Gasspeicher in Deutschland: So hoch ist der Füllstand

Stand: 01.07.2022 10:14 Uhr

Wegen des Ukraine-Kriegs kommt weniger Gas in Deutschland an. Aktuelle Daten zeigen, wie viel Gas durch wichtige Pipelines fließt. Was bedeutet das für den Füllstand in deutschen Gasspeichern?

Deutschlands Gasspeicher sollen bis zum Winter ausreichend gefüllt sein - obwohl der Gasfluss aus Russland stockt. Dafür soll das Gasspeichergesetz sorgen. Es sieht vor, dass die Gasspeicher zu bestimmten Stichtagen im Jahr bestimmte Mindestfüllstände vorweisen: 80 Prozent am 1. Oktober, 90 Prozent am 1. November und, ab dem kommenden Jahr, 40 Prozent am 1. Februar.

 

Füllstand der Gasspeicher: Mehr als halb voll

Aktuelle Daten zeigen, dass der Füllstand der Gasspeicher derzeit dem üblichen Anstieg im Jahresverlauf folgt. Mit 61 Prozent liegt er rund 2 Prozentpunkte unter dem Mittel der vergangenen fünf Jahre. Vergleicht man nur mit dem Jahr 2021, so ist der Füllstand aktuell höher als damals um diese Zeit. (Stand: 02.07.2022)

Allerdings mahnt die Bundesnetzagentur, dass ein Speicherstand von 90 Prozent bis November kaum mehr ohne zusätzliche Maßnahmen zu erreichen sei, sollten die russischen Gaslieferungen über die Nord Stream 1 Leitung weiterhin auf dem aktuell niedrigen Niveau verharren. Seit dem 15. Juni hat Russland die Gasflüsse erheblich gedrosselt. In der Nord Stream 1 Pipeline beträgt der Gasfluss nur noch etwa 40 Prozent der Maximalkapazität.

Weniger Gas durch Nord Stream 1: "Lage ist angespannt"

"Die Lage ist angespannt und eine Verschlechterung der Situation kann nicht ausgeschlossen werden", schreibt die Bundesnetzagentur in ihrem aktuellen Lagebericht. Die Gasversorgung in Deutschland sei im Moment aber stabil. Die von den ausbleibenden Lieferung betroffenen Unternehmen könnten das fehlende Gas noch anderweitig beschaffen, allerdings sei der Großhandelspreis in Folge der Verknappung deutlich gestiegen.

Die Erdgasspeicheranlage in Rehden am 08.04.2013 © picture alliance/dpa Foto: Carmen Jaspersen
AUDIO: Russland drosselt Gaslieferungen nach Deutschland (6 Min)

Notfallplan Gas: Habeck ruft Alarmstufe aus

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck rief wenige Tage nach dem Einbruch der Gasflüsse die Alarmstufe des Notfallplans Gas aus. Erst mit der Notfallstufe als letztem Schritt der Eskalationsleiter würde die Bundesnetzagentur zuteilen, wer noch Gas bekommt. Private Haushalte sind in einem solchen Fall besonders geschützt.

Mit Sorge blicken Experten jedoch auf die alljährliche Wartung der Nord Stream 1 Pipeline, die in diesem Jahr am 11. Juli beginnt. Der mehrtägige Termin ist eigentlich jährliche Routine. Doch diesmal stellt sich die Frage, ob Russland den Gashahn nach zehn Tagen auch tatsächlich wieder aufdreht.

Weitere Informationen
Wirtschaftsminister Robert Habeck spricht bei einem Pressestatement zur Energie und Versorgungssicherheit. © dpa Foto: Michael Kappeler

Habeck ruft Alarmstufe aus: "Wir sind in einer Gas-Krise"

Grund seien die reduzierten Gaslieferungen aus Russland und die anhaltend hohen Preise. Nun müsse mehr Gas eingespart werden. mehr

Gazprom-Tochter hat ihre deutschen Speicher kaum befüllen lassen

Deutschland war mit ungewöhnlich leeren Speichern in das Jahr 2022 gestartet. Ein wichtiger Grund: Rund ein Fünftel der Gasspeicherkapazität lag bislang in der Hand der Firma Astora und diese hatte ihre Speicher seit Sommer 2021 kaum befüllen lassen. Im niedersäschischen Rehden befindet sich der größte der Astora-Speicher, der gleichzeitig der größte Deutschlands ist. Der Speicher war Anfang des Jahres so gut wie leer. Er speichert laut jüngstem Bericht der Bundesnetzagentur aber "aktuell mit maximaler Leistung ein". Aufgrund der technischen Begebenheit kann der Speicher aber nur langsam befüllt werden.

Gaslieferungen: Politisches Druckmittel der russischen Regierung

Astora ist eine Tochter der Gazprom Germania, dem deutschen Ableger des Staatskonzerns Gazprom. Inzwischen hat die Bundesnetzagentur als Treuhänderin vorübergehend die Geschäfte der Gazprom Germania übernommen. Die folgende Grafik zeigt, wie der Füllstand der Astora-Speicher lange Zeit auf niedrigem Niveau verharrte - offenbar ein Druckmittel der russischen Regierung. Erst seit einigen Wochen steigt die Menge an Gas wieder an.

