Stand: 27.05.2016 13:59 Uhr  | Archiv

Gemeinsam gegen Rechtspopulismus

von Brigitte Lehnhoff

Ein starkes Signal der Offenheit und Toleranz soll ausgehen vom 100. Katholikentag in Leipzig. Ohne islamfeindliche Töne und ohne die AfD. Die wurde erst gar nicht eingeladen. Ob diese Entscheidung richtig war - da gehen die Meinungen auch auf dem Katholikentag weit auseinander. Doch wie soll man umgehen mit den rechten Populisten?

"Ich halte die Entscheidung, wie sie jetzt gefallen ist, für richtig, nämlich die Funktionäre der AfD hier nicht zu Wort kommen zu lassen", sagt Gabriele Erpenbeck vom Zentralkomitee der Katholiken. "Es ist fast unmöglich, mit den Spitzenkräften der AfD zu sprechen und zu diskutieren."

Gabriele Erpenbeck engagiert sich im Gesprächskreis Christen und Muslime. Die ehemalige Ausländerbeauftragte des Landes Niedersachsen sagt aber auch: "Leute, die Probleme haben, die skeptisch sind, die sich fragen, wie soll‘s überhaupt in diesem Land weitergehen mit den Flüchtlingen, mit den Muslimen, mit den wirtschaftlichen Problemen, mit den Arbeitsmarktproblemen, die sollen natürlich kommen. Und ich bin sicher, dass wir auch diese Fragen in den Podien, in den Werkstätten gestellt bekommen und dass wir darauf antworten müssen, wie wir uns diese Gesellschaft vorstellen."

Diskussion um populistische Meinungen zulassen

Ähnlich wie Gabriele Erpenbeck argumentieren viele. Nein zur islamfeindlichen AfD-Politprominenz, die mit Sachargumenten nicht erreichbar sei. Aber ein unbedingtes Ja zur Diskussion mit Menschen, die anfällig sind für kompromisslose, antidemokratische Haltungen. Dass diese weit verbreitet sind, hat kürzlich das Institut für Demoskopie Allensbach mit Daten aus zwei Jahrzehnten untermauert. 

Die Sendung zum Nachhören
Auf dem Katholikentag 2016 hält ein Mädchen ein grünes Banner über den Kopf. © Katholikentag
4 Min

Christen und Muslime auf dem Katholikentag

Ein starkes Signal der Offenheit und Toleranz soll ausgehen vom 100. Katholikentag in Leipzig. Doch wie geht man um mit den rechten Populisten? 4 Min

"Populistisches Gedankengut ist in allen gesellschaftlichen oder auch religiösen Gruppen verbreitet. Das ist so", stellt Erpenbeck fest. Und deswegen sollte zunächst jeder vor seiner Haustür kehren, meint Peter Zimmerling, evangelischer Theologe an der Universität Leipzig: "Für das Christentum in unserem Land wäre es wichtig, deutlich zu machen, dass es eine Unheilsgeschichte gibt, die, parallel zu den Errungenschaften, die das Christentum gebracht hat, nicht verleugnet werden darf. Und wenn man das so offen kommuniziert, dass es auch Lernerfolge gibt und Erneuerungspotential in der christlichen Religion steckt, dass man vielleicht auch Leute in ganz normalen Kirchengemeinden dazu einladen kann, mit ihren populistischen Meinungen ans Tageslicht zu treten. Weil man dann, wenn es gut geht, auch korrigieren kann."

"Mehr Reflexion bei der eigenen Basis"

Dieses innerreligiöse Gespräch ist auch für die muslimischen Gemeinden wichtig, meint die in Paderborn lehrende islamische Theologin Hamideh Mohagheghi aus Hannover. Hinzu kommt aus ihrer Sicht, "dass man in den Moscheegemeinden die Bildung der Menschen voranbringen muss. Sowohl religiöse Bildung, als auch sozial-gesellschaftliche Bildung, politische Bildung. Wie läuft unsere Gesellschaft hier? Welche Werte haben wir in dieser Gesellschaft?"

Auch für Mouhanad Khorchide, Leiter des Zentrums für Islamische Theologie in Münster, spielt Bildung eine entscheidende Rolle bei der Auseinandersetzung mit Rechtspopulismus. Khorchide geht es aber vor allem um religiöse Bildung, bei Muslimen wie bei Christen: "Wir sprechen zum Beispiel von einer islamischen Identität, die man schützen will oder auch von einer christlich-abendländischen Identität. Aber was ist das eigentlich, was macht das aus? Ich glaube, diese Identitätsverunsicherungen, die wir heute erleben, stärken den Populismus. Wir brauchen mehr Selbstvergewisserung in den eigenen Reihen. Muslime brauchen mehr Auseinandersetzung mit dem Islam, aber genauso auf der anderen Seite. Christen müssten auch versuchen, stärker die Basis zu erreichen. Das heißt, wir brauchen mehr Reflexion im eigenen Glauben bei der eigenen Basis."

Christen und Muslime können also nur dann gemeinsam gegen Rechtspopulismus stark sein, wenn sie sich ihrer eigenen Wurzeln sicher sind. In Vorträgen, Podien und Werkstätten bietet der Katholikentag die Chance, mehr über sich und den anderen zu erfahren.

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Die Kuppel des Felsendoms in Jerusalem © NDR

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 27.05.2016 | 15:20 Uhr

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