Stand: 05.09.2022 06:00 Uhr

"Das Leben ein Tanz": Mitreißend und schön

von Walli Müller

Cédric Klapisch zeigt in "Das Leben ein Tanz", dass es beim Tanzen in Wirklichkeit um Freude geht. Gelungen ist ihm ein leidenschaftlicher und auch lustiger Film mit echten Tänzern: Marion Barbeau und die Hofesh Shechter-Kompanie.

Für viele Mädchen ist es immer noch ein Traumberuf: Ballerina. In Tütü und Spitzenschuhen über die Bühne schweben, das sieht so leicht aus und bedeutet doch so viel harte Arbeit von Kindesbeinen an. Um so enttäuschender ist es dann, wenn es doch nicht zur Primaballerina reicht oder der Körper nicht mitspielt. Diese traurige Geschichte ist immer wieder Stoff für Kinodramen, wie nun auch der französische Regisseur Cédric Klapisch eines erzählt. "Das Leben ein Tanz" heißt sein Film, der jetzt in die Kinos kommt.

In der Hauptrolle: Ballerina Marion Barbeau als Elise

Die ersten 15 Minuten in diesem Film sind reines Ballettgeschehen - ohne Text, aber mit viel Subtext. Man erlebt hautnah, wie die Tänzerinnen noch hinter geschlossenem Vorhang Beine dehnen, Armposen üben, sich Glück für die Vorstellung wünschen und wie die Hauptfigur Elise, nachdem sie noch kurz in der Maske saß, voll konzentriert den Weg zur Bühne antritt.

Und da sieht sie es: In einem versteckten Winkel küsst ihr Freund eine andere. Wie soll man mit wackeligen Knien nun die Spannung halten? Wie in Trance spult Elise ihre Schrittfolgen ab, tanzt mit dieser Last auf der Seele, bis sie zuletzt doch fällt und sich das Sprunggelenk ruiniert.

"Das ist eine schwerwiegende Verletzung. Nach einer Operation dürfen Sie lange Zeit gar nicht mehr sportlich aktiv sein. - Das heißt? - Mindestens ein Jahr. Oder wahrscheinlich eher zwei. - Zwei Jahre?" Szene mit Elise und einer Ärztin aus "Das Leben ein Tanz"

Zwei Jahre Pause bedeuten für eine Ballerina das sichere Karriere-Aus. Elise versinkt in Verzweiflung und Depression. Was soll sie mit ihrer Zukunft anstellen? Ihr Herz schlägt doch für den Tanz. Im Laufe des Films wird sich eine neue Welt für sie auftun. Eine Welt, in der der Körper verletzlicher sein darf als beim klassischen Ballett. Gemeint ist die Welt des zeitgenössischen Tanzes.

Verbindung von klassischem Ballett und zeitgenössischem Tanz

Regisseur Klapisch sind beide Welten vertraut, weil er verschiedene Tanz-Dokumentationen gedreht hat. Und so entstand der Wunsch, in einem Spielfilm davon zu erzählen.

"Ich wollte mein Backstage-Wissen über das Leben von Tänzern nutzen", sagt Klapisch. "Und ich wollte nicht vom Gegensatz, sondern von der Verbindung zwischen klassischem Ballett und zeitgenössischem Tanz erzählen. Also habe ich versucht, mir eine Story auszudenken, in die die verschiedenen Aspekte des Tanzens einfließen."

Echte Tänzer: Marion Barbeau & Hofesh Shechter-Kompanie

Das Wichtigste für Klapisch war, eine echte Tänzerin für die Hauptrolle zu finden, die auch als Schauspielerin überzeugend sein würde. Mit Marion Barbeau, einer Primaballerina an der Opera de Paris, fand er sie. Und mit der Hofesh Shechter-Kompanie hat er eine ganz reale zeitgenössische Tanztruppe an Bord. Der Israeli Shechter spielt sich selbst und nimmt die fiktive Figur Elise unter seine Fittiche. Die Choreografien und die Musik, die er zum Film beisteuerte, sind begeisternd.

Seit Wim Wenders Dokumentation über Pina Bausch hat keiner die ungeheure Energie dieser Tanzform und die Philosophie, die dahinter steckt, so gut eingefangen wie nun Klapisch. Seine Hauptfigur Elise blüht auf in Shechters Kompanie und das hat auch eine heilende Wirkung für ihren Fuß.

Klapisch zeigt, dass Tanzen auch lustig sein kann

Man hört die Tänzer und Tänzerinnen hier atmen und keuchen, trippeln und stampfen. Diese Körperlichkeit macht sie menschlich. Und der Kameramann liefert verspielte, auch humorvolle Bilder dazu. Von oben gefilmt, sehen Ballerinen in ihren Tüllröcken aus wie Schirmchen auf einem Eisbecher.

Das ist nicht die düstere Welt von "Black Swan" mit Natalie Portman, die nur aus erbitterter Rivalität bestand und Cédric Klapisch deshalb nie gefallen hat. "Sehr oft ist mit der Tanzwelt die Vorstellung von Leiden oder ernsten Dramen verbunden", so Klapisch. "In meinem Film wollte ich zum Ausdruck bringen, dass es beim Tanzen in Wirklichkeit um Freude geht, dass man da auch Spaß machen und lustig sein kann."

Mit "Das Leben ein Tanz" hat Cédric Klapisch einen leidenschaftlichen und auch lustigen Film übers Tanzen gedreht. So mitreißend und schön, dass man ihn gut mehrfach sehen kann.

 

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"Das Leben ein Tanz"

Genre:
Drama | Komödie
Produktionsjahr:
2022
Produktionsland:
Frankreich
Zusatzinfo:
Mit Marion Barbeau, Hofesh Shechter, Denis Podalydès, Muriel Robin, Pio Marmaï, François Civil, Souheila Yacoub u.v.a.
Regie:
Cédric Klapisch
Länge:
118 Minuten
FSK:
ab 12 Jahre
Kinostart:
ab 8. September 2022

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 05.09.2022 | 07:55 Uhr

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