Stand: 25.05.2018 17:25 Uhr

Auch im Netz ein freier Mensch bleiben

Seit dem 25. Mai gilt die EU-Datenschutzgrundverordnung. Spätestens seit dem Facebook-Datenskandal ist der Datenschutz im Internet ein Topthema. Und trotzdem kleben wir weiter an der Datenfalle Facebook. Warum ist das so?

Der NDR Info Wochenkommentar "Die Meinung" von Hendrik Brandt, Chefredakteur der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung"

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Datenschutz und Datennutzen müssen kompetent geregelt werden, meint "HAZ"-Chefredakteur Hendrik Brandt.

Sind Sie noch bei Facebook? Waren Sie nie? Auch okay. Aber wenn sie beim größten elektronischen Netzwerk der Welt mitspielen, dann werden Sie die Frage kennen: Gehen oder bleiben? Sie hat in dieser Woche wieder an Brisanz gewonnen. Das lag an Brüssel. Zum einen stammen von dort die neuen europäischen Datenschutzregelungen, die seit Freitag in Kraft sind. Zum anderen war in der belgischen Hauptstadt am Dienstag jener Mann zu Gast, der genau solche Einschränkungen des Datenflusses nun überhaupt nicht leiden kann: Facebook-Chef Mark Zuckerberg. Beide Ereignisse gehören zusammen.

Facebook muss mehr Verantwortung übernehmen

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Hallo Niedersachsen

Neue Datenschutzverordnung gilt ab 25. Mai

23.05.2018 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen

Am 25. Mai tritt die sogenannte Europäische Datenschutzgrundverordnung in Kraft. Zehntausende Unternehmen in Niedersachsen sind betroffen, die Rechtsunsicherheit ist enorm. Video (02:04 min)

Die neuen Regelungen mit dem offiziellen Titel "EU-Datenschutzgrundverordnung" (DSGVO) gibt es unter anderem, weil es Facebook gibt. Und Zuckerberg war bei Europas Parlamentariern, weil sie zumindest versuchen, ihm ein paar Grenzen aufzuzeigen. Denn das ist nötig. Die Datensammler aus Kalifornien haben es zu weit getrieben. Mit Unschuldsmine behaupten sie bis heute, doch bestenfalls eine Plattform bereitzustellen, auf der sich die Menschen austauschen könnten - frei, kostenlos und ohne Aufwand. Das sei die "Mission" von Facebook. Darunter tun sie es nicht.

Dass sich Facebook im Hintergrund an die Daten der ach so freien Menschen heranmacht, persönliche Informationen zum Werbeverkauf aufbereitet und sie manchmal nicht mal mehr selbst im Griff hat, wie die Vorfälle aus dem US-Wahlkampf zeigen, wird gern verschwiegen. Dass auch Facebooks zugekaufte Tochterdienste wie Instagram und WhatsApp ihre Nutzerdaten für die Mutter freigeben müssen, wird ohnehin kaum noch beachtet. Die Verantwortung für Hass und Hetze auf seinen Seiten weist Facebook ebenfalls weit von sich. Es hat lange gebraucht, Zuckerbergs Team überhaupt ein Gefühl dafür zu vermitteln, dass es auch im Digitalen nicht reicht, eine Straße für die Datenströme zu bauen. Sondern dass es zugleich zur Verantwortung gehört, sie mit Markierungen, Schildern und Leitplanken sicher benutzbar zu machen.

Zuckerbergs Nervosität steigt mit Recht

Lange Zeit war das kein Thema der öffentlichen Debatte. Das hat auch mit Zuckerbergs bedeutender Kaltschnäuzigkeit zu tun, vor allem aber mit der ungeheuren Attraktivität seines Angebots. Gut 30 Millionen Deutsche haben einen Account mit dem blauen "f", weltweit sind es mehr als 2,2 Milliarden Menschen. In einer bestimmten Altersgruppe ist Facebook Teil unserer Infrastruktur. Es funktioniert, hat viele alltagspraktische Seiten und ermöglicht Kontakte, die sonst gar nicht entstanden oder zumindest nicht gepflegt worden wären.

