Tschentscher: Klimaschutz mit Nachdruck voranbringen

Stand: 04.07.2022 20:17 Uhr

Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) will Windkraftanlagen angesichts des Klimawandels und explodierender Energiepreise auch in Naturschutzgebieten errichten. Daran gibt es Kritik.

Tschentscher hatte am Wochenende bei der "Langen Nacht der 'Zeit'" gesagt, es gehe beim Ausbau der Windkraft "auch um ökologische Flächen, es geht auch um Naturschutzgebiete". Es müsse nicht immer alles zulasten der Industrieflächen gehen, erklärte der SPD-Politiker. "Aus meiner Sicht geht es auch, ein Windrad in ein Gebiet zu stellen, in dem es ansonsten nur Natur gibt." Das sei ein Eingriff, "aber es ist in der Lage, in der wir sind, in der Interessen- und Zielabwägung vertretbar". Er habe sich mit der Hafenverwaltung Hamburg Port Authority und dem Planungsstab schon mögliche Flächen angesehen, sagte Tschentscher. Ziel sei, die Windenergie im Hafen mindestens zu verdoppeln.

BUND in Hamburg empört

Beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in Hamburg ist man empört. Natürlich sei der BUND auch für mehr Windenergie, sagte die Landesvorsitzende Christiane Blömeke NDR 90,3. Aber Naturschutzgebiete seien tabu. Gerade habe man es in Hamburg geschafft, zehn Prozent der Fläche unter Naturschutz zu stellen. Das dürfe auf keinen Fall aufgeweicht werden. Bei Landschaftsschutzgebieten hat der BUND zähneknirschend Ausnahmen für Windanlagen zugestimmt. In jedem Fall müssten Alternativen geprüft werden. Und nur wenn alle möglichen Alternativen erfolglos geprüft wurden, könne sich der BUND Windanlagen in Landschaftsschutzgebieten vorstellen.

Nabu: "Falsches Verständnis für Schutz von Natur"

Der Vorsitzende vom Naturschutzbund Nabu in Hamburg, Malte Siegert, hofft indes darauf, dass Tschentscher lediglich in der Formulierung wertvolle Naturflächen mit Naturschutzgebieten verwechselt hat. "Wenn er dagegen wirklich ernsthaft meint, dass in Naturschutzgebieten Windräder stehen sollen, dann frage ich mich ernsthaft, was er für ein Verständnis für den Schutz von Umwelt und Natur hat. Wenn er das meinte, wäre das eine Pervertierung der Frage, was man jetzt alles vor der Frage der Versorgungssicherheit machen kann."

Kritische Stimmen aus den Oppositionsparteien

Kritik kommt auch von der Opposition. Der CDU-Energieexperte Stephan Gamm findet: "Windkraftanlagen in Naturschutzgebieten sind eine reine Luftnummer." Der rot-grüne Senat beweise damit, dass er keine Antwort auf die Energiekrise wisse. Der AfD-Vizefraktionschef Alexander Wolf setzt noch einen drauf. "Die SPD will die Grünen jetzt bei der Naturzerstörung links überholen", so Wolf. Und Stephan Jersch von der Linken meint, dass Hamburg zwar endlich Windräder bauen müsse, doch die Rückzugsräume für Flora und Fauna zur Disposition zu stellen, das zeige, wo die SPD beim Umweltschutz stehe.

Bundesministerium bereitet Gesetzesinitiative vor

Naturschutzgebiete sind die am strengsten geschützten Naturflächen in Hamburg. Weniger streng geschützt sind Landschaftsschutzgebiete. Die Umweltbehörde teilte dem Hamburg Journal im NDR Fernsehen mit, dass Windenergieanlagen in Naturschutzgebieten nach Bundesnaturschutzgesetz nicht zulässig sind. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz bereite aktuell aber gemeinsam mit dem Bundesministerium für Umweltschutz eine Gesetzesinitiative vor, die Windräder in Landschaftsschutzgebieten generell ermöglichen solle. Als Landschaftsschutzgebiete zählen etwa 20 Prozent der Hamburgischen Landesfläche. Naturschutzgebiete sind weitere zehn Prozent.

Tschentscher: "Alternativen zu fossiler Energie vorantreiben"

Tschentscher selbst verteidigte seine Pläne im NDR Hamburg Journal noch einmal. Windenergie und Naturschutz seien sehr gut miteinander vereinbar, so der Bürgermeister. "Klimaschutz ist ein übergeordnetes Ziel, das wir jetzt mit Nachdruck verfolgen müssen", sagte er im Interview. Es gebe auf Bundesebene eben die Bemühungen, das Aufstellen von Windenergieanlagen zu erleichtern und das sei dringend nötig, weil man mehr Klimaschutz durch grüne Energie erreichen müsse. Man müsse jetzt an vielen Stellen etwas für den Klimaschutz tun - auch an diesen. "Natürlich ist das nichts, was uns jetzt durch die aktuelle Krise hilft, aber es geht um beides: Es geht um die aktuelle Krise und die fossilen Energieträger, die uns Russland nicht mehr liefert", so Tschentscher. Es gehe aber auch darum, Alternativen zu den fossilen Energieträgern voranzubringen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 04.07.2022 | 17:00 Uhr

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