Stand: 23.09.2020 11:45 Uhr

"Spahns Fieberambulanzen haben wir längst"

von Jennifer Lange und Marc-Oliver Rehrmann
Walter Plassmann, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg © dpa/picture alliance Foto: Markus Scholz
In Hamburg gebe es längst spezielle Sprechstunden für Corona-Verdachtsfälle, sagt Walter Plassmann von der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg.

Norddeutsche Ärztevertreter sehen es skeptisch, dass sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zuletzt wiederholt für sogenannte Fieberambulanzen stark gemacht hat. "Was Herr Spahn sagt, das hätten wir auch ohne Herrn Spahn gemacht", sagt beispielsweise Walter Plassmann, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg. "Das ist nett, dass er das Konzept jetzt in eine Strategie reinpackt, aber das wussten wir schon selber."

Hamburg bietet seit Langem Corona-Sprechstunden an

Plassmann weist darauf hin, dass es in Hamburg schon seit Monaten Infektsprechstunden gibt, die Patienten telefonisch oder übers Internet buchen können. Gemeint sind Termine, an denen nur Patienten und Patientinnen mit Verdacht auf Covid-19 in die Praxis kommen. So sollen sie von anderen Besuchern ferngehalten werden. "Im Moment haben wir deutlich mehr Angebot als Nachfrage. Die Termine, die wir vorrätig halten, reichen doppelt und dreifach für die Nachfrage aus."

Sollte die Nachfrage in den kommenden Monaten steigen, könne man wie im Frühjahr schnell reagieren und Infektpraxen ausschließlich für Corona-Verdachtsfälle einrichten, so Plassmann.

"Die Ankündigung von Herrn Spahn kam überraschend"

Auch in Niedersachsen wird der Vorstoß des Bundesgesundheitsministers mit Verwunderung aufgenommen. "Die Ankündigung von Herrn Spahn ist für mich ein bisschen überraschend gewesen", sagt Matthias Berndt vom Deutschen Hausärzteverband in Niedersachsen. Denn geschätzte 3.000 von insgesamt 5.000 Hausarzt-Praxen im Land bieten bereits spezielle Sprechstunden-Zeiten für Corona-Verdachtsfälle an.

In Schleswig-Holstein haben derzeit 1.500 Praxen Infektsprechstunden organisiert. Vom 1. Oktober an sollen zusätzlich 15 Testzentren eröffnet werden, in denen bei Corona-Verdacht ein Abstrich gemacht werden kann.

Niedersachsen setzt auf Schwerpunkt-Praxen

Unklar ist noch, wie die Fieberambulanzen organisiert sein sollen und ob die Ärzte dafür zusätzlich Geld bekommen. Das sei gerade in der Diskussion, sagt Detleff Haffke von der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. "Wir haben die Idee entwickelt, den Schwerpunkt-Praxen eine finanzielle Unterstützung zukommen zu lassen. In welcher Höhe und in welcher Form ist noch völlig offen, auch woher das Geld kommen soll."

Derzeit gibt es in Niedersachsen 170 Schwerpunkt-Praxen, die Abstriche machen und sich um Corona-Infizierte kümmern. "Und der Plan ist, weitere Schwerpunktpraxen in den nächsten Wochen in Niedersachsen einzurichten", sagt Haffke.

Haffke wünscht sich in Zukunft mehr Vorlauf. Der Bundesgesundheitsminister habe "zwar immer schöne Ideen". Aber er müsse den Kassenärztlichen Vereinigungen auch Zeit geben, sie umzusetzen.

Virologin Ciesek: Eine gute Idee für den Winter

Die Virologin Prof. Dr. Sandra Ciesek © Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Ellen Lewis
Virologin Sandra Ciesek hält die Bezeichnung "Fieberambulanzen" für irreführend.

Angesichts zuletzt steigender Corona-Zahlen in Deutschland setzt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) auf Fieberambulanzen. So solle sichergestellt werden, dass sich im Wartezimmer die Menschen nicht untereinander anstecken. Die Virologin Sandra Ciesek begrüßt diesen Vorschlag in der neuen Folge des NDR Info Podcasts "Das Coronavirus-Update": "Generell finde ich das eine gute Idee für den Herbst und Winter. Ich finde aber den Namen nicht ganz so treffend, weil es suggeriert, dass nur jemand mit Fieber in diese Ambulanz gehen kann. Das soll natürlich nicht so sein", sagt Ciesek.

Aber es mache grundsätzlich Sinn, dass es spezielle Einrichtungen gibt, wo Menschen mit Atemwegs-Infekten hingehen können, ohne dass andere Patienten die Sorge haben müssten, sich im Wartezimmer mit dem Coronavirus zu infizieren.

"Bei Erkältung ist ein Coronatest nicht zwingend"

Doch bei welchen Erkältungs-Symptomen sollte man sich überhaupt testen lassen? Im Winter wird die Zahl der Atemwegsinfekte schließlich wieder deutlich zunehmen. Walter Plassmann, von der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg, vertraut auf das gesunde Körpergefühl. "Es gibt wahrscheinlich keine Erkrankung, die der Mensch so gut kennt wie eine Erkältung, da er die ein bis zwei Mal im Jahr hat, so dass man davon ausgehen kann: wenn sich die Erkältung völlig normal entwickelt, so wie der Mensch das immer erlebt hat, dann ist ein Corona-Test nicht wirklich zwingend."

Kinderärztin: Nicht bei jedem Schnupfen testen

So schätzt es auch Kinderärztin Tanja Brunnert aus Göttingen ein. Sie sitzt im Vorstand des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte in Niedersachsen und sagt, nur Kinder, die ungewöhnlich krank sind, sollten getestet werden. Alles andere könnten sie bei dem Ärztemangel in Niedersachsen auch gar nicht leisten. Es sei nicht realistisch, einem Kind achtmal in der Erkältungs-Saison einen Abstrich abzunehmen. "Das werden wir nicht hinbekommen mit unseren Mitteln", sagt Brunnert.

Weitere Informationen
Die Virologin Prof. Dr. Sandra Ciesek © Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Ellen Lewis

Ciesek im Corona-Podcast: Testmethoden unter der Lupe

Virologin Sandra Ciesek befürwortet in der neuen Folge des Corona-Podcasts Fieberambulanzen. Außerdem: Antigen-Schnelltests seien nicht für alle Patienten geeignet, PCR-Tests blieben daher der "Goldstandard". mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 23.09.2020 | 06:08 Uhr

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