Buch-Cover "Crime and Spy Jazz on Screen, 1950-1970" von Derrick Bang © McFarland Foto:

Buchrezension: Drei Bücher über das Thema Jazz und Film

Stand: 17.07.2020 13:47 Uhr

Autor: Henry Altmann

Oft nimmt man sie gar nicht bewusst wahr, die Musik in Filmen. Aber ohne sie läuft nichts auf Leinwand und Bildschirm. Auch der Jazz hatte am Ge- oder Misslingen vieler Filme und Fernsehserien seinen Anteil. Bei welchen und wie haben gerade zwei Autoren untersucht: Kevin Whitehead in seinem Buch Play what You Feel, wie Jazz im Film dargestellt wurde, Derrick Bang in zwei Bänden Crime and Spy Jazz, was Jazz für den Krimi bewirkte. Beide Bücher könnten Standardwerke werden, findet Henry Altmann.

Jazz als Tür ins Dunkle

Buch-Cover "Crime and Spy Jazz on Screen, 1950-1970" von Derrick Bang © McFarland Foto:
Der erste Band "Crime and Spy Jazz on Screen, 1950-1970" von Derrick Bang ist als E-Book und gedruckte Ausgabe erschienen.

Eins gleich vorweg: Diese Bücher sind lang, viel länger als deren Lektüre in Anspruch nimmt. Eigentlich muss man jeden gelesenen Abschnitt auf Videokanälen im Netz nachhören und nachsehen. Und das dauert. Kevin Whitehead betrachtet in Play What You Feel von außen, wie Jazz im Film dargestellt wurde: Immer retrospektiv und aktuellen musikalischen Entwicklungen hinterherhinkend. Als Filmmusik hingegen war Jazz up-to-date. Derrick Bang geht in Crime and Spy Jazz den umgekehrten Weg, von innen nach außen: Was gab es für Jazz in welchen Filmen, und was bedeutete das für beide Kunstformen?

"Film benutzt Jazz, wenn einer ein Auto klaut", sagte Filmmusikkomponist Elmer Bernstein. Dass Jazz einen so anrüchigen Ruf hatte, lag auch daran, wie er medial präsentiert wurde. In den Radio- und Fernsehkrimis tauchte ab Ende der 1940er-Jahre allmählich Jazz auf, als klingende Tapete für Nachtclub-Szenen und wenn Gefahr im Verzug war. Die ersten Jazzthemen charakterisierten dann verruchte Frauenfiguren; oder in Der Wilde 1953 den Lederrocker Marlon Brando. Otto Premingers Der Mann mit dem Goldenen Arm betonierte 1955 eine weitere Verbindung: Zu Drogen! Jazz, das war gleich Rebellion und Verdorbenheit, eine Tür ins Dunkle.

Jazz etabliert sich als Filmsprache

Buch-Cover "Crime and Spy Jazz on Screen since 1971" von Derrick Bang © McFarland Foto:
Derrick Bangs zweiter Band "Crime and Spy Jazz on Screen since 1971" umfasst 273 Seiten und ist bei McFarland erschienen.

Im ersten Tonfilm The Jazz Singer agierte Al Jolson 1927 mit schwarz gefärbtem Gesicht. Für farbige Musiker bedeuteten Auftritte im Film tatsächlich ein "Affentheater", in dem sie subaltern tanzen, singen und spielen durften; unbeliebt bei ihnen, weil die dem Jazz eigene Spontaneität in der durchgetakteten Filmkulisse ausfiel. War ein Film oder eine Serie erfolgreich, erschien dessen Soundtrack meist mit geänderten Arrangements und die Titel in voller Länge.

Mit der Fernsehserie Mike Hammer wurde Jazz 1953 zum ständigen Begleiter der Figur des Privatdetektivs. Alex North hatte zwei Jahre davor in Endstation Sehnsucht Jazz als Filmmusik genutzt - aus jeder Bar, jedem Auto und jeder Jukebox tröpfelte die Triole hervor.

