Stand: 28.04.2020 20:16 Uhr  - NDR 90,3

Rechtsmediziner Püschel: "Angst ist überflüssig"

Untersuchungen von Toten können wichtige Erkenntnisse liefern. Klaus Püschel ist Direktor des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Er und sein Team obduzieren seit Beginn der Pandemie die Menschen, die in Hamburg im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben sind. Laut Püschel haben alle Verstorbenen mindestens eine Vorerkrankung gehabt. Allein etwa 80 Prozent der mehr als 140 Untersuchten litten unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das Durchschnittsalter der Toten liegt bei 80 Jahren. Das Robert Koch-Institut hatte anfangs von Obduktionen abgeraten, um das rechtsmedizinische Personal vor Ansteckungen zu schützen. Doch Klaus Püschel sieht darin eine Chance, von den Toten für die Lebenden zu lernen.

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Rechtsmediziner Klaus Püschel beurteilt das Coronavirus als "vergleichsweise geringe Gefahr".

"Wir können den Verlauf der Krankheit untersuchen", sagte Püschel am Dienstagabend im Hamburg Journal des NDR Fernsehens. "Wir können feststellen, wie die Therapie gewirkt hat auf der Intensivstation oder auch normal im Krankenhaus, oder in der Altenpflegeeinrichtung. Und wie bestimmte Medikamente wirken. Wir sehen auch besondere Gefahren der Krankheit, also spezielle Auswirkungen in speziellen Organsystemen."

Püschel: Keine besonderen Gefahren durch Coronavirus

Beim neuartigen Coronavirus sieht er für die meisten Menschen keine besonderen Gefahren: "Gerade Kinder, Jugendliche, die arbeitende Bevölkerung wird normalerweise diese Krankheit schadlos überstehen." Das gelte nicht für vorbelastete Menschen: "Das Virus ist schon für diese vorbelasteten Geschädigten, in ihrem Immunsystem geschwächten Personen eine Gefahr, das verkenne ich nicht. Und natürlich führt es bei diesen Personen letztlich zum tödlichen Verlauf - gar keine Frage. Aber das würden andere Virusinfektionen auch tun", sagte Püschel.

"Kein Killervirus"

Trotzdem: Angst vor Ansteckung müssten gesunde Menschen nicht haben: "Die Angst, dass das ein Killervirus ist und dass viele daran sterben werden, ist völlig überflüssig", so Püschel. "Wir müssen uns ja klar machen: Wir wollen ja nicht in einem Glaskasten sitzen. Wir können uns nicht vor allem schützen. Und dieses Virus ist eine vergleichsweise geringe Gefahr." Auch für die Alten und Kranken sei das Virus mitnichten ein Todesurteil. "Auch dort werden die meisten die Krankheit überstehen", sagte Püschel.

Corona-Obduktionen: Von den Toten lernen

Hamburg Journal -

Klaus Püschel und sein Team obduzieren am Institut für Rechtsmedizin des UKE seit Beginn der Pandemie Menschen, die in Hamburg im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben sind.

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Püschel plädiert für Öffnung der Kitas

Darum plädiert Püschel auch für die Öffnung von Kitas und Schulen: "Allgemein ist die Erfahrung: Die Kinder werden nicht besonders krank, die Jugendlichen werden nicht besonders krank. Es gibt noch nicht einmal Hinweise darauf, dass sie besondere Spreader sind." Er selbst sei Großvater und würde sich selbst nicht von seinen Enkelkindern trennen lassen. "Ich möchte auch mit denen kuscheln", so Püschel. Die Bevölkerung müsse mit den Virus leben: "Wir müssen uns mit ihm in gewisser Art und Weise anfreunden, auseinandersetzen, so wie bei der Grippe und wie bei anderen Infektionen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 28.04.2020 | 19:30 Uhr

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