Stand: 24.06.2019 09:03 Uhr

Denkmalschutz: Wie wichtig ist der Zeitgeist?

von Alexandra Friedrich

Die Entscheidung, was erhalten werden soll und was nicht, erfordert ein genaues Abwägen von wirtschaftlichen Belangen und historischer Relevanz. Das Denkmalrecht soll eine solide und objektive Basis für diese Urteile bilden, die sich aber dennoch nicht den Veränderungen unserer Gesellschaft verschließen.

"Viele Leute sagen, was schön und alt ist, muss unter Denkmalschutz stehen, aber der Schönheitsbegriff hat eigentlich gar nichts mit dem Denkmalbegriff zu tun", erklärt Kristina Sassenscheidt vom Denkmalverein in Hamburg. "Der Schönheitsbegriff ist stark vom Zeitgeist geprägt, der sich wandelt. Der Denkmalschutz hat den Anspruch, objektiv zu sein und mit diesen objektiven Kriterien auch nachvollziehbar und wissenschaftlich belegbar zu erklären, was zu schützen ist."

Wie weit geht der Denkmalschutz?

Die Kriterien für Denkmalschutz seien nicht in Stein gemeißelt, der Denkmalbegriff habe sich im Laufe der Jahre gewandelt und erweitert. Während anfangs vor allem repräsentative Bauten und sakrale Architektur als erhaltenswert galten, gibt es heute denkmalgeschützte Zäune, Toilettenhäuschen und Hochhäuser.

Kristina Sassenscheidt © Kristina Sassenscheidt Foto: Olaf Ballnus
Kristina Sassenscheidt engagiert sich mit dem Denkmalverein Hamburg dafür, die Baugeschichte der Stadt zu bewahren.

"Ich glaube, dass diese Erweiterung des Denkmalbegriffs sehr vermittlungsbedürftig ist", gibt Sassenscheidt zu, die sich mit ihrem Verein für ein denkmalfreundliches Klima in Hamburg einsetzt. Viele Leute fänden es zum Beispiel nicht nachvollziehbar, dass ein Bürobau aus den 60er-Jahren überhaupt eine eigene geschichtliche Aussage haben könne. "Da gibt es ein schönes Sprichwort: 'Die Enkel schützen die Bauten ihrer Großeltern vor ihren Eltern.'"

Die meisten Initiativen, die sich für diese Gebäude einsetzen würden, kämen "durchweg von jüngeren Generationen, die keine Berührungsängste gegenüber 50er- und 60er-Jahre haben", schildert Sassenscheidt. Die Bauten seien für diese Generationen immer schon da gewesen und seien deshalb Teil ihrer Geschichte.

"#SOSBrutalism": Projekt zur Rettung von Betonbauten

So erfährt auch der Brutalismus (abgeleitet von "béton brut", dem französischen Wort für Sichtbeton) seit einigen Jahren zunehmende Unterstützung. Die nackten Fassaden brutalistischer Bauten, die Struktur und Material der Architektur komplett offenlegen sollten, hatten lange Zeit einen schlechten Ruf und wurden als unwirtliche, inhumane Bausünden betrachtet.

Mit dieser Sichtweise spielt "#SOSBrutalismus" - das Projekt des Deutschen Architekturmuseums und der Wüstenrot Stiftung wirbt mit dem Slogan: "Rettet die Betonmonster". "Es ist eine unheimliche Formenvielfalt, Skulpturalität und Experimentierfreude in diesen Jahren entstanden", sagt Felix Torkar. Der Architekturhistoriker ist Teil des Projekts und gerät beim Stichwort Brutalismus regelrecht ins Schwärmen. "Beim Brutalismus gibt es eine kompromisslose Haltung, so eine radikale Ehrlichkeit mit allen Ecken und Kanten. Das ist eine ganz besondere und vielleicht eine der spektakulärsten Bauformen des 20. Jahrhunderts, die absolut schützenswert ist."

#SOSBrutalismus inventarisiert und kartografiert brutalistische Bauten online, gedruckt und in Form von Ausstellungen und will auf diese Weise ein Bewusstsein für die Denkmalwürdigkeit der Architektur schaffen.

City-Hof wird bis 2020 abgerissen

Der City-Hof in Hamburg. © NDR Foto: Marc-Oliver Rehrmann
Die Abbrucharbeiten am City-Hof haben bereits begonnen. Auf dem Gelände sollen unter anderem Wohnungen, Büros und eine Kita entstehen.

Engagement für den Erhalt des Brutalismus geht aber noch einfacher und kann sogar hip sein. "Man sieht auf einmal überall in der Stadt Leute mit Jutebeuteln mit dem City-Hof drauf. Das ist eine sehr markante Architektur und das bringt so auf den Punkt, was die Qualität dieser Zeit ist. Die sehen toll aus und die haben einen Wiedererkennungswert."

Die Rettungskampagne für den City-Hof scheiterte dennoch: Der Hochhauskomplex des Architekten Rudolf Klophaus am Klosterwall in Hamburg soll bis 2020 abgerissen werden. Und auch viele andere brutalistische Bauten in Hamburg hat es erwischt - eine bedenkliche Entwicklung für Kristina Sassenscheidt. Sie fordert einen Paradigmenwechsel.

Denn in den vergangenen Jahren seien reihenweise wichtige Zeugnisse aus der Nachkriegszeit vernichtet worden: "Die Katharinen-Schule, das Glaxo Smith Kline Hochhaus, vor Kurzem das Allianz-Hochhaus und demnächst fällt das Commerzbank-Hochhaus." Mit der ganzen Epoche würde geschichtsvergessen umgegangen. "Hamburg muss sehr aufpassen, dass es nicht ein ganzes Kapitel aus seinem Geschichtsbuch verliert."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 25.06.2019 | 06:40 Uhr

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