Als Miles Davis 1957 die Musik zu Louis Malles Fahrtstuhl zum Schafott einspielte, war das eine Wegmarke für die Nouvelle Vague und den coolen Klang der Verlorenen. Gleichzeitig wurde in Biopics der Jazzmusiker zum Darsteller des amerikanischen Heldentraums: Aufstieg, Niederschlag, Wiederauferstehung und Eingliederung in die bürgerliche Gesellschaft. 1958 schrieb Johnny Mandel einen fulminanten, durchgängigen Jazzscore für Lasst mich leben, ein Drama um die hingerichtete Barbara Graham - Fan des Baritonsaxofonisten Gerry Mulligan, der bei den Aufnahmen mitwirkte. Jazz hatte sich als musikalische Filmsprache etabliert, blieb aber Musik für die Krise.

Und die Geschichte ist noch nicht zu Ende

Buch-Cover "Play the way you feel - The Essential Guide to Jazz Stories on Film" von Kevin Whitehead © Oxford University Press Foto:
Kevin Whiteheads Buch "Play the Way You Feel - The Essential Guide to Jazz Stories on Film" ist bei Oxford University Press erschienen. 

Peter Gunn, der Prototyp des smarten Geheimagenten, fand seine Vollendung in James Bond, läutete musikalisch eine neue Ära und einen Paradigmenwechsel ein: zum coolen Swing kam coole Bossa Nova, dann heißer Rock und britzelnder Funk, Klänge und Rhythmen wurden härter und elektrischer. Aber: Jazz war nun mit etwas oder jemand Positivem verbunden. Kaum war Jazz als Kunstform anerkannt, setzte auf der Leinwand dessen Mystifizierung und Makulatur ein. Ob Cotton Club oder Kansas City, Biopics von Lady Sings the Blues, 'Round Midnight hin zu Ray, sie alle historisieren und stilisieren, verklären statt erklären. In Hollywood-"LaLa Land" erscheint Jazz am Ende als musikalisch diffuse "Hipness" - wie 82 Jahre davor in The Jazz Singer - als die meisten nicht wussten, was Jazz nun genau sei, außer irgendwie aufregend.

Kevin Whitehead endet in Play what You Feel, womit er begann: Mit den 1920er-Jahren und einem neuen Film über Buddy Bolden. Derrick Bangs Crime & Spy Jazz zufolge hat John Barry den Jazz im Film 1974 beerdigt, dem Jahr, in dem er als Komponist zum ersten Mal bei James Bond ausstieg. Wo Whitehead breiter und kulturkritischer schreibt, kann Bang besser mit einer Häppchen-Jazzwelt leben, in der mit Versatzbausteinen aus der Vergangenheit die Gegenwart remixed ausgestattet wird. Was einst Standards setzte, ist heute standardisiertes Kulturgut, "a love letter to the 60s", wie Komponist Benjamin Wallfish zum Film King of Thieves 2018 sagte - Überwältigungsmusik à-la Kamasi Washington, während wir weiter warten auf die erste Filmmusik von Ambrose Akinmusire oder Shabaka Hutchings.

Die Eckdaten


Derrick Bangs erster Band "Crime and Spy Jazz on Screen, 1950-1970" (322 Seiten, Englisch) kostet als E-Book 17,30 €, in der gedruckten Ausgabe 41,95 €. Der zweite Band "Crime and Spy Jazz on Screen since 1971" (273 Seiten, Englisch) kostet 17,24 € als E-Book und 44,32 € in der gedruckten Ausgabe. Beide sind beim Verlag McFarland erschienen.


Kevin Whiteheads Buch "Play the Way You Feel - The Essential Guide to Jazz Stories on Film" hat 304 Seiten und ist als gebundene Ausgabe zum Preis von 34 € bei Oxford University Press am 1. Juli 2020 erschienen. 

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Jazz | 05.05.2020 | 22:05 Uhr

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