Stand: 23.04.2020 14:13 Uhr

Stutthof-Prozess: KZ-Überlebender sagt per Video aus

Im Hamburger Prozess gegen einen ehemaligen Wachmann im Konzentrationslager Stutthof ist am Donnerstag ein Überlebender des Lagers aus Israel gehört worden. Die Richter hatten gebangt, ob diese Vernehmung überhaupt würde stattfinden können. Der heute 89-Jährige konnte wegen der Corona-Pandemie nicht persönlich vor Gericht erscheinen. Er lebt in der Nähe von Tel Aviv. Da in Israel eine strenge Ausgangssperre herrscht, musste er seine Aussage mit dem eigenen Smartphone von seiner Wohnung aus machen. Die Kammer hatte das zuvor technisch getestet, doch die Verbindung war schlecht.

Zeitzeuge verlor seine Eltern im KZ Stutthof

Der Zeuge und Nebenkläger wurde nach eigenen Angaben in Litauen geboren. 1944 sei er in das Konzentrationslager bei Danzig gebracht worden, wo er bis April 1945 inhaftiert war. Er habe den Eindruck gehabt, in die Hölle zu kommen, sagte er am Donnerstag. Die Menschen dort hätten schrecklich ausgesehen, sehr dürr und krank. Viele seien an Hunger gestorben. Der Zeitzeuge hat beide Eltern im Konzentrationslager Stutthof verloren.

Vorwurf: Beihilfe zum Mord in mehr als 5.000 Fällen

Bruno D. war als 17-jähriger Wachmann im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig. Ihm wird Beihilfe zum Mord in 5.230 Fällen vorgeworfen. Er soll laut Anklage "die heimtückische und grausame Tötung insbesondere jüdischer Häftlinge unterstützt" haben. Zu seinen Aufgaben habe es gehört, die Flucht, Revolte und Befreiung von Gefangenen zu verhindern. Der Fall wird vor der Jugendstrafkammer verhandelt, weil der Beschuldigte zur Tatzeit 17 bis 18 Jahre alt war.

Warum so spät?

Der Prozess gegen Bruno D. hat 74 Jahre nach den Mordtaten im KZ Stutthof begonnen. Hintergrund ist eine Änderung in der Rechtsprechung bezüglich NS-Verbrechern. 2011 wurde John Demjanjuk, ein ehemaliger Wachmann im deutschen Vernichtungslager Sobibor, wegen Beihilfe zum Mord in über 28.000 Fällen verurteilt - ohne dass ihm eigenhändige Mordtaten nachgewiesen werden konnten. Seither ermittelt die deutsche Justiz auch gegen Angehörige der Wachmannschaften anderer Konzentrations- und Vernichtungslager, auch wenn sie nicht persönlich für einzelne Tötungen verantwortlich sind.

Hintergrund ist, dass die Wachleute durch ihren Dienst auch die Mord- und Vernichtungsaktionen in den Lagern unterstützt haben. Die Staatsanwaltschaft Hamburg wirft Bruno D. deshalb vor, als "Rädchen der Mordmaschinerie" dazu beigetragen zu haben, dass die von der Nazi-Führung angeordnete "Endlösung der Judenfrage" im KZ Stutthof umgesetzt werden konnte.

Weitere Informationen
Hamburg: Der 93 Jahre alte ehemalige SS-Wachmann im Konzentrationslager Stutthof wird zum Beginn eines weiteren Prozesstages von einem Arzt in den Sitzungssaal des Landgerichts geschoben. Zum Schutz des Angeklagten vor dem neuartigen Coronavirus werden strenge Hygienevorschriften eingehalten. © picture alliance/Christian Charisius/dpa/Pool/dpa Foto: Christian Charisius

Mit Mundschutz: Früherer KZ-Wachmann wieder vor Gericht

Unter großen Schutzvorkehrungen gegen das Coronavirus wurde vor dem Hamburger Landgericht der Prozess gegen den früheren KZ-Wachmann Bruno D. fortgesetzt. (14.04.2020) mehr

Die deutsch-französiche Journalistin Beate Klarsfeld beim Prozess um den ehemaligen SS-Wachmann Bruno D. in Hamburg. © picture alliance/dpa Foto: Markus Scholz/dpa

Beate Klarsfeld: Prozess gegen KZ-Wachmann wichtig

Im Hamburger Prozess gegen einen früheren KZ-Wachmann hat ein Überlebender des Lagers ausgesagt. Der Zeuge aus Frankreich wurde von Beate Klarsfeld begleitet, die als Nazi-Jägerin bekannt ist. (05.02.2020) mehr

Ein angeklagter 93-Jähriger wird in Hamburg aus dem Gerichtssaal gefahren. Der ehemalige SS-Wachmann ist wegen Beihilfe zum Mord in 5.230 Fällen angeklagt. © picture alliance / dpa Foto: Daniel Reinhardt

Stutthof-Prozess: Zeuge sah Hinrichtungen

Im Hamburger Prozess gegen einen 93-jährigen früheren KZ-Wachmann ist die Aussage eines Überlebenden verlesen worden. Demnach sah der Zeuge aus Norwegen mehrere Hinrichtungen. (24.01.2020) mehr

Gedenkstein an die Opfer des Holocaust auf dem Jüdischen Friedhof in Rostock. © picture-alliance/ dpa/dpaweb Foto: Bernd Wüstneck

Holocaust - Das beispiellose Verbrechen

Mehr als sechs Millionen Juden wurden während der NS-Zeit von Deutschen systematisch ermordet. mehr

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 23.04.2020 | 15:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

.

Corona-Regeln: Senat denkt über Feier-Beschränkungen nach

Nach dem Überschreiten des Corona-Warnwerts erwägt der Hamburger Senat Einschränkungen, zum Beispiel bei privaten Feiern. mehr

.

Prozessbeginn wegen Tötung eines Obdachlosen

Ein Todesfall beschäftigt das Hamburger Landgericht. Ein 37-Jähriger soll einen obdachlosen Mann getötet haben. mehr

Ein Mann trägt eine ver.di-Fahne. © dpa Foto: Daniel Bockwoldt

Ver.di setzt Warnstreiks in Hamburg fort

Die Gewerkschaft ver.di setzt am Mittwoch in Hamburg ihren dreitägigen Warnstreik im öffentlichen Dienst fort. mehr

Eine Person mit blauen Handschuhen hält ein Abstrichstäbchen in der Hand. © photocase Foto: Luisrojas

Coronavirus: 204 Neuinfektionen in Hamburg registriert

In Hamburg sind seit Montag 204 neue Corona-Fälle registriert worden. Der sogenannte Inzidenzwert liegt aktuell bei 55,4. mehr