 

Weitere Informationen
Blick auf die Anlage des Erdgasspeichers in Rehden. © dpa-Bildfunk Foto: Mohssen Assanimoghaddam

Bundesnetzagentur übernimmt vorläufig Gasspeicher in Rehden

Bundeswirtschaftsminister Habeck hat sie als Treuhänderin für das Gazprom-Geschäft eingesetzt - auch in Jemgum. mehr

Der Erdgasspeicher in Rehden aus der Luft fotografiert. © www.astora.de

Leerer Erdgasspeicher in Rehden: Gazprom wiegelt ab

Der Speicher ist nur noch zu weniger als fünf Prozent gefüllt. Auch andere Standorte in Niedersachsen sind betroffen. mehr

Deutsche Gasimporte: Mehr als die Hälfte aus Russland

Bereits vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine waren Stimmen laut geworden, die eine staatlich kontrollierte Gasreserve forderten. Beim Erdöl gibt es, anders als beim Gas, schon seit vielen Jahren eine gesetzliche Pflicht zur Bevorratung. Und es gibt auch - anders als beim Gas - genaue Daten dazu, wie in Deutschland mit dem Rohstoff gehandelt wird. Die Unternehmen müssen entsprechende Zahlen an das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) melden, das diese monatlich veröffentlicht. Da solche verpflichtenden Angaben beim Gas fehlen, lässt sich der Anteil russischen Gases am deutschen Gesamtimport nicht exakt bestimmen. Wissenschaftler vom Forschungszentrum Jülich gehen von rund 53 Prozent aus. Andere Quellen kommen auf ähnliche Werte.

Insgesamt deckt die Bundesrepublik mehr als 90 Prozent ihres Gasbedarfs aus Importen. Sprich: Es gibt kaum Gasförderung in Deutschland, die Abhängigkeit vom Ausland - insbesondere von Russland - ist groß. Forschende vom Institut für Energie- und Klimaforschung am Forschungszentrum Jülich haben Abschätzungen dazu gemacht, wie schnell und durch welche Maßnahmen sich diese Abhängigkeit von Russland vermeiden ließe. Ihr Fazit: Mittel- und langfristig spielt sowohl die geregelte Gasbevorratung als auch die stärkere Nutzung von Flüssiggas (LNG) eine Rolle. Außerdem wichtig nach Ansicht der Wissenschaftler: das Umrüsten von Gasheizungen auf Wärmepumpen sowie der rasche Ausbau von erneuerbaren Energien.

Wie Deutschland von russischem Gas unabhängig werden kann

Kurzfristig, also innerhalb von Tagen bis Wochen, könne etwa ein Drittel der russischen Erdgasimporte eingespart werden, prognostizieren die Forscher. Dafür gelte es Energie zu sparen und bei der Stromerzeugung für eine sehr begrenzte Zeit auf andere Energieträger wie Kohle umzusteigen. Die Haushalte spielen bei den Einsparungen eine wichtige Rolle, denn ein großer Teil des in Deutschland verbrauchten Gases fließt in das Beheizen von Wohnungen.

Wirtschaftsminister Habeck hat die Verbraucher in der Vergangenheit immer wieder zum Energiesparen aufgefordert und Anfang Juni eine Kampagne des Bundes zum Thema vorgestellt. Begleitet wird die Aktion von Anzeigen, einer Telefon-Hotline, Veranstaltungsreihen sowie Förderprogrammen und Energieberatungs-Angeboten.

Weitere Informationen
Brennende Gasflammen eines Gasherdes. © fotolia.com Foto:  by-studio

Was tun gegen steigende Gaspreise?

Preiserhöhungen und Kündigungen durch Energieversorger beschäftigen viele Verbraucher. Was können sie dagegen tun? mehr

Hand mit Geldscheinen vor einem Heizkörper © picture-alliance Foto: Armin Weigel

Richtig heizen: Mit einfachen Tipps Geld und Energie sparen

Die Wohnung in den kalten Monaten warm zu halten, ist teurer geworden. Mit einfachen Maßnahmen lassen sich Kosten senken. mehr

Eine Gasspeicheranlage in Etzel. © NDR Foto: Olaf Kretschmer

Niedersachsens Gasspeicher: "Füllstände sind marktabhängig"

In Niedersachsen lagert Erdgas in 107 Kavernenspeichern. Die Füllstände schwanken, das Land kontrolliert nur einmal jährlich. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 14.06.2022 | 17:15 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

Energiewende

Erdgas

Mehr Nachrichten

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) spricht bei der Veranstaltung ""Die Lange Nacht der ZEIT 2022" in Hamburg. © Screenshot

Habeck und Tschentscher äußern sich zum möglichen Gasstopp

Bei einer Gasknappheit drohten „sehr, sehr gereizte Debatten“, sagte Wirtschaftsminister Habeck in Hamburg. Bürgermeister Tschentscher setzt auf mehr Windräder. mehr