Stand: 01.12.2020 17:02 Uhr

Kommentar: Faire Preise für Bauern statt Milliarden für Lebensmittelriesen

Hunderte Bauern mit ihren Treckern blockieren die Zufahrten zu den Lagern einzelner Lebensmittel-Riesen. Die Landwirte protestieren gegen unfaire Handelsbeziehungen. Für viele bäuerliche Familienbetriebe geht es um die Existenz.

Michael Orth, Redakteur der Redaktion Landespolitik. © NDR Foto: Hendrik Millauer
NDR Redakteur Michael Orth hält die bisherigen Handelsbeziehungen zwischen Bauern und Lebensmittelhändlern für fragwürdig.

Stellen Sie sich vor, Sie wollten ihr Auto verkaufen. Sie finden einen Käufer und einigen sich auf den Preis. Dann aber weigert sich der Käufer, einen schriftlichen Vertrag zu schließen, will das Auto gleich mitnehmen, aber frühestens in einem Monat bezahlen und über den gerade vereinbarten Preis will er auch noch mal nachverhandeln. Würden sie mit so jemanden Geschäfte machen?

Nun, viele Bauern haben keine Wahl. Der Lebensmittel-Einzelhandel verhält sich viel zu oft so wie der fiktive Autokäufer im Beispiel. Da werden Lieferbedingungen einseitig festgelegt, Waren erst Wochen nach Lieferung bezahlt oder sogar, obwohl fest bestellt, kurzfristig storniert. Die vier großen der Branche - Aldi, Lidl, Rewe und Edeka - beherrschen 85 Prozent des Lebensmittelmarktes in Deutschland. Und diese Marktmacht nutzen sie, soweit sie können. Fast immer zu Lasten der Landwirte. Die fühlen sich ausgeliefert, sind schon lange wütend.

Für viele Bauern geht es um die Existenz

"Land schafft Verbindung", diese Organisation vor allem junger, gut vernetzter Landwirte, hat diese lange währende Wut jetzt genutzt. Bauern blockieren mit ihren Treckern Lager der großen Lebensmittelhändler in Cloppenburg und Emstek, in Rostock und Kiel. Das ist rechtlich fragwürdig, menschlich aber verständlich. Denn alles Bitten und appellieren in der Vergangenheit, auch die Hinterzimmer-Gespräche der Bauernfunktionäre mit den Handelsriesen haben nichts geändert. Und für viele bäuerliche Familienbetriebe geht es um die wirtschaftliche Existenz.

Helfen könnte ein Gesetzentwurf von Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner. Die will die unfairen Lieferbedingungen in Zukunft verbieten, will, wie sie sagt, dass sich Bauern und Händler "auf Augenhöhe" begegnen. Das macht sie nicht ganz freiwillig, sie muss nämlich bis Mai nächsten Jahres eine entsprechende Vorgabe der Europäischen Union umsetzen. Immerhin in zwei Punkten geht sie darüber hinaus: So soll in Deutschland verboten werden, dass Lebensmittelhändler unverkaufte Waren an die Landwirte zurückgeben können, ohne zu bezahlen. Und sie sollen ihre Lieferanten nicht an den Lagerkosten beteiligen dürfen. Erstaunlich, dass so etwas gesetzlich geregelt werden muss, sollte es doch eigentlich selbstverständlich sein.

Lobbyisten wollen Gesetz verwässern

Dass das neue Gesetz aber noch ein hartes Stück Arbeit wird, haben die Manager von Aldi, Lidl, Rewe und Edeka schon mal klar gemacht. In einem Brief an Bundeskanzlerin Merkel haben sie sich über Landwirtschaftsministerin Klöckner beschwert, sie fühlten sich diffamiert und diskreditiert, schrieben sie. Die Handelsriesen dürften jetzt schon ihre Lobbyisten losschicken, damit das Gesetz in Bundestag und Bundesrat möglichst stark verwässert wird. Sie wollen ihre Markmacht behalten und ihre Milliardengewinne sichern - mit allen Mitteln. Blockierende Bauern und faire Handelsbeziehungen stören da nur.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 01.12.2020 | 17:08 Uhr

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