Stand: 17.08.2020 06:00 Uhr

Mišel Matičević im Thriller über Paranoia und Identität

von Krischan Koch

Mišel Matičević ist einer der am meisten beschäftigen deutschen Schauspieler. Der Berliner mit kroatischen Wurzeln hat in rund hundert Filmen mitgewirkt. Er hat Gangster, Dichter und Liebhaber gespielt, in etlichen Tatorten, in einer Effi-Briest-Verfilmung von 2009 und in Dominik Grafs gefeierter Fernsehserie "Im Angesicht des Verbrechens". Jetzt ist Matičević zusammen mit Sandra Hüller in dem Kinofilm "Exil" zu sehen.

Szene mit Sandra Hüller und Mišel Matičević als Filmehepaar in der Küche im Kinofilm "Exil" © Alamode Film
Xhafer (Mišel Matičević) fühlt sich zunehmend von den Kollegen gemobbt. Seine Frau (Sandra Hüller) nimmt es zunächst nicht so ernst.

Der im Kosovo geborene Xhafer wirkt wie ein Musterbeispiel für eine gelungene Integration. Er arbeitet als Pharmaingenieur in einem modernen Unternehmen. Mit seiner Frau und den drei Kindern lebt er in einem Reihenhaus in der Vorstadt. Doch Xhafer (gespielt von Mišel Matičević) fühlt sich einer schleichenden Diskriminierung ausgesetzt. Seine Arbeitskollegen scheinen ihn immer wieder zu schikanieren.

"Exil" - Porträt eines Mannes mit Kontrollverlust

Die Kollegen boykottieren die Zusammenarbeit. Er fliegt aus dem firmeninternen Email-Verteiler, so dass er wichtige Meetings verpasst. Die Anzeichen für (ein) Mobbing werden immer deutlicher. Eines Tages hängt eine tote Ratte am Gartenzaun. Xhafer wird immer misstrauischer. Seine Frau (Sandra Hüller) dagegen will nicht gleich von Ausländerfeindlichkeit ausgehen. 

VORSCHAU: Trailer: "Exil" - Psychothriller mit Mišel Matičević (2 Min)

Regisseur Visar Morina wie sein Held aus dem Kosovo

Ein Mann steht verloren da in einer Reihenhaussiedlung - Szene aus dem Kinofilm "Exil" © Alamode Film
Das Reihenhaus fühlt sich für Xhaver fast an, wie ein Gefängnis.

Regisseur Visar Morina, der wie sein Held aus dem Kosovo stammt, zeichnet das Porträt eines Mannes, dem der Boden unter den Füßen weggezogen wird und der vor Anspannung innerlich kocht. Dabei lässt der Film lange offen, ob es sich wirklich um fremdenfeindliche Diskriminierungen handelt oder um eine Paranoia. Doch bald fällt die nächste tote Ratte aus seinem Briefkasten und vor der Haustür brennt lichterloh der leere Kinderwagen. Von den beiden jungen Polizisten fühlt sich Xhafer nicht ernst genommen.

Sonderlich sympathisch ist dieser Xhafer, der eine heimliche Affäre mit der Büroputzfrau hat, nicht. Aber der Zuschauer kann sich in ihn hineinversetzen. In langen ungeschnittenen Einstellungen folgt der Film ihm über endlose karge Flure, vorbei an den Zimmertüren, hinter denen die Kollegen tuscheln. Die kühlen kunstvollen Bilder aus der Firma und vom tristen Familienleben lassen seinen Alltag entfremdet erscheinen. Das Büro oder das Reihenhaus wirken fast wie ein Gefängnis. Auch, wenn die Geschäftspartner bei seinem Namen dreimal, nachfragen, fühlt sich Xhafer fremd.   

Mišel Matičević spielt wunderbar doppelbödig

Mišel Matičević spielt das wunderbar zurückhaltend, dünnhäutig und doppelbödig. Regisseur Visar Morina wollte kein eindimensionales politisch korrektes Statement. Er spürt den gegensätzlichen Vorurteilen, latentem Rassismus und der Paranoia nach. Ein verstörender und fesselnder Psychothriller mitten aus Deutschland.

Exil

Genre:
Thriller
Produktionsjahr:
2020
Produktionsland:
Deutschland, Belgien, Kosovo
Zusatzinfo:
Produktion: Maren Ade mit: Mišel Maticevic, Sandra Hüller, Rainer Bock, Victoria Trauttmansdorff
Regie:
Visar Morina
Länge:
121 Minuten
FSK:
ab 12 Jahren
Kinostart:
ab 20. August

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 17.08.2020 | 06:55 Uhr

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