Stand: 06.11.2006 22:30 Uhr

Fremd im eigenen Land

Ich suche Ruhe und finde Streit

wie süchtig nach lebendig Leben

Zu kurz ist meine lange Zeit

Will alles haben, alles geben

Weil ich ein Freundefresser bin

Hab' ich nach Heimat Hunger - immer!

Das ist der Tod, da will ich hin

Ankommen aber nie und nimmer

Wolf Biermann aus "Heimat. Neue Gedichte"

"Natürlich sind es immer hauptsächlich die Menschen, die die Heimat bedeuten. Die Menschen in der Familie, die nächsten Menschen, aber natürlich auch die Gesellschaft, in der man lebt."

In der Vaterstadt

Spurensuche im Hamburger Hafen. Biermann wuchs hier ganz in der Nähe auf, in Hammerbrook. Sein Vater war ein glühender Kommunist und Jude, arbeitete auf der Werft Blohm und Voss, bevor ihn die Nazis einsperrten und Jahre später in Auschwitz ermordeten.

Wolf Biermann betrachtet ein altes Schwarzweiß-Foto, das den Vater auf der Werft zeigt. "Ich weiß nicht, wer das gemacht hat, vielleicht meine Mutter, die meinen Vater besucht hat am Mittag, in 'ner Pause - und hat dies' Bild gemacht mit seinen Arbeitskollegen."

Es sind Erinnerungen an jene Zeit, bevor Wolf Biermann mit 17 Jahren der Hafenstadt den Rücken kehrte und in die DDR ging. Die Kindheit in Hamburg beschäftigt ihn auch heute noch - immer wieder - auch in seinen neuen Texten. Spurensuche im Stadtteilarchiv: Biermann entdeckt ein Foto von der Straße, in der er seine Kindheit verbrachte: "Das ist ja toll. Jetzt seh' ich das zum ersten Mal wieder." - zum ersten Mal seit 63 Jahren.

Im Bombenhagel der Befreier

Nur knapp entkam Biermann damals mit seiner Mutter den Bomben der Alliierten. Sie trug ihn auf dem Rücken aus dem Feuer. "Das ist auch Heimat im aller schmerzhaftesten Sinn", erinnert er sich. "Da war ich sechseinhalb Jahre alt. Alles vorher hab' ich vergessen, alles nachher hab' ich vergessen, aber diese Bombennacht im Juli '43 hab' ich behalten."

Suche nach den Wurzeln

Das Lied über den Hunger nach Heimat ist das Eröffnungsgedicht in Biermanns neuem Buch. Hunger nach Heimat ist auch die Suche nach seinen jüdischen Wurzeln. Auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg hat Biermanns Frau Pamela das Grab seiner jüdischen Großtante ausfindig gemacht. Sie war schon vor der NS-Diktatur gestorben.

Wolf Biermann: "Hertha Ganser, die Schwester meiner Oma. Das hatte etwas Befreiendes für mich, dass die Nazizeit, der Holocaust nicht so ein schwarzes Loch ist, wo vorher nichts ist. Dass die Geschichte vorher nach hinten weitergeht, wie eine Brücke über diese schwarze Zeit. Hamburg ist der Punkt, auf dem ich sicher stehe, damit ich die Welt aushalten kann."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur - Das Journal | 06.11.2006 | 22:30 Uhr

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Der Arm einer Frau bedient einen Laptop, der auf einem Tisch in einem Garten steht, während die andere Hand einen Becher hält. © picture alliance / Westend61 | Svetlana Karner

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