Als die Polio-Impfung Hamburg erreichte

Stand: 14.02.2021 18:57 Uhr

Heute gilt die Kinderlähmung in Deutschland als ausgerottet. Das ist nur möglich, weil gegen Polio konsequent geimpft wird. Davor litten und starben etliche Kinder an der Viruserkrankung. Ein Rückblick aus Hamburg:

"Man war eigentlich ohnmächtig und wusste als achtjähriger Junge nicht, was passiert", erinnert sich Dr. Peter Brauer, der als Kind an Polio erkrankte. Es gab keine Medikamente, nichts, was man Erkrankten geben konnte. Die Polio ist heimtückisch, denn ihre Symptome sind wie die einer Grippe und sie tritt plötzlich auf. Die meisten Eltern denken sich nichts Böses. Sie bringen die Kleinen erst einmal zum Kinderarzt.

Mit Kinderlähmung in die Klinik

"Auf dem Wege dorthin bin ich nach 100 Metern zusammengebrochen. Meine Mutter glaubte, ich würde mich etwas anstellen. Der Kinderarzt hatte auch auf einen grippalen Infekt getippt", sagt Brauer. "Und beim Hinausgehen aus seinem Sprechzimmer hat er bemerkt, dass ich nicht richtig laufen konnte und hat uns sofort zurückgerufen und hat dann mitgeteilt, das sei die Kinderlähmung und er müsste mich sofort in die Kinderklinik einweisen."

Ein erster Impfstoff

1955 macht eine Information aus Amerika Schlagzeilen: Forscher Jonas Salk hat im Labor der Universität Pittsburgh eine Impfung gegen die Kinderlähmung entwickelt. Die Neuigkeit lässt auch die Hamburgerinnen und Hamburger aufatmen. Der Impfstoff, der aus abgetöteten Polioviren besteht, wird ab 1957 auch Hamburger Kindern gespritzt. Doch die Zahl der Erkrankungen geht nicht so schnell zurück wie erwünscht.

Der zweite Impfstoff bringt den Durchbruch

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Die Schluckimpfung erreichte 1962 Hamburg.

Der amerikanische Virologe Albert Sabin bringt bald einen zweiten Impfstoff auf den Markt, den Ärzte in Deutschland ab 1962 gegen die Kinderlähmung einsetzen. Sie versüßen den Kindern mit der Umstellung auf den neuen Impfstoff die leidige Impfprozedur. Statt der üblichen Spritze können die Kinder den Impfstoff auf einem Stück Zucker einfach schlucken. "Wir empfahlen immer, dass alle in der Familie sich zum gleichen Zeitpunkt impfen lassen", erinnert sich Kinderärztin Maria-Luise Koch. "Denn das ist eine Lebendimpfung. Alle Leute, die nicht geimpft sind, könnten sich infizieren." Bei Lebendimpfungen werden die Erreger wieder ausgeschieden, so kann man sich anstecken.

Anstehen für eine Impfung

Mit der Schluckimpfung wollen die Ärztinnen und Ärzte mehr Menschen erreichen. Ihnen nützt, dass die Herstellung des Impfstoffes wenig Geld kostet. In nur 14 Tagen lassen sich 22 Millionen Deutsche impfen. "Die ersten, die kamen, haben gesagt: 'Ich spüre überhaupt nichts, das schmeckt nach überhaupt nichts, nur nach dem Zucker'", sagt Kinderärztin Koch. "Das hat sich rumgesprochen und dann strömte es. Es strömte so, dass sie draußen Schlange standen."

Polio ist weltweit fast besiegt

Selbst Hamburger Firmen schicken ihre Mitarbeitenden zur Schluckimpfung. Deutschland soll endlich Polio-frei werden. "Die Polio-Impfung ist ein Segen", sagt Koch. "Ich möchte jeden Tag mit der Klingel hinausgehen und sagen: 'Leute, denkt daran, wir haben die Schluckimpfung.' So gut finde ich sie." Der neue Impfstoff auf dem Stückchen Zucker ist ein voller Erfolg. Die Kinderlähmung ist heute bis auf wenige Ausnahmen weltweit besiegt.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 14.02.2021 | 19:30 Uhr

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