Stand: 03.12.2013 22:07 Uhr Archiv

Der schwere Weg aus der rechten Szene

von Angelika Henkel und Stefan Schölermann

Dies ist die Geschichte eines 27 Jahre alten Mannes aus Niedersachsen, der als Teenager in die rechte Szene hineingeraten war. Er hat den Neonazis glaubwürdig den Rücken gekehrt. Doch seitdem stößt er immer wieder an Grenzen, die ihm den Weg zurück in ein normales Leben schwer machen. Er hat das Gefühl, als laufe er immer wieder gegen eine Wand - eine Wand aus Furcht und Intoleranz.

Probleme am Arbeitsplatz

Mit Anfang 20 zieht Mirco (Name geändert*) einen Schlussstrich unter seine rechtsextreme "Karriere". Der Braunschweiger absolviert mit Erfolg ein Studium der Heilpädagogik. Danach bemüht er sich um ein Anerkennungsjahr in einer karitativen Organisation. Doch noch in der Probezeit wird ihm der Stuhl vor die Tür gestellt. Nicht weil es Kritik an seiner Arbeit gegeben hätte. Nein, seine Vergangenheit ist das Problem. Durch Zufall hatte ein Mitarbeiter der Einrichtung von Mircos rechten Aktivitäten erfahren. Fortan gilt Mirco als "nicht mehr zumutbar" und muss seinen Arbeitsplatz räumen. "Es ist frustrierend. Es gibt den schönen Satz, dass jeder eine zweite Chance verdient hat. Doch wenn es zur Sache geht, fragt sich jeder: Warum soll ich derjenige sein, der solch einem Menschen eine zweite Chance gibt?"

Im Studium "geoutet"

Es ist nicht das erste Mal, dass Mirco nach seinem Ausstieg aus der rechten Szene auf Ablehnung und Widerstand trifft. Schon im Studium wird er von linken Gruppen "geoutet", wie es im Szenejargon heißt: Er wird als "Rechter" an den Pranger gestellt. Man habe versucht, ihn zu brandmarken und zu isolieren, sagt er. Die Debatten um ihn an der Uni empfindet er als verstörend: "Es ist furchtbar, wenn man sich immer aufs Neue wieder erklären muss." Denn Mircos Ausstieg aus der rechten Szene ist glaubwürdig und belegbar. Schon vor Jahren hatte er sich an die "Aussteigerhilfe Rechts" des niedersächsischen Justizministeriums gewandt. Mirco beißt sich durch. Nach langen Gesprächen sind die Vorurteile vom Tisch. Seinen Abschluss als Heilpädagoge meistert er mit Bravour.

Familienersatz im rechten Lager

Für Mirco hatte der Weg nach rechts im Alter von 13 Jahren begonnen. Wie viele, die diesen Weg einschlagen, kommt er aus einer Familie mit großen Problemen. Schon im Teenager-Alter ist er weitgehend auf sich allein gestellt. Was er damals im rechten Lager gesucht hat, ist ihm heute klar: "Es war der Familien-Ersatz. Es war der Zusammenhalt, den ich gesucht und auch gefunden habe. Man konnte dort die schweren Zeiten in der Familie hinter sich lassen und abschalten von den Problemen."

Ein NPD-Aussteiger unter einem Regenschirm.
Dem Aussteiger Mirco werden auf Grund seiner rechten Vergangenheit immer wieder Steine in den Weg gelegt.

Und Probleme hat Mirco in seinem familiären Umfeld damals mehr als genug. Auf eigene Faust sucht er sich Hilfe bei Jugendämtern und Fürsorge-Stellen, da drückt er noch die Schulbank. Damals, so sagt er heute, hätte es noch gute Chancen gegeben, ihn vor dem Absinken in den braunen Sumpf zu bewahren. "In der sechsten Klasse hat niemand ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild", sagt er heute. Doch statt Fürsorge und Zuwendung erfährt er Ablehnung und Ausgrenzung: "Meine Lehrerin hat damals meine rechten Tendenzen mitbekommen. Sie war erschrocken, als sich Hakenkreuz-Schmierereien in meinen Heften fanden." 

