Stand: 25.08.2017 12:29 Uhr

NABU schlägt Alarm: Meeres-Ökosystem überfordert

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Wissenschaftler an Bord sammelten unter anderm Erkenntnisse zu Mikroplastik im Meer.

Der Naturschutzbund NABU hat zum Abschluss seiner zehntägigen Segeltour durch Nord- und Ostsee einen raschen Kurswechsel in der Meerespolitik gefordert. Auf dem Törn, den auch Wissenschaftler der Uni Magdeburg-Stendal begleiteten, wurden Luftverschmutzung, Lärm und Vermüllung der Meere gemessen. Ihre Bilanz ist ernüchternd. Neben einzigartigen Naturmomenten konnte die Crew die weit fortgeschrittene Industrialisierung der beiden Meere dokumentieren.

Fast 450 Kilometer waren die NABU-Mitarbeiter und Wissenschaftler mit dem Traditionsschiff "Ryvar" von Warnemünde, über Fehmarn, Kiel und Cuxhaven nach Hamburg unterwegs.

Meerestiere leiden unter Plastik-Partikel und Lärm

Die Meerestiere in Nord- und Ostsee leiden nach Angaben des NABU besonders unter Plastik-Partikeln und Unterwasserschall. Zahlreiche Wasserproben wurden während der Segeltour entnommen und untersucht. Gefunden wurden unter anderem Textilfasern, die über die Klärwerke ins Meer kommen, sagte die Umweltingenieurin Gilian Gerke von der Hochschule Magdeburg-Stendal. Plastik sei bislang in Heringen, Miesmuscheln, Sardinen und Kegelrobben gefunden worden, erklärte NABU-Meeresschutzexperte Kim Detloff am Freitag in Hamburg. Es gelangte zum Teil über Kosmetikprodukte und Reinigungsmittel ins Meer. Größere Kunststoffteile würden mit der Zeit verwittern und in mikroskopische Partikel zerfallen.

Belastung der Schweinswale unterschätzt

Bislang unterschätzt habe der NABU die Belastung der Schweinswale durch Unterwasserlärm, erläuterte Detloff. Vor allem auf dicht befahrenen Schiffsrouten wie Fehmarn-Belt oder Elbmündung sei ein hohes Grundrauschen durch Schiffsmotoren festgestellt worden. Im Wattenmeer nahe der Nordsee-Insel Scharhörn vor der Elbmündung habe der Hintergrundlärm bei 137 Dezibel gelegen. In 500 bis 1.000 Meter Entfernung von einem Schiff sei der Wert unter Wasser auf 145 Dezibel gestiegen, erklärte der Ingenieur Hendrik Schoof vom Institut für technische und angewandte Physik Oldenburg (ITAP). Hinzu kämen zusätzliche Belastungen durch Baumaßnahmen der Offshore-Industrie.

Auch die Luft stark belastet

Ebenfalls in der Elbmündung wurde die Luftbelastung gemessen. Unter Segeln führte der NABU eigene Untersuchungen zu ultrafeinen Rußpartikeln durch. In ruhigen Meeresgebieten wurden um 1.000 Rußpartikel pro Quadratzentimeter gemessen, hinter Schiffen jedoch bis zu 200-fach höhere Werte

Hamburg hat als Hafenstandort eine große Verantwortung für den internationalen Meeresschutz, sagte Malte Siegert Leiter der Umweltpolitik beim NABU in Hamburg. Die Hafenpolitik und die maritime Wirtschaft müssten neu ausgerichtet und insbesondere das große Problem der Schiffsemissionen angegangen werden. "Immer noch fahren Schiffe mit dreckigem Schweröl und die Branche verpasst es, die Weichen für innovative Schiffsantriebe, saubere Kraftstoffe und effektive Abgasreinigung zu stellen", so Siegert weiter. Die Messungen der Luftbelastung in der Abgasfahne eines Container- oder Kreuzfahrtschiffes seien 100.000fach höher ist als das, was teilweise an der Straße gemessen werde. 40 Prozent der Stickoxide in Hamburg stammten von Schiffen, in Hafennähe sogar 80 Prozent. Ein Kreuzfahrtschiff stoße soviel giftige Abgase aus wie fünf Millionen Autos, rechnen die Umweltschützer vor und verlangen Lösungen von der Politik. Zum Beispiel mehr Landstromleitungen im Hamburger Hafen auch für Containerschiffe. Die Reeder müssten verpflichtet werden, in den Häfen saubereren Landstrom zu nutzen.

Umweltstaatsrat Michael Pollmann räumt laut NDR 90,3 ein, dass die Lösung nicht einfach ist. "Es geht alles noch viel zu langsam. Das liegt natürlich auch daran, dass die Seefahrt ein internationales Geschäft ist und dass die internationalen Regulierungstätigkeiten dadurch bestimmt werden, wer auf der Bremse steht."

NABU fordert Aufbau eigener Meeresschutzbehörde

Der NABU fordert, zukünftig die Hälfte der Meeresschutzgebiete nutzungsfrei zu lassen - also frei von Windparks und Fischerei-Netzen. Zudem sollte eine eigene Meeresschutzbehörde aufgebaut werden, die sich um den Schutz der Meere vor der deutschen Küste kümmert. Nach Roter Liste gelten bereits ein Drittel der Arten und Lebensräume in Nord- und Ostsee als bedroht. "Im Gerangel der föderalen und wirtschaftlichen Interessen laufen wir Gefahr, die Schätze an unseren Küsten zu verlieren. Wir brauchen eine institutionelle Stärkung des Meeresschutzes in Deutschland", sagte NABU-Geschäftsführer Leif Miller. Offshore-Industrie, Fischerei, Schifffahrt oder Plastikvermüllung - die Belastungen der Nord- und Ostsee seien allgegenwärtig und überforderten die marinen Ökosysteme. Der Artenverlust an unseren Küsten müsse gestoppt werden. Grundschleppnetze, Windparks und Pipelines würden nicht zu den Zielen von Schutzgebieten passen, so Miller. Zudem sei es an der Zeit endlich Maßnahmen gegen die Luftverschmutzung durch den Schiffsverkehr auf See und in Hafenstädten umzusetzen.

Weitere Informationen

NABU segelt für den Meeresschutz im Norden

Mit einer besonderen Aktion will der NABU auf Artensterben hinweisen. Mit dem Zweimaster "Ryvar" touren Naturschützer und Wissenschaftler in verschiedene Küstenstädte an Nord- und Ostsee. (17.8.2017) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 25.08.2017 | 13:00 Uhr

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