Stand: 09.10.2019 15:17 Uhr

Viktorianische Fantasy über Feen und Fremdenhass

von Hartwig Tegeler

Wer wird Nachfolger von "Game of Thrones", der HBO-Erfolgsserie, die in diesem Jahr nach acht Staffeln zum Ende gekommen ist? Offensichtlich machen sich die Amazon Studios Hoffnung, die mit der Fantasy-Serie "Carnival Row" ins Rennen gegangen sind. Hier spielen Cara Delevingne und Orlando Bloom die Hauptrollen. Dass Fantasy auch viel über die Gegenwart erzählen kann, zeigt die Serie seit dem 30. August auf Amazon Prime im Original und ab dem 22. November auch auf Deutsch. Es geht um Feen und die sie hassenden Menschen.

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Die Fee Vignette (Cara Delevingne) trifft am Bahnhof auf den Polizisten Philo (Orlando Bloom). Sie kennen sich von früher.

Am Anfang zeigt die Serie "Carnival Row" die Fantasy-Horror-Variante eines Weltkrieg-Bildes: Tote Feen hängen in Stacheldraht-Netzen, die ihre menschlichen Gegner gezogen haben, um diese geflügelten Wesen am Wegfliegen zu hindern. Die alte Heimat, auch die der Fee Vignette (Cara Delevingne), ist verloren. Unterschlupf finden die Feen in der Carnival Row, einem Distrikt der Menschen-Stadtrepublik namens The Burgue.

Aber all die Flüchtlinge - nicht nur die Feen, auch Zentauren, Trolle und Faune - in dieser Fantasy-Ausgabe eines viktorianischen Zeitalters sind Außenseiter, arbeiten als Diener in den Menschenhäusern oder als Huren in Bordellen. Es ist eine grau-blau, dunkel und düster gezeichnete Welt aus Rassismus und Vertreibung, die in der Serie selten von einem Lichtstrahl oder einem Lächeln erhellt wird.

Bestialische Feen-Morde in The Burgue

Der menschliche Polizei-Offizier Rycroft Philostrate, gespielt von Orlando Bloom, versucht, bestialischen Feen-Morde aufzuklären. Aber die Mordserie ist das eine, das Konventionelle mit einer Portion Krimi-Klischee - die gesellschaftliche Atmosphäre das andere, viel tiefer Rührende.

Der Führer der Opposition im Parlament von The Burgue hält eine Hassrede auf die Migranten: "Diese Flüchtlinge überschwemmen unsere Stadt", ruft er. "Sie verändern die Struktur unserer Gesellschaft, aber nicht zum Besseren. Sie bringen Laster, Liederlichkeit, Drogen-Sucht. Sie beten zu fremdartigen Göttern. Ganze Stadtteile sind anständigen Bürgern nicht mehr zugänglich." Es ist eine Metapher über Migration, Fremdenhass und Rassismus, die diese Serie entwirft.

Orlando Bloom und Cara Delevingne überzeugen

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Orlando Bloom spielt den Polizisten mit großer Melancholie und Düsternis.

Aber auch, wenn die Erzählung mitunter ins Kolportagehafte abgleitet, bleiben die Hauptfiguren Vignette und der Polizist Philo überzeugend. Zumal Philo, dem Orlando Bloom eine große Melancholie und Düsternis verleiht, ein Trauma aus der Vergangenheit mit sich trägt. "Vor langer Zeit habe ich einen Teil von mir verloren", sagt Philo zu Vignette. Was diesen Teil ausmacht, darf hier nicht verraten werden. Verraten werden aber muss, dass die Düsternis des Anfangs von "Carnival Row", die Kriegs- und Vertreibungsbilder, am Ende der ersten Staffel noch eine Steigerung erfahren.

"Carnival Row" erzählt vom Aufstieg des Faschismus

"Eine große Flut von Wut schwappt hoch in der Stadt," ruft eine Politikerin im Parlament und befeuert die Wut auf die Fremden. Dann werden Stacheldrahtzäune um die Carnival Row gezogen. Es wird ein Getto errichtet für die Feen und die anderen andersartigen Wesen. Ein Bild wie ein Keulenschlag: Jetzt ist klar, dass die Serie vom Aufstieg des Faschismus erzählt. Mag "Carnival Row" sich in ein viktorianisches Fantasy-Gewand verhüllen - angetrieben wird die Erzählung von einer beängstigenden Unruhe über die Entwicklung unserer Gegenwart.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 04.09.2019 | 19:00 Uhr

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