Stand: 17.07.2020 15:46 Uhr

"Waves": Drama über amerikanische Jugendgefühle

von Katja Nicodemus

Auf dem US-amerikanischen Telluride Film Festival wurde der Film "Waves" im vergangenen Jahr für seine atmosphärischen Bilder gefeiert und kam bereits im vergangenen November in die amerikanischen Kinos. Er wurde mit begeisterten Kritiken bedacht. In Deutschland hat es wegen der Corona-Pandemie ein wenig gedauert, seit dem 16. Juli ist der Film in den Kinos.

"Waves" zeigt die Schönheit Miamis

Ein Junge, ein Mädchen, ein Auto. Köpfe, Arme hängen aus den offenen Autofenstern. Die laue Vorabendstimmung in Miami, Florida. Coole Musik und über allem schwebt dieses Gefühl: Die Welt ist schön, die Welt gehört uns. So beginnt der Film "Waves" von Trey Edward Shults. Dem 17-jährigen Tyler scheint das Leben zu Füßen zu liegen. Er und seine Freundin scheinen glücklich zu sein. Tyler ist ein erfolgreicher Ringer, ein Stipendium und das College winken. Im großzügigen Haus seiner Familie steht ein Klavier, Kunst hängt an den Wänden. Und doch scheint über dieser komfortablen amerikanischen Mittelklasseexistenz etwas zu lasten. Ein Druck. Zum ersten Mal wird er von Tylers Vater formuliert. "Die Welt interessiert sich einen Scheißdreck für dich oder für mich. Wir können uns den Luxus, mittelmäßig zu sein, nicht leisten."

 Tyler: Ein Leben für den Sport

Tyler lebt mit dem Sport und für den Sport. Nach dem Training trainiert er weiter mit seinem Vater. Und dieser Vater, der im Untergeschoss des Familienhauses sein Ingenieursbüro betreibt, sagt weitere solche Sätze, die ja eigentlich gut gemeint sind: "Ich pushe dich nicht, weil ich es möchte, ich pushe dich, weil ich es muss. Verstehst du, was ich damit sagen will?"

"Waves" zeigt wie Rassismus Selbstbilder prägt

"Waves" ist einer dieser Filme, die mehr erzählen als das, was sie erzählen. Tylers Freundin ist ungewollt schwanger. Sie möchte das Kind behalten, was ihm gar nicht passt. Außerdem hat Tyler eine Schulterverletzung, die seine Karriere und sein Stipendium bedroht. Und nebenbei erzählt dieser Film vom Schlachtfeld, auf dem sich schwarze Biografien aus scheinbaren Alltäglichkeiten zusammensetzen. Er zeigt, dass Rassismus Selbstbilder prägt. Er zeigt aber auch die Natur Floridas, das Meer, die Palmen im Wind, die intensiven Farben.

Scheinbar normal, aber immer im Wettkampf

Er zeigt eine Familie, die sonntags zur Kirche geht und danach Pancakes frühstücken geht. Alles ganz normal, aber der Druck, die Konkurrenz, die Beweisführung dafür, dass man gut, dass man besser ist, dass man nichts geschenkt bekommt und trotzdem alles verdient hat, hört nie auf. Und wenn es ein Wettkampf im Armdrücken am Frühstückstisch ist.

Eine Gewalttat reißt das Leben aus den Fugen

"I am God" singt der Rapper Kanye West. "I am God" schreit Tyler, als sein Leben aus den Fugen gerät. In "Waves" wird eine Gewaltexplosion das Leben der Familie erschüttern. Eine Geschichte endet. Eine neue beginnt. Und damit die zweite Hälfte von "Waves", erzählt aus der Perspektive von Tylers Schwester Emily. Sie fängt an mit einem Flirt. Oder besser: mit einer ersten vorsichtigen Kontaktaufnahme Emilys mit ihrem Mitschüler Luke.

Emily: Das Zusammenleben neu lernen

Auch die zweite Hälfte von "Waves" wird erzählt durch Stimmungen, Atmosphären. Von Miamis Palmen-Promenaden reisen wir in Floridas Wildnis, in die Sümpfe, wo Emily mit Luke Kajak fährt, schwimmt, Tiere beobachtet. Emily muss sich darüber klar werden, dass sie ihr Leben vor sich hat, während ihre Familie so etwas wie Zusammenleben neu lernen muss. Einmal gehen Vater und Tochter miteinander fischen. Die beiden schweigen. Sie reden zögerlich. Und es gibt Dinge, die sich sowieso nicht in Worte fassen lassen.

Ein Film über das "Jetzt" des Lebens

"Alles, was wir haben, ist Liebe. Alles, was wir haben, ist jetzt ...", wird Emilys Vater im Laufe dieses Gesprächs sagen. Das mag kitschig klingen, ist es aber nicht. "Waves" erzählt von diesem fragilen, bedrohten, bedrohlichen, aber auch immer wieder wunderschönen "Jetzt" des Lebens.

Waves

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
USA
Zusatzinfo:
mit Kelvin Harrisson Jr., Taylor Russell, Alexa Demie, Sterling K. Brown, Lucas Hedges, Renée Elise Goldsberry. Wegen der Corona-Pandemie läuft der Film in Deutschland verspätet an.
Regie:
Trey Edwards Shults
Länge:
137 min
FSK:
ab 12 Jahren
Kinostart:
16. Juli 2020

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 16.07.2020 | 07:20 Uhr

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