Stand: 27.07.2020 18:34 Uhr  - NDR 90,3

Pride Week: "Ein CSD gehört auf die Straße"

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Start der Pride Week: Am Hamburger Rathaus wurde die Regenbogenflagge gehisst.

In Hamburg ist am Montag im Rahmen der Pride Week erneut die Regenbogenflagge am Rathaus gehisst worden. Traditioneller Höhepunkt der Veranstaltungen für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt ist der Hamburger Christopher Street Day (CSD). Er findet in diesem Jahr als Fahrrad-Demo statt. Der Veranstalter "Hamburg Pride" hat nun die Genehmigung für eine Demonstration mit 3.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern erhalten. Voraussetzung ist allerdings, dass die Abstands- und Hygieneregeln eingehalten werden. Die Parade beginnt am Sonnabend um 12 Uhr und führt in Blöcken á 100 Teilnehmenden durch St. Pauli und Altona. Im Interview mit den NDR 90,3 Kulturjournal sagte Stefan Mielchen, der Vorsitzende von Hamburg Pride, dass er über dieses Ergebnis tagelanger Verhandlungen erleichtert sei.

Herr Mielchen, wie glücklich sind Sie mit der Entscheidung, dass 3.000 Menschen demonstrieren dürfen?

Stefan Mielchen: Das Ergebnis ist ein Kompromiss, das ist ganz klar. Aber das kann in Zeiten von Corona auch nicht anders sein. Wir haben lange und intensiv mit der Versammlungsbehörde über die Möglichkeiten gesprochen und ausgelotet, was unter den Abstands- und Hygienebedingungen machbar und verantwortbar ist, damit wir das Risiko so gering wie möglich halten und gleichzeitig der Versammlungsfreiheit ihren Raum geben. So ist dieser Kompromiss entstanden, mit dem wir sehr gut leben können.

Normalerweise sieht man beim Christopher Street Day Zigtausende durch die Innenstadt tanzen. Wie viel CSD-Spirit steckt denn noch in dieser Demo?

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Stefan Mielchen ist Vorsitzender von "Hamburg Pride".

Stefan Mielchen: Das hängt natürlich davon ab, wie sich die Menschen auf den Rädern ausstaffieren. Das wird nicht der Umzug sein, den die Hamburgerinnen und Hamburger kennen. Aber es wir möglich sein, die Fahrräder und sich selbst zu schmücken.

Die meisten Kulturveranstaltungen fallen in diesem Sommer aus: Warum halten Sie am Christopher Street Day fest?

Stefan Mielchen: Weil es wichtig ist, das Grundrecht der Versammlungsfreiheit wahrnehmen zu können und für seine Rechte auf die Straße zu gehen. Das ist auch in Corona-Zeiten nicht weniger wichtig geworden. Es ist für viele Menschen die einzige Gelegenheit im Jahr, öffentlich so sein zu können, wie sie sein wollen. Dazu gibt es dann auch noch eine Reihe politischer Forderungen, die ja wegen Corona nicht einfach unter den Tisch fallen.

Was sind denn die aktuellen Themen? Es ist ja schon viel erreicht: Die "Ehe für alle" zum Beispiel und auch das Verbot der Konversions-Therapien.

Interview

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Stefan Mielchen: Es geht zum Beispiel darum, dass der Diskriminierungsschutz des Grundgesetzes in Artikel 3 auf die sexuelle Orientierung und die geschlechtliche Identität ausgeweitet wird, damit uns die erkämpften Rechte nicht auch wieder genommen werden können. Es geht darum, das Transsexuellen-Recht abzuschaffen und durch ein Selbstbestimmungsrecht für diese Menschen zu ersetzen. Da haben wir 20 Forderungen auf unserer Liste. Die Agenda ist also noch lange nicht abgearbeitet.

Im Gegensatz zu Ländern und Regionen wie Ostpolen, Georgien, Russland und den islamischen Staaten leben Schwule und Lesben hier in Freiheit und gleichberechtigt. Gibt es dennoch auch hier in Hamburg Probleme im Alltag?

Stefan Mielchen: Die gibt es sicher im Alltag jedes einzelnen. Es hat sich in den vergangenen Jahren sehr, sehr viel verändert und verbessert. Vor 40 Jahren, als die erste Demo durch Hamburg ging, wurden Homosexuelle wirklich noch verfolgt und der Paragraf 175 war noch in Kraft. Da hat sich die Situation schon dramatisch verbessert. Es gibt aber noch einiges zu tun und Vorurteile abzubauen.

Hamburg Pride ist nicht nur die Parade – was findet in dieser Woche noch statt?

Stefan Mielchen: Die Beflaggung öffentlicher Gebäude, wie das Rathaus, ist im Prinzip die einzige Veranstaltung, die stattfindet. Es fällt sehr viel aus. Wir haben in diesem Jahr kein 'Pride-Haus' und wir wollten eigentlich eine Menschenrechtskonferenz mit Menschen aus allen Partnerstädten machen, auch aus Polen, wo die Situation der Homosexuellen sehr dramatisch ist. Das fällt alles flach. Wir haben einige Sachen ins Internet verlegt. Aber das ist natürlich kein Ersatz: Ein CSD gehört auf die Straße und nicht ins Internet.

In den vergangenen Wochen gab es in der schwulen Szene Diskussionen über Rassismus in den eigenen Reihen: Auf Dating Plattformen im Internet las man wohl immer wieder, dass Leute beispielsweise ausdrücklich keinen Kontakt mit Asiaten wollten. Man konnte über Suchfilter auch Menschen mit anderer Hautfarbe aussortieren. Wie tolerant ist denn die LGBT-Community?

Stefan Mielchen: Das ist ein ganz schwieriges Thema. Rassismus ist in unseren Communitys ein Thema, das wir dringend auf die Agenda setzen müssen, vor allen mit denen, die es betrifft. Toleranz lässt sich aber nicht einfach verordnen. Das ist etwas, woran die ganz Community  dringend arbeiten muss.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 27.07.2020 | 19:00 Uhr

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