Werner Herzog im Jahr 2019 in Cannes © picture alliance / abaca Foto: Marechal Aurore/ABACA

Der Mann für Extreme: Regisseur Werner Herzog wird 80

Stand: 05.09.2022 17:59 Uhr

Er ist einer der bekanntesten deutschen Filmemacher: Werner Herzog. Mit 80 Jahren blickt er auf eine lange Karriere, 70 Filme und viele Bücher zurück. Am 5. September läuft "Fitzcarraldo" auf Arte.

von Katharina Wilhelm, ARD-Studio Los Angeles und Jens Büchsenmann

Zu seinen bekanntesten Filmen gehören "Fitzcarraldo", "Aguirre - der Zorn Gottes", "Nosferatu" oder "Bad Lieutenant". "Fitzcarraldo" läuft am 5. September ab 20.15 Uhr bei Arte und steht danach bis zum 11. September in der Arte Mediathek zur Verfügung.

Werner Herzog wird gern als ein Mann für Extreme bezeichnet. Der am 5. September 1942 in München geborene Herzog hat sich zumindest in seiner langen Karriere in viele äußerst ungewöhnliche Situationen begeben. Wie 1980, als er seinen eigenen Schuh kochte und dann vor Publikum aß. Grund war damals eine verlorene Wette, um Regisseur Errol Morris zu ermuntern, dessen ersten Film "Gates of Heaven" tatsächlich fertigzustellen. 

Filmarbeiten oft mit Schmerz, Qual und Risiko verbunden

Filmemachen ist für Herzog ein Prozess, der für ihn - und auch seine Filmcrew - mit Schmerz, Qual und Risiko einhergeht. In dem Dokumentarfilm "In den Tiefen des Infernos" aus dem Jahr 2016 erkundete er aktive Vulkane rund um den Globus. Im ARD-Interview sagte er: "Wenn Sie direkt an einem Vulkankrater sind, der glühende Lava hochschleudert, dann ist das natürlich riskant. Das ist ein bisschen so, wie bei Kriegsberichterstattern. Ich war ja zum Beispiel auch im Kriegsgeschehen. Wenn ich ohne Kamera wäre, hätte ich wahrscheinlich Bedenken. Mit Kamera ist das ganz leicht. Da gibt es kein Empfinden für Gefahr. Die Kamera ist der Schutz. Das ist natürlich magisches Denken und eher auch dumm. Aber dieser Dummheit habe ich mich auch gestellt."

Legendäre Dreharbeiten zu "Fitzcarraldo" mit Klaus Kinski

Klaus Kinski (l.), Claudia Cardinale und Werner Herzog im Mai 1982 auf dem Filmfestival in Cannes, auf dem der Film "Fitzcarraldo" vorgestellt wurde. © picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Uncredited
Klaus Kinski (l.), Claudia Cardinale und Werner Herzog im Mai 1982 auf dem Filmfestival in Cannes, auf dem der Film "Fitzcarraldo" vorgestellt wurde.

Legendär sind die schwierigen Dreharbeiten zu seinem Film "Fitzcarraldo": Dazu ließ Herzog ein ganzes Schiff durch den Dschungel von Peru schleppen. Teile des Films hatte er schon mit Mick Jagger und Mario Adorf gedreht, dann musste alles umgeworfen werden und Klaus Kinski wurde verpflichtet. Die Rolle des Besessenen Opernliebhabers, der ein Opernhaus im Dschungel errichten wollte, passte wie die Faust aufs Auge. Die Wutausbrüche und Auseinandersetzungen am Set mit Kinski arbeitete Werner Herzog später in dem Film "Mein liebster Feind" auf. Vier Filme drehten Kinski und Herzog zusammen, über die Beziehung der beiden sagte Herzog: "Er hat mich so sehr gebraucht, wie ich ihn."

Schwierige Charaktere und Extremsituationen im Fokus

Herzog, der selbst eher zurückhaltend, überlegt wirkt, untersucht in seinen Filmen und Büchern oft schwierige Charaktere, Menschen in Extremsituationen. Im ARD-Interview sagte er dazu: "Es geht vielleicht nicht so sehr um Extremsituationen, sondern wie dringe ich zu einer tieferen Wahrheit vor, die in uns selbst steckt."

Seit vielen Jahren in Los Angeles

Seit vielen Jahren lebt Herzog in Los Angeles, viele Filme drehte er auf Englisch. Das amerikanische "Time"-Magazin wählte Herzog 2009 unter die 100 einflussreichsten Personen der Welt. Wegen seiner prägnanten Sprechweise und dem unverkennbaren deutschen Akzent tritt Herzog auch immer wieder vor der Kamera auf. Dabei scheut sich der Autorenfilmer, der nie Teil der Hollywood-Glitzerwelt war, nicht vor Ausflügen in sehr populäre Serien, wie "Die Simpsons". Jüngst war Herzog in der im Star Wars-Universum spielenden Serie "The Mandalorian" als geheimnisvoller "Klient" zu sehen. 

Workshops für junge Filmschaffende

Die Energie fürs Filmemachen und Schreiben scheint Herzog nicht auszugehen. In diesem Jahr stellt seine neue Dokumentation "Theatre of Thought" über die moderne Hirnforschung vor. Bereits seit einigen Jahren gibt Herzog sein Wissen an junge Filmschaffende weiter, unter anderem in intensiven Workshops. Zu erzählen hat Herzog sicher genug. 

