Stand: 05.12.2018 17:17 Uhr

Schäuble - ein Mann, der nicht schweigen kann

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hat sich in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" für Friedrich Merz als neuen CDU-Chef ausgesprochen. Vor Beginn des CDU-Wahlparteitags in Hamburg hat sich damit einer der - trotz seines neutralen Amts - innerparteilich nach wie vor einflussreichsten Unionspolitiker öffentlich positioniert.

Ein Kommentar von Torsten Huhn, NDR Korrespondent im ARD-Hauptstadtstudio

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Wolfgang Schäuble sollte besser über den Dingen stehen, meint Torsten Huhn.

Wolfgang Schäuble war mit seinen 76 Jahren auf dem besten Weg, zu einem "elder statesman" zu werden, wie die Engländer das nennen. Zu einem Politiker, der über den Dingen und auch über den Parteien steht. Als Bundestagspräsident hat er gute Reden gehalten, und er hat einen souveränen Umgang mit der neuen Fraktion am rechten Rand gefunden, der AfD.

Doch nun hat sich Schäuble doch wieder in die Niederungen der Parteipolitik begeben. Ich bedauere das, denn einen so klugen Kopf und einen so eloquenten Redner kann das Land gut gebrauchen - wenn er denn ein bisschen über den Dingen steht.

Dazu hätte er aber "unparteiisch" bleiben müssen - und sich nicht so klar für einen der drei Kandidaten aussprechen dürfen. Aber er hat es nicht geschafft, sich herauszuhalten. Mit Bedacht hat sich Schäuble im Interview mit einer konservativen und wirtschaftsfreundlichen Zeitung deutlich für Friedrich Merz als neuen CDU-Vorsitzenden ausgesprochen.

Schäuble und Merz wollen eher an alten Zeiten anknüpfen

Warum hat er das gemacht? Weil er doch eher konservativ ist und daher Merz politisch näher steht als Annegret Kramp-Karrenbauer? Oder ist es einfach die alte Verbindung zu Merz aus den 90er-Jahren, als der die damals ersehnte große Steuerreform auf dem Bierdeckel skizzierte und Schäuble ihn protegierte?

Beide, Schäuble und Merz, sind Politiker aus der Zeit Helmut Kohls. Sie stehen in vielem für die alte Bundesrepublik. Angela Merkel hat mit ihren liberalen Einstellungen das Land offener gemacht, hat es verändert. Schäuble und Merz wollen eher an alten Zeiten anknüpfen, während Kramp-Karrenbauer die Merkel-Politik wohl eher fortsetzen würde - wenn auch mit Korrekturen.

Warum positioniert sich Schäuble so deutlich?

Dass Schäuble Merz politisch nähersteht, ist leicht nachzuvollziehen. Aber warum musste er sich so deutlich positionieren? Ist es vielleicht eine gewisse Genugtuung für ihn gegenüber der Kanzlerin Merkel, die nach der Ära Kohl in den Jahren 1999 und 2000 die Macht in der Partei an sich zog, an Schäuble vorbei, der sich Hoffnungen gemacht hatte, aber durch seine Verwicklung in die CDU-Parteispenden-Affäre geschwächt war? Oder war Schäuble schon länger frustriert über die Politik der Kanzlerin, die ihm nicht konservativ genug war?

Wäre er doch unparteiisch geblieben ...

Wir wissen es nicht. Tatsache ist aber, dass Schäuble viele Jahre als Minister unter Merkel diente - und diese Zusammenarbeit zumindest nach außen hin gut funktionierte. Dass er sich jetzt so klar gegen Merkel positioniert, ist sein Recht.

Merz steht ihm politisch näher als Kramp-Karrenbauer. Aber für mich wäre es souveräner gewesen, wenn Schäuble unparteiisch geblieben wäre und sich nicht für einen Kandidaten ausgesprochen hätte. Er wäre dann ein souveräner, ein bisschen über der Tagespolitik schwebender "elder statesman" geblieben.

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NDR Info | Kommentar | 05.12.2018 | 18:30 Uhr