Stand: 15.05.2018 15:55 Uhr

Pro oder Kontra: Dürfen Özil und Gündogan das?

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Der Bild-Beleg des umstrittenen Treffens von Gündogan, Özil und Erdogan.

Bundestrainer Joachim Löw hat seine Entscheidung nicht von den Schlagzeilen beeinflussen lassen: Mesut Özil und Ilkay Gündogan gehören auch nach ihrem vieldiskutierten Treffen mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan wie erwartet zum WM-Kader der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, auch wenn Gündogan sein Trikot signiert hatte mit den Worten "Mit großem Respekt für meinen Präsidenten" - und damit nicht Frank-Walter Steinmeier meinte.

NDR Info Redakteur Christoph Heinzle und NDR Hörfunk-Sportchef Alexander Bleick haben unterschiedliche Ansichten, wie das Treffen der beiden türkischstämmigen deutschen Nationalspieler mit Erdogan moralisch zu bewerten ist. Was meinen Sie? Schreiben Sie uns - unten auf dieser Seite.

Pro

"Klar dürfen die das", meint Christoph Heinzle.

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"Solange sich die Fußballer an Recht und Gesetz halten, dürfen sie sich auch mit jemandem wie Erdogan treffen und Fotos mit ihm machen", meint Christoph Heinzle..

Wie heißt es in Artikel 5 des Grundgesetzes? "Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten." Und so schwer das manchem fallen mag: Das gilt auch für Meinungen, die nicht von einer Mehrheit geteilt werden. Das gilt auch für Sympathiebekundungen für einen hochumstrittenen Politiker, in dessen Land das Recht auf Meinungsfreiheit mit Füßen getreten wird. Und das gilt auch für Nationalspieler. Mesut Özil und Ilkay Gündogan sind nicht Eigentum des DFB, deutscher Politiker oder der deutschen Öffentlichkeit.

Absurd, dass ausgerechnet DFB-Präsident Reinhard Grindel sich als moralischer Tugendwächter geriert, auf Werte pocht im Namen eines Verbandes, der sich einst über die WM-Vergabe an das autoritäre Katar gefreut hat und der sich gegen einen von Wladimir-Putin-Gegnern geforderten Boykott der WM in Russland aussprach. "Der DFB setzt auf Dialog und nicht Boykott", sagte Grindel. Özil und Gündogan aber kritisiert der DFB jetzt scharf für das Foto mit Erdogan.

Doch nicht nur solch' Doppelzüngigkeit mancher Kritiker stößt mir auf, sondern vor allem deren Stoßrichtung. Klar darf man den Fototermin der türkischstämmigen Nationalkicker kritisieren, darf die beiden Sportler für naiv halten, für ungeschickt, ihre Aktion für politisch inakzeptabel. Özil und Gündogan müssen solche Kritik ertragen. Aber solange sich die Fußballer an Recht und Gesetz halten, dürfen sie sich mit jemandem wie Erdogan treffen und Fotos mit ihm machen. Das ist ihre eigene Entscheidung.

Kontra

"Ein peinlicher Auftritt von Özil und Gündogan", meint Alexander Bleick.

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Alexander Bleick meint, dass sich Özil und Gündogan den Vorwurf gefallen lassen müssen, Propaganda für einen Menschensrechtsverletzer zu machen.

Reden wir so, wie auf dem Fußballplatz getextet wird: Reden wir Klartext! Was Özil und Gündogan da in London gemacht haben, geht gar nicht. Ihr Auftritt mit dem türkischen Präsidenten Erdogan war peinlich und geschmacklos.

In der Türkei sind spätestens seit dem Putschversuch 2016 demokratische Grundrechte stark eingeschränkt, zum Beispiel die Meinungsfreiheit. Tausende Menschen sitzen im Gefängnis, weil sie sich gegen Erdogan und seine Partei gestellt haben oder gestellt haben sollen. Wer wie Özil und Gündogan dem dafür Verantwortlichen die Hand reicht, ihm ein signiertes Trikot schenkt und für gemeinsame Fotos posiert, der muss sich den Vorwurf gefallen lassen, Propaganda für einen Menschensrechtsverletzer zu machen.

Dabei geht es mir nicht um die rechtliche Bewertung. Niemand kann es einem deutschen Staatsbürger verbieten, seine politische Meinung zu vertreten. Aber moralisch gesehen war das ein absolutes No-Go!

Der Deutsche Fußball-Bund wirbt für Toleranz, für Miteinander und Integration. Özil und Gündogan sind beide Gesichter dieser Kampagne. Sie sind Vorbilder für Kinder und Jugendliche. Sie sind beide in Deutschland geboren. Sie haben sich aus freien Stücken für den deutschen Pass und für das deutsche Trikot entschieden.

Wer für eine Nationalmannschaft spielt, trägt eine besondere Verantwortung. Das heißt nicht, dass man alles gut finden muss, was in unserem Land passiert. Aber das Mindeste ist, die im Grundgesetz niedergeschriebenen Rechte zu achten und zu vertreten. Und das schließt zumindest aus meiner Sicht aus, für einen Menschenrechtsverletzer Propaganda zu machen.

Weitere Informationen

Foto mit Erdogan: "Völlig daneben"

Der Fototermin der deutschen Fußballnationalspieler Özil und Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Erdogan stößt in MV auf Kritik. Solche Aktionen seien für die Integration "kontraproduktiv". mehr

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WM-Kader - Löw nominiert Petersen und Neuer

Bundestrainer Joachim Löw hat seinen vorläufigen Kader für die WM in Russland benannt. Torwart Manuel Neuer und Angreifer Nils Petersen sind dabei, Mario Götze nicht. extern

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Özil und Gündogan mit zur WM? Ihre Meinung!

15.05.2018 08:50 Uhr
NDR 1 Niedersachsen

Die deutschen Fußball-Nationalspieler Özil und Gündogan haben sich in London mit dem türkischen Präsidenten Erdogan getroffen. Was halten Sie davon: Ist das völlig daneben oder okay? mehr

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 15.05.2018 | 17:08 Uhr

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