Autobiografie "Jeder für sich und Gott für uns alle": Ein Geschenk

Werner Herzog: "Jeder für sich und Gott gegen alle - Erinnerungen" (cover) © Hanser
Werner Herzog: "Jeder für sich und Gott gegen alle - Erinnerungen" ist im Hanser Verlag erschienen und umfasst 350 Seiten.

Die vielen Geschichten, die um sein fast schon legendäres Leben ranken, hat Werner Herzog jetzt auch in einem Buch veröffentlicht. Er nennt es nicht Autobiografie, sondern einfach Erinnerungen. Aber natülich mit einem typischen Werner-Herzog-Titel: "Jeder für sich und Gott gegen alle". So hieß schon sein Kaspar-Hauser-Film aus dem Jahr 1974.

Dieses Buch ist ein Geschenk, eine wundersame und ganz verrückte Reise durch das Leben des Regisseurs, geschrieben in seiner ureigenen Sprache, die er zuvor schon in Büchern wie "Vom Gehen im Eis" gefunden hatte. Erst recht, wenn er selber spricht. Beinahe atemlos reiht sich eine Erinnerung an die andere, beginnend in der frühen Kindheit, die von allergrößter Armut geprägt ist, weil die Mutter nach den ersten Bomben auf München flieht, um die Kinder in einem abgelegenen Bergdorf in Sicherheit zu bringen. Schockierende Geschichten von Hunger und Not, zugleich der Beginn seines Grenz- und Draufgängertums mit wilden Raufereien und halsbrecherischen Skisprüngen.

Herzogs Wohnung in München: Später Wohnung von Klaus Kinski

Später kehrt die Familie nach München zurück, in eine Wohnung, in der zeitweise ausgerechnet sein späterer Hauptdarsteller lebte: "Kinski hat sich im Bad eingeschlossen. Unglaublich, dass jemand 48 Stunden toben kann", sagt Herzog. Die Wahnsinnigen, die Grenzgänger, sie haben den Regisseur immer schon gefesselt. Allein Kinski tobt durch fünf Herzog-Filme.

Gefährliche Grenzbereiche: Werner Herzog lotet sie in allen seinen Spiel- und Dokumentarfilmen aus. Nur beim Schreiben ist der bedingungslose Geschichtenerzähler ganz bei sich.

Also so wie manche Leute ums Leben laufen so habe ich damals geschrieben. Also eine Situation wo seltsamerweise alles hinausläuft auf Sprache und nicht so sehr auf Bilder. Aus dem Buch "Jeder für sich und Gott für uns alle"

Auch der Schluss des Buchs hat einen einzigartigen Werner-Herzog-Moment: Denn er bricht mitten im Satz ab. Grund war, wie er im Vorwort verraten hat, ein Kolibri, der vor seinem Fenster an seinem kalifornischen Wohnsitz aufblitzte wie ein Geschoss, "kupfern und hellgrün glänzend": Ich entschloss mich in diesem Moment", schreibt Herzog, "nicht weiterzuschreiben. Der letzte Satz bricht einfach dort ab, wo ich gerade angekommen war."

"Radical Dreamer": Dokumentarfilm über Werner Herzog

Am 27. Oktober kommt ein Dokumentarfilm über Werner Herzog ins deutsche Kino: "Radical Dreamer". Der Film hat gerade auf der Film-Biennale in Venedig seine Uraufführung erlebt.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 05.09.2022 | 07:20 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

Dokumentarfilm

Spielfilm

Eine junge Frau sitzt auf einem Bett, zwei Männer sitzen am Bettrand neben ihr und lächeln (Szene aus "Challengers" von Luca Gadagnino mit Zendaya) © Niko Tavernise / 2023 Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc.  All Rights Reserved. Foto: Niko Tavernise

Filme 2024: Diese Highlights kommen ins Kino

2024 locken Blockbuster wie "Alles steht Kopf 2" und "Gladiator 2" ins Kino. Auch von Nora Fingscheidt, Moritz Bleibtreu und vom "Joker" gibt's Neues. mehr

Der Arm einer Frau bedient einen Laptop, der auf einem Tisch in einem Garten steht, während die andere Hand einen Becher hält. © picture alliance / Westend61 | Svetlana Karner

Abonnieren Sie den NDR Kultur Newsletter

NDR Kultur informiert alle Kulturinteressierten mit einem E-Mail-Newsletter über herausragende Sendungen, Veranstaltungen und die Angebote der Kulturpartner. Melden Sie sich hier an! mehr

NDR Kultur App Bewerbung

Die NDR Kultur App - kostenlos im Store!

NDR Kultur können Sie jetzt immer bei sich haben - Livestream, exklusive Gewinnspiele und der direkte Draht ins Studio mit dem Messenger. mehr

Mehr Kultur

Jörn Menge sitzt in einem Tonstudio vor einem Mikrofon und trägt Kopfhörer. © picture alliance/dpa Foto: Georg Wendt

"Fashion against Fascism": Nazi-Mode den Markt einschränken

Springerstiefel und Bomberjacke - das war einmal. Ein Gespräch mit Jörn Menge über neue Nazi-Codes in der Mode. mehr