Der Chronist von St. Pauli: Günter Zint wird 80

Stand: 28.06.2021 00:01 Uhr

Mehr als zwei Millionen Fotos hat Günter Zint in seinem Leben schon gemacht. Am Sonntag wurde er 80 Jahre alt. Und wenn man mit ihm über den Kiez bummelt, reiht sich eine spannende Geschichte an die nächste.

von Daniel Kaiser

Ganz nah ist er damals an die Stars herangekommen mit seiner Kamera. Zu den Legenden, die er in Hamburg ablichtete, zählte auch der Gitarrist Jimi Hendrix, erzählt Günter Zint im Interview. Jimi Hendrix habe er im Auto-Hotel in der Lincolnstraße getroffen: "Der hat sehr laut Musik gehört, und dann hat man ihn gebeten, sich ein anderes Hotel zu suchen. Da sah er dann bei mir im Studio eine Couch und eine Stereo-Anlage, da sagte er: 'I am not going back to this shitty hotel!' Schon hatte ich einen Untermieter." Günter Zint fotografiert Hendrix in Plattencover-Pose. Aber auch nach dem Konzert drückt er auf den Auslöser, die Bühne schon leer. Da ist nur noch die Gitarre, die von den weiblichen Fans abgeknutscht wird.

Dichterlesungen im Grünspan

Foto von Jimi Hendrix bei einer Ausstellung des Fotografen Günter Zint. © picture alliance/dpa/Malte Christians Foto: Malte Christians
Das Foto des Musikers Jimi Hendrix zeigte Günter Zint auch bei einer Sonderausstellung seiner Bilder im St. Pauli Museum 2012.

Zint war nie nur Beobachter, sondern auch Macher. Als der Starclub unterging, war Zint bei der Gründung des Grünspans ein paar Meter die Straße Große Freiheit weiter hoch, mit dabei: "Da haben wir die Rocker ganz schnell 'rausgekriegt aus dem Vorgängerladen, dem Hitclub, indem wir Dichterlesungen gemacht haben." Zint war auch mittendrin in der Studentenbewegung. Und das ohne Studium. Er lebte in der Annenstraße in einer Kommune: "Ganz oft war Ulrike Meinhof bei uns zu Gast, Henryk Broder hat hier gewohnt, Günter Walraff und Stefan Aust waren oft zu Besuch."

Redaktion über einem Sexkino

Domenica © Panfoto/ Günter Zint Foto: Günter Zint
Eines der berühmtesten Fotos von Günter Zint ist das Foto der Prostituierten und Sozialarbeiterin Domenica Niehoff (1945-2009) vor einem Spiegel.

In der Hein-Hoyer-Straße Ecke Seilerstraße spielen wichtige Stunden von Zints wilden Zeiten. Auf seinen Fotos sieht man die Arbeit der großen Redaktion der legendären St. Pauli Nachrichten. "Die saßen alle über diesem Sex-Kino. Und auf die Redaktion wurden zweimal von Eiferern und Frömmelnden Anschläge verübt, einmal sogar ein Brandanschlag." Günter Zint hat sie alle fotografiert, die liebenswerten, skurrilen Kiez-Gestalten. Die Studentenproteste, die Besetzung der Hafenstraßenhäuser. Ein wandelndes, knipsendes St. Pauli Archiv.

St. Pauli hat kein Geschichtsbewusstsein

Am Hamburger Berg stehen wir vor einem Sex-Shop, der damals die ersten Pornos verkaufte. "Ich bin neulich da rein und habe denen sagen wollen, was für ein geschichtsträchtiger Laden das ist. Das interessierte sie gar nicht. Der hat mich quasi rausgeschmissen. Das Geschichtsbewusstsein auf St. Pauli ist null." Doch für ihn sei das ganz gut, fügt Zint hinzu: "Weil jeder Container beim Umbau von Kneipen von mir gefilzt wird. Da habe ich die tollsten Schätze für mein St. Pauli Museum herausgeholt." Das Museum hat eine lange und komplizierte Geschichte. Der Investor des Hauses an der Davidstraße hatte andere Pläne. Für das Museum begann der Überlebenskampf. Erst der Umzug ans Nobistor, dann kam Corona. Jetzt bereitet Zint mit einer Stiftung ein Comeback vor. Eine Ausstellung im Schwedenspeicher in Stade ist geplant. Und auch ein neues Buch kommt demnächst heraus. Es ist sein Achtundachtzigstes.

Der Fotograf Günter Zint © NDR Foto: Daniel Kaiser
AUDIO: Günter Zint: Der Kiez-Chronist wird 80 (3 Min)
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Der Fotograf Günter Zint vor dem Kiezmuseum St. Pauli. © Günter Zint Foto: Günter Zint

"Den Star-Club haben wir geliebt, weil unsere Eltern ihn gehasst haben"

Ein Interview mit Günter Zint, dem Fotografen der 68er-Generation, über strenge Regeln und widerspenstige Jugendliche. (19.03.2009) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 24.06.2016 | 19:10 Uhr

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