Die Pädagogin steuert gegen, er empfindet es als Konfrontationskurs und fühlt sich ausgegrenzt. Wochenlang sei er vom  Unterricht suspendiert worden: "Das hat mich noch mehr ermutigt und mir gezeigt: Ich kann Menschen provozieren." Hätte man sich damals mit ihm auseinandergesetzt und wäre auf ihn eingegangen - es hätte gute Chancen gegeben, ihn aus der Szene zu lösen, sagt Mirco heute.

Mirco will kein Verräter sein

Eine weitere Chance wird aus Mircos Sicht vertan, als ihm ein paar Jahre später zum ersten Mal ernsthafte Zweifel kommen an seinem braunen Weg. Es gibt einen handgreiflichen Konflikt mit Gesinnungsgenossen. Mirco wendet sich Hilfe suchend an die zuständige Fachabteilung der Polizei, den Staatsschutz. Ein enttäuschendes Erlebnis: "Der Beamte war nicht daran interessiert, mich aus der Szene herauszuholen. Der war daran interessiert, Daten zu bekommen über irgendwelche rechten Leute."

Doch ein Verräter sein, das wollte Mirco nicht. Und so kehrt er zurück in den braunen Kameradenkreis. Noch einige Jahre bleibt er dort. Irgendwann, mit Anfang 20, beginnt er, sich ernsthaft mit der rechten Ideologie auseinanderzusetzen und stellt fest: Das ist nicht mehr sein Weg. Ein schmerzhafter und langwieriger Prozess beginnt, denn er muss sich von seinem sozialen Umfeld komplett trennen.

"Angst vor der Einsamkeit"

Viele in der rechten Szene denken an Ausstieg, wie Mirco berichtet. Doch sie hätten Angst. "Sie haben Angst vor der Einsamkeit, in die sie hineinfallen, wenn sie ihr soziales Umfeld verlieren und keine neuen Bezugspersonen finden." Deshalb sei die gängige Praxis der Ausgrenzung junger Rechtsextremisten problematisch. Auch zu rigorosen Verboten hat der Aussteiger ein gespaltenes Verhältnis: "Verbote wecken Interesse und schweißen die Szene noch enger zusammen", weiß er aus Erfahrung. Das gelte auch für das NPD-Verbot.

Steine im Weg

Neue Freunde hat Mirco seit Langem, seine größte Stütze ist heute seine Familie: Was ihm zu schaffen macht, ist der Umstand, dass ihm wegen seiner Vergangenheit immer wieder Steine in den Weg gelegt und Chancen versagt würden: "Mit 13 habe ich über so etwas nicht nachgedacht. Aber selbst während des Ausstiegs war ich der Überzeugung, dass das Kapitel irgendwann mal abgehakt ist. Aber das ist nicht so."

Kein Einzelschicksal

Mirco ist mit seinen Problemen kein Einzelschicksal. Auch Andrea Müller kennt solche Fälle. Der Sozialarbeiter ist im LidiceHaus tätig, einer Einrichtung die sich mit rechtsextremen "Karrieren" junger Leute befasst, darunter auch mit Aussteigern. Wer glaubwürdig mit der rechten Szene gebrochen habe, der müsse auch eine belastbare Chance für einen Wiedereinstieg in die Gesellschaft erhalten, sagt Müller. Aus seiner Sicht ist eine offene Diskussion darüber notwendig, wie mit solchen Aussteigern umgegangen werden soll.

 

*Um den jungen Mann - unter anderem vor seinen ehemaligen Gesinnungsgenossen - zu schützen, haben wir außer seinem Namen auch  Details aus seinem Leben geändert.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 04.12.2013 | 07:08 Uhr

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