die Tochter eines Pastors aus New Jersey war das Jahr 1965: Da hatte sie bereits mit Count Basie gespielt, war Stammgast in der Lounge des Bandleaders - doch eine Jazzkarriere mit allem Drum und Dran wollte sie nicht, ging 1965 also nach Paris, wo sie Studien bei Nadia Boulanger aufnahm. Und sich in Land und Leute verliebte: Ende der 1960er zog die Afroamerikanerin endgültig nach Frankreich. Ihre Hammond B3 brachte sie mit - dass die Orgel in Europa generell ein ganz anderes Ansehen genießt als in den USA, wo sie vor allem mit den schwarzen Kirchen identifiziert wird, das war ihr schnell aufgefallen.

Opulent, soulig und zutiefst groovend

Mitgebracht hatte sie aber auch die direkte Ansprache, die unmittelbare Wucht der Gottesdienste ihrer Kindheit. Rhoda Scotts Jazz ist opulent, soulig und zutiefst groovend - dass sie bei der Avantgarde-Lehrmeisterin Nadia Boulanger im falschen Kurs saß, hat sie schnell bemerkt, spielte lieber mit Ray Charles oder Gilbert Bécaud. Spielte, was ihr in den Sinn kam, auch wenn manche Kritiker ihr gerade in jenen heiklen Jazztagen um 1970 eine verdächtige Leichtfüßigkeit vorwarfen. Seither hat sich viel getan: "Wenn du heute die Programme der Jazzfestivals anschaust, siehst du da jede Art von Musik. Jazz ist heute viel freier, was das Repertoire angeht", so sagte Rhoda Scott dem Deutschlandfunk.

"Mein Golden Age ist jetzt!"

Über ihre Rolle als Frau im Jazz wiederum spricht Rhoda Scott nicht viel - kalt lässt sie die Frage aber nicht: Immer wieder nahm die Organistin Anlauf, mehr Frauen auf die Bühnen zu bekommen. Höhepunkt war das rein weibliche Sextett "We Free Queens", mit dem sie neulich noch über Europas Jazzfestivals tourte. Für "Movin' Blues" hat Scott sich jetzt den jungen Drummer Thomas Derouineau ins Studio geholt. Sie liebt die Chance zum Austausch mit einer ganz neuen Generation und deren Vorstellung von Swing und Groove: "Wir inspirieren uns gegenseitig", so Scott in der "Neuen Zürcher Zeitung": "Deshalb kann ich auch aus vollem Herzen sagen: Mein Golden Age ist jetzt!" Dass die Orgel durch sie atme, sagt Scott gern - wer ihren Blick auf "Let My People Go" hört, versteht, was gemeint ist.

Movin' Blues

Label:
Sunset
Veröffentlichungsdatum:
10.04.2020
Preis:
15,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Jazz | 20.04.2020 | 22:05 Uhr