Der britische Jazz-Musiker Chris Barber ist im Alter von 90 Jahren verstorben. © picture alliance / dpa Foto: Horst Ossinger

Jazz-Musiker Chris Barber im Alter von 90 Jahren gestorben

Stand: 03.03.2021 16:24 Uhr

Chris Barber spielte häufiger in Deutschland als in seiner Heimat Großbritannien, bevor sich der Big-Band-Leader nach sieben Jahrzehnten im Musikgeschäft in den Ruhestand zurückzog. Am Dienstag ist der Musiker, der mit "Ice Cream" einen bis heute populären Welthit hatte, im Alter von 90 Jahren gestorben.

Das teilte sein Label Last Music. Co. am Mittwoch unter Berufung auf die Witwe mit. Barber, der Zeit seines Lebens dem frühen New-Orleans-Jazz treu geblieben war und der selbst im hohen Alter noch 100 Konzerte im Jahr gab, hatte an einer Demenzerkrankung gelitten.

Von der Geige zur Posaune

Geboren wurde Barber am 17. April 1930 in London. Sein Vater war Wirtschaftswissenschaftler, seine Mutter sozialistische Bürgermeisterin. Auf einer Privatschule lernte der junge Chris Geige zu spielen. Nur dem Zufall ist es zu verdanken, dass er schließlich Bläser wurde: Ein Posaunist bot ihm ein Instrument an, und Barber hatte gerade genügend Geld in der Tasche. Der Deutschen Presse-Agentur sagte Barber in einem Interview 2015: "Nachdem ich herausgefunden habe, dass ich spielen konnte, wollte ich nie wieder etwas anderes machen."

Mit 19 hatte Chris Barber die erste Jazzband

Mit 19 gründete er seine erste Jazzband. Er studierte Posaune und Kontrabass an der berühmten "Guildhall School of Music and Drama" in London. "Improvisation ist Teil der Musik, aber man muss trotzdem die richtigen Noten spielen", erklärte der klassisch ausgebildete Musiker der Zeitschrift "Countrylife". "In einigen Londoner Nachtclubs wurde so etwas wie Jazz gespielt", erinnerte sich Barber an die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. "Amerikanische Jazzmusiker arbeiteten im Orchester an Orten wie dem Savoy."

Erfolge mit Blues in Großbritannien und den USA

Mit seiner Blues-Musik fand Barber zunächst keine größere Anerkennung. Das änderte sich in den 1950er-Jahren, als Barbers Band in Großbritannien so bekannt war wie die Beatles in den Sechzigern. Seine Version von Sidney Bechets "Petite Fleur" etwa wurde ein Hit, der sich allein im Vereinigten Königreich über eine Million Mal verkaufte. Das Skiffle-Stück "Rock Island Line" aus dem Debütalbum "New Orleans Joys" im Jahr 1954 verhalf dem Sänger Lonnie Donegan zu einer Solo-Karriere und machte Barbers Band auch in den USA bekannt. Von dort brachte Barber viele afroamerikanische Blues-Legenden nach Großbritannien. Neben Muddy Waters traten auch Louis Jordan, Sonny Boy Williamson und die Gospelsängerin Sister Rosetta Tharpe mit Barbers Band auf.

Der Musiker organisierte nicht nur ihre Tourneen, sondern finanzierte sie oft auch. E-Gitarren waren damals in Jazzclubs als "Rock 'n' Roll" verpönt, doch Barber verhalf über Muddy Waters der E-Gitarre zum Einzug in die britische Rhythm-and-Blues-Szene. Das brachte den traditionellen Jazz bald ins Hintertreffen.

Förderer von zahlreichen Musikern

Der Posaunist und seine Band verloren an Popularität, wurden dafür aber im europäischen Ausland umso bekannter. In Deutschland spielten sie die meisten Konzerte, Barber lernte sogar Deutsch. Der Posaunist ebnete während seiner langen Karriere vielen Musikern als Förderer den Weg. 1958 eröffnete er zusammen mit einem Geschäftspartner den legendären Londoner Marquee Club, in dem viele zukünftige Rockstars auftraten, darunter die Yardbirds und Rolling Stones. An einer Jubiläumsplatte von 2011, die passenderweise "Memories Of My Trip" (Erinnerungen an meine Reise) heißt, beteiligten sich Größen wie Eric Clapton, Van Morrison und Mark Knopfler.

2019 zog sich der Jazz-Veteran nach einem Sturz ins Privatleben zurück.

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Omar Sosa blickt lachend in die Kamera. © Omar Sosa

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