Stand: 19.07.2018 17:01 Uhr

Wissenschaft kann Fake-Science-Problem lösen

"Fake Science" lautet die Überschrift einer großen Recherche mehrerer Medien, an der auch NDR Info beteiligt war und aus der wir in den kommenden Tagen noch viele weitere Einzelheiten lesen, hören und sehen werden. Es geht um pseudo-wissenschaftliche Verlage, die unsauber arbeiten: Sie verdienen Geld mit Veröffentlichungen, die sie vorher nicht fachlich überprüfen lassen. Für wen ist dieses Geschäftsmodell gefährlich?

Bild vergrößern
Skrupellose Unternehmen nutzen die Tatsache skrupellos aus, dass Wissenschaftler in Sachen Veröffentlichungen stark unter Druck stehen, meint Peter Hornung.

Die Wissenschaft hat ein Problem. Ein Problem damit, sich abzugrenzen. Gegen den wachsenden Sektor der scheinwissenschaftlichen Verlage. Die machen ihr Geld mit der Not von Forscherinnen und Forschern, die gezwungen sind, irgendwo ihre Forschung auch zu veröffentlichen. Das ist Pflicht, um voranzukommen, eigentlich, um überhaupt in der Wissenschaft Fuß zu fassen.

Und diesen Druck nützen skrupellose Unternehmen am anderen Ende der Welt aus. Sie versprechen, so zu arbeiten wie seriöse Wissenschaftsverlage. Sie tun es aber nicht. Jeder kann alles dort publizieren. Die wissenschaftliche Qualitätssicherung bei diesen Unternehmen ist häufig nicht mehr als ein Witz. Das merkt man aber erst später. Die Fassade der Unternehmen glänzt mehr oder weniger - und deshalb gehen ihnen viele Wissenschaftler in die Falle. Sie lassen sich locken von Versprechungen, gegen ein paar Hundert Euro Forschungsbeiträge zu publizieren. Beiträge, die dann im eigenen wissenschaftlichen Lebenslauf genannt werden können.

Nicht alle sind Opfer der Fake-Verlage

Wer das einmal tut, der ist Opfer. Und das ist sicher die größte Gruppe. Doch es gibt eine zweite Gruppe: diejenigen Wissenschaftler, die mehrmals bei Fake-Verlagen veröffentlichen. Die billigend in Kauf nehmen, dass sie in einer Scheinwelt gelandet sind. Die halbgare Forschung irgendwo loswerden wollen, wo sie sich keiner Kritik durch Kollegen stellen müssen. Auch sie schreiben es in den Lebenslauf. Wird schon keiner merken.

Eine bemerkenswerte Gesellschaft

Sie treffen in dieser Scheinwelt auf die dritte Gruppe: die Scharlatane und Quacksalber, die Geschäftemacher und Gauner, die für schlechte Produkte, dubiose Medikamente oder abstruse Theorien ein wissenschaftliches Gütesiegel benötigen. Am Ende kommt eine bemerkenswerte Gesellschaft zusammen: Gute Wissenschaft, mittelmäßige, falsche und auch gefälschte. Wer was gemacht hat, weiß keiner.

Warnen, nicht schweigen!

Das Geschäft der Fake-Verlage boomt. Und daran hat auch die Hochschul-Welt ihren Anteil. Denn es gibt hierzulande eine Kultur des Kleinredens, des Wegschauens, der Indifferenz. Bibliotheken üben sich in falsch verstandener Neutralität und nehmen Pseudo-Journale in ihre Kataloge auf.

Von Forschungsgesellschaften heißt es: Wir können doch den Wissenschaftlern nicht vorschreiben, wo sie veröffentlichen. Und die Wissenschaftler selbst, die in so etwas rein geraten sind, hängen es nicht an die große Glocke. Die schämen sich, es ist ihnen peinlich. Und anstatt Kolleginnen und Kollegen zu warnen, verschweigen sie es lieber.

Glaubwürdigkeit der Wissenschaft steht auf dem Spiel

In den vergangenen Jahren gab es bereits zahlreiche Initiativen der Hochschulen und Forschungsgesellschaften. Aber sie waren nicht so effektiv, wie sie es hätten sein sollen. Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt. Vielleicht sind die Berichte über diese Scheinwelt der Schuss, den alle hören sollten.

Denn die Wissenschaft kann das Problem selbst in den Griff kriegen, sie kann das Geschäft der Fake-Verlage kaputt machen: wenn keiner mehr hingeht, wenn jeder hinschaut, wo er publiziert - und wenn die Wissenschaft neue Konzepte entwickelt, neue Ideen, wie Forscherinnen und Forscher publizieren können. Sonst steht nicht mehr und nicht weniger als die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft auf dem Spiel. Und das wäre eine Katastrophe für uns alle.

Weitere Informationen
Podcast
NDR Info

Fake Science - Wissenschaft auf Abwegen

NDR Info

In dieser Scheinwelt gelten keine Regeln, hier kann sich jeder Wissenschaft erkaufen: In der Welt von Fake Science. mehr

So einfach wurden wir Wissenschaftler

Zwei Autoren des NDR wollen Wissenschaftler werden - und schaffen es. Zahlreiche Pseudo-Verlage publizieren ihre sinnlosen Texte und laden sie zu Konferenzen ein. mehr

Dossier: Das Geschäft mit der Wissenschaft

In den vergangenen Jahren hat sich eine akademische Scheinwelt entwickelt: Schlechte oder sogar gefälschte Studien werden als Wissenschaft ausgegeben. Eine investigative Recherche. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 19.07.2018 | 17:08 Uhr

Mehr Nachrichten

02:13
Hallo Niedersachsen

Brand auf Museumsschiff "Seute Deern" gelöscht

16.02.2019 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen
03:00
Hamburg Journal

Reicht Hamburgs Winternotprogramm noch aus?

16.02.2019 19:30 Uhr
Hamburg Journal
02:57
Nordmagazin