Stand: 12.01.2018 19:06 Uhr

Messerangriff in Barmbek: Angeklagter gesteht

Rund fünf Monate nach dem tödlichen Messerangriff in einem Supermarkt im Hamburger Stadtteil Barmbek hat am Freitag der Mordprozess gegen den mutmaßlichen Täter begonnen. Der 26-jährige Palästinenser Ahmad A. muss sich vor dem Oberlandesgericht der Hansestadt wegen Mordes und sechsfachen versuchten Mordes und Körperverletzung verantworten. Ihm droht im Fall einer Verurteilung eine lebenslange Haftstrafe. Zu Prozessbeginn ließ der Angeklagte ein Geständnis verlesen. "Er bekennt sich in allen Anklagepunkten ausdrücklich schuldig", erklärte sein Anwalt. "Die Taten hatten aus seiner Sicht einen religiösen Hintergrund." Ahmad A. ließ weiter erklären, dass er sich zu den Details der Taten nicht äußern werde.

Fragen zu einem Konsum von Alkohol oder Drogen wollte er ebenso wenig beantworten wie Fragen zu einer Hinwendung zur Religion oder zu einer Terrororganisation. Auch zu seinen Aussagen in den ersten Vernehmungen wollte er nichts sagen. Dafür beantwortete er Fragen zu seinem Lebenslauf. Demnach hatte er angefangen, Zahnmedizin zu studieren, aber dann abgebrochen. Seine Mutter sei Lehrerin. Nach Deutschland kam der Angeklagte demnach, um arbeiten und auf eigenen Beinen stehen zu können. Auch die westliche Lebensweise sei anfangs ein Grund gewesen. Doch dann sei er damit nicht zurecht gekommen. "Ich hatte den Eindruck, dass ich nicht willkommen bin", erklärte er laut Dolmetscher, der aus dem Arabischen übersetzte.

Ein Toter, sechs Verletzte

Der abgelehnte Asylbewerber hatte sich laut Anklage am 28. Juli 2017 in einem Supermarkt ein Messer mit einer 20 Zentimeter langen Klinge gegriffen und unvermittelt einen Kunden angegriffen. Der 50-Jährige starb noch am Tatort. Anschließend stach er einen weiteren Kunden nieder, der später nur durch eine Notoperation gerettet werden konnte. Beim Verlassen des Marktes attackierte er drei weitere Menschen mit dem Messer. Anschließend griff er noch eine vorbeifahrende Radfahrerin und eine ihm entgegenkommende Passantin an. Eine Gruppe Männer, überwiegend mit Migrationshintergrund, folgte dem bewaffneten Täter und attackierte ihn unter anderem mit Stühlen eines Cafés und Steinen. Es gelang ihnen, ihn festzusetzen, bis Polizisten eintrafen und ihn festnahmen. Für ihr mutiges Einschreiten wurden die Männer später von der Polizei geehrt.

"Man hat gemerkt, dass er stolz war"

Laut Bundesanwaltschaft ging es A. darum, so viele Deutsche christlichen Glaubens wie möglich zu töten - quasi als Vergeltung für das Unrecht, das Muslime weltweit erfahren müssten. "Man hat gemerkt, dass er stolz war und gerne noch mehr Menschen getötet hätte", berichtete ein Kripobeamter als Zeuge von den ersten Vernehmungen des Täters. Die Anklage betrachtet den Palästinenser aufgrund eines vorläufigen psychiatrischen Gutachtens als voll schuldfähig. Die Behörden gehen von einem Einzeltäter aus, der sich selbst radikalisierte.

Keine Hinweise auf IS-Mitgliedschaft

Nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft wollte der 26-Jährige seine Tat als "Beitrag zum weltweiten Dschihad verstanden wissen", war aber kein Teil eines extremistischen Netzwerks. Deshalb muss er sich in dem zunächst bis März angesetzten Prozess vor dem Staatsschutzsenat nicht wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verantworten. Unmittelbar nach der Tat war über eine organisatorische Verbindung zur Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) spekuliert worden. Bei der ersten Vernehmung nach der Tat hatte A. laut Bundesanwaltschaft noch erklärt, er sei Terrorist. Belastbare Hinweise auf Kontakte zum IS oder einer anderen islamistischen Organisation fanden die Ermittler aber nicht.

Schon in den Monaten vor der Tat hatten die Behörden Hinweise auf eine mögliche Radikalisierung des Mannes erhalten, Mitarbeiter des Verfassungsschutzes sprachen mit dem 2015 eingereisten Mann. Sie stuften ihn aber nicht als akut gefährlich ein, sondern sahen eher Anzeichen für eine psychische Labilität.

Für Diskussionen hatte der Fall auch gesorgt, weil der Mann eigentlich nach Norwegen hätte abgeschoben werden können. Dort hatte er zu einem früheren Zeitpunkt gelebt. Doch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge versäumte eine Frist. Ende 2016 wurde der Asylantrag in Deutschland dann abgelehnt. Ahmad A. wollte wohl auch ausreisen, doch das scheiterte an fehlenden Papieren.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 12.01.2018 | 10:00 Uhr

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