Langsam aber dämmert auch die Erkenntnis: Facebook ist - wie übrigens Google, Apple, Amazon und viele andere auch - eben nicht vorrangig dazu da, unser Leben einfacher, konfliktärmer oder gar schöner zu machen. Es dient einzig dem Geschäft mit den Daten fremder Leute. Das ist nicht unbedingt problematisch - man müsste es nur zugeben. Tut man das allerdings zu oft und zu klar, kommen immer mehr Nutzer ins Grübeln - so praktisch die Anwendungen auch sein mögen. Hier steigt Zuckerbergs Nervosität - mit Recht.

Auch deshalb hat er sich in Brüssel wie vor ein paar Wochen auch schon im US-Kongress für Fehler im Datenschutz entschuldigt. Das ist offenkundig Taktik. Dauerhafte Beobachter des Facebook-Chefs haben seit 2003 mindestens acht solcher öffentlichen Entschuldigung Zuckerbergs für die Arbeit seiner Firma gezählt. Er gibt sich reumütig, lässt den Sturm vorüberziehen - und hofft ansonsten darauf, dass die Leute eben zu bequem sein werden, sich andere Wege des Miteinanders im Netz zu suchen. Manches spricht dafür, dass dies wieder einmal gut geht. Für ihn.

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Das hat zwei Gründe. Zum einen liegt es an den Nutzern selbst. Es mag sein, dass sie wissen, wie sehr sie am Fliegenfänger kleben - es macht ihnen am Ende aber wenig aus. Die konkreten Folgen der digitalen Durchleuchtung sind schließlich noch kaum spürbar. Mehr noch: Nicht wenige Menschen haben eine Art Facebook-Leben, sie können nicht mehr ohne. Wie auch manche Unternehmen, die sich so sehr auf Facebook eingestellt oder eingelassen haben, dass ihr Geschäftsmodell ohne die Plattform gefährdet wäre. Auf der anderen Seite ist die Politik noch lange nicht so weit, kompetent und entschlossen in der Netzwelt zu arbeiten und ihrerseits Leitplanken aufzustellen. Die EU-Abgeordneten in Brüssel waren bei ihrer Zuckerberg-Befragung noch harmloser als die zum Teil erschreckend uninformierten US-Parlamentarier. Anders gesagt: Mancher Entscheidungsträger hat schlicht keine Ahnung davon, was multinationale Datenkraken so machen und wie ihr Geschäft funktioniert. Das kann es nicht sein. Datenschutz und Datennutzen müssen kompetent und in Kenntnis der sich ständig wandelnden technischen Möglichkeiten abgewogen und geregelt werden.

Dass das gehen kann, wenn man nur groß genug denkt, zeigt übrigens die neue EU-Verordnung. Mag sie in ihrer Umständlichkeit auch Mittelständler und Vereine für ein paar Tage so richtig nerven - sie zeigt auch Facebook und Co. zum ersten Mal Grenzen auf. Kein Wunder, dass jetzt sowohl die USA als auch andere Rechtsstaaten interessiert bis neidisch nach Europa sehen.

Am Ende ist es also nicht Mark Zuckerberg, der die Zukunft der Kommunikation im Netz in der Hand hat. Es sind zuerst die Nutzer - und die Politiker sind es auch. Wenn Sie also bei Facebook sind, klicken Sie sich doch heute zum Spaß einmal durch die Datenschutz-Einstellungen. Ignorieren Sie alle vorwurfsvollen Fragen nach Motto "Willst Du das wirklich ...?". Und bleiben Sie ein freier Mensch. Sogar im Netz.

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Die Datenschutz-Grundverordnung

Ein Überblick über die EU-Datenschutz-Grundverordnung - von der Bundesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit. (PDF) extern

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NDR Info | Kommentar | 27.05.2018 | 09:25 Uhr

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