Oliver Masucci als Josef Bartok in einer Szene des Films "Schachnovelle". © picture alliance/dpa/Studiocanal/Walker + Worm Film | Julia Terjung

"Schachnovelle": Mit Schach in den Wahnsinn

Stand: 23.09.2021 04:00 Uhr

Beim deutschen Filmpreis, der am 1. Oktober verliehen wird, ist "Schachnovelle" fünf Mal nominiert, unter anderem als bester Film. Heute kommt die Literaturverfilmung ins Kino.

von Katja Nicodemus

"Nordwand", "Goethe!", "Der Medicus", "Ich war noch niemals in New York" - das sind Filme des deutschen Kino- und Fernsehregisseurs Regisseurs Philipp Stölzl. Nun hat er sich eines der berühmtesten Bücher von Stefan Zweig vorgenommen: "Schachnovelle", entstanden zwischen 1938 und 1941 im brasilianischen Exil des Schriftstellers - der dort Selbstmord beging.

Der sogenannte "Anschluss" Österreichs steht kurz bevor. Wien mag weiter tanzen, aber die Nazis werden einmarschieren in jenen Märztagen des Jahres 1938, in denen der Film beginnt. Josef Bartok, gespielt von Oliver Masucci, Notar, Lebemann, liebender Ehemann will eigentlich nur feiern, aber da kommt ihm ein treuer Gefährte mit einer Warnung in die Quere.

"Schachnovelle": Die Zeitebenen zerfließen

Die Nazis haben Josef Bartok auf ihre Liste gesetzt, weil er die Zugangscodes der Bankkonten kennt, auf denen Österreichs Adel seine Millionenvermögen lagert. Man bringt ihn ins Luxushotel Metropol. Der Umgang ist - noch - respektvoll. Doch einzelne Bemerkungen des Wachpersonals lassen erahnen, was auf Bartok zukommt. Bartok wird in Einzelhaft gehalten. Verhören wird ihn der Gestapo-Mann Franz-Josef Böhm, gespielt von Albrecht Schuch. Schon früh deutet sich an, dass das Verhältnis der beiden Männer im Zeichen eines Spiels stehen wird. Nur dass es hier zumindest für einen von beiden um mehr geht als den Gewinn einer Partie.

In seiner Adaption von Stefan Zweigs "Schachnovelle" vermischt der Regisseur Philipp Stölzl die Zeitebenen. Ein Handlungsstrang zeigt Bartok bei einer Überfahrt über den Atlantik. Die Haft liegt hinter ihm, doch ist er verwirrt, schwer traumatisiert. Stellt er sich seine Begleiterin und Ehefrau nur vor? Ist vielleicht die gesamte Überfahrt ins Exil, in die Freiheit, eine Halluzination? Angesichts der unfreiwilligen Kulissenhaftigkeit der Schiffsszenen, stellt man sich solche Fragen eher lustlos. Vom Ozeandampfer springt der Film zurück ins nicht weniger kulissenhafte Wiener Hotel Metropol, wo Bartok wieder einmal zum Verhör geführt wird.

Ein Film ohne Vision und filmische Haltung

Ein Schachbuch, das er in sein Zimmer geschmuggelt hat, wird Bartok helfen, die Einzelhaft zu überstehen. Auch auf der anderen Handlungsebene, der wahnhaften Welt auf dem Ozeandampfer, beginnt der Exilant Bartok, plötzlich Schach zu spielen. Beim Simultanturnier mit einem Meisterspieler mischt er sich ein, flüstert dessen Gegnern Züge und Kombinationen vor.

Die Traumatisierung, das Schachspiel als Überlebensmetapher - all das bleibt in dem Film "Schachnovelle" Konstruktion. Nicht eine Sekunde lang vermag der Film Bartoks Verzweiflung und Desorientierung in der Einzelhaft glaubhaft zu erzählen. Das liegt nicht an dem Bartok-Darsteller Oliver Masucci. Es liegt daran, dass der Film zwar eine Konstruktion hat, aber keine Vision und filmische Haltung, die auch den Darstellern Halt geben könnte. In steril wirkenden, eintönig ausgeleuchteten Kulissen wirken sie selbst wie Schachfiguren einer Verfilmungsidee.

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Schachnovelle

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2020
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Oliver Masucci, Albrecht Schuch, Birgit Minichmayr und anderen
Regie:
Philipp Stölzl
Länge:
112 Minuten
FSK:
ab 12 Jahre
Kinostart:
23. September

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 23.09.2021 | 07:20 Uhr

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