Stand: 05.07.2017 14:30 Uhr

Jessica Chastain als skrupellose Lobbyistin

Die Erfindung der Wahrheit
, Regie: John Madden
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Bekannt wurde der britische Regisseur John Madden vor zwanzig Jahren mit dem Film "Shakespeare in Love". Danach drehte er eine Handvoll Filme, die in der Versenkung verschwanden. Sein neuer Film "Die Erfindung der Wahrheit" könnte eine Art Comeback sein.

Schon praktisch, wenn eine Kinofigur ihren Job gleich am Anfang des Films erklärt. Nach ein paar Minuten hat jedenfalls jeder Zuschauer kapiert, dass man sich lieber nicht mit dieser Frau anlegen sollte, die den totalen Überblick hat.

Pragmatisch, schlau und sexy

Die Lobbyistin Elizabeth Sloane wird gespielt von Jessica Chastain. Sie ist das leuchtende Zentrum von John Maddens Politthriller "Die Erfindung der Wahrheit". Übermüdet vom harten Job auf dem Parkett von Washington und zugleich aufgeputscht von Tabletten geht, nein, stöckelt ihre Figur durch diesen Film. Mit kreideweißem Gesicht und rotgeschminktem Mund.

Wer diese Frau für eine politische Kampagne engagiert, kann nur siegen. Sloane ist pragmatisch, schnell, schlau und skrupellos, und Chastain verleiht dieser Lobbyistin bei aller Klischeehaftigkeit eine Mischung aus feinnerviger Gereiztheit und Sexyness. Diese Schauspielerin ist immer ganz da. Selbst in den Szenen, die zu jedem routiniert inszenierten Thriller gehören: Beim gemeinsamen Eilen durch Büroflure diskutieren die Figuren über Job und Leben, während die Kamera vor ihnen herfährt.

Die Geschichte: Elizabeth Sloane wird von der Waffenlobby kontaktiert. Sie soll eine Kampagne organisieren, die Mütter zum Waffenkauf animiert. Statt zu befürchten, dass ihre Töchter und Söhne auf der Straße erschossen werden, sollen die Frauen ihre Kinder mit ihrer eigenen Pistole in der Handtasche verteidigen. Die absurde Idee führt zu einer entsprechenden Reaktion von Elizabeth Sloane - und zur besten Szene des Films.

Wechsel auf die Seite der Waffengegner

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Mit ihren neuen Mitarbeitern bespricht Elizabeth Sloane ihren Plan.

Was macht eine Lobbyistin, die alles und alle durchschaut, die vor nichts Angst hat, und bisher jeden Auftrag souverän erfüllt hat? Sie sucht sich die einzige und letzte Herausforderung: eine aussichtslose Sache, einen Kampf, der eigentlich nicht zu gewinnen ist. Oder eben doch? Elizabeth Sloane wird von der Anti-Waffenlobby kontaktiert. Deren Lobbyisten haben wenig Geld, aber dafür verkörpern sie Werte, Überzeugungen und ein Gewissen. Wobei die Moral nun wirklich das letzte ist, was Elizabeth Sloane an dem Auftrag reizt.

Letztlich erfährt man in "Die Erfindung der Wahrheit" wenig bis nichts über das verkommene Gewerbe des Lobbyismus. Wie manipuliert man Politiker? Wie wirbt man um Stimmen? Wie lanciert man eine Kampagne? John Madden scheut den Blick in Schmutz und Abgründe. Lieber kreist er um eine Heldin, deren markige Sätze wie ins Drehbuch hinein gehämmert wirken. Die im Kommando-Ton die Firma wechselt und ihr Team abzieht, als gelte es, eine militärische Operation zu beginnen.

"Die Erfindung der Wahrheit" hat ein paar Wendungen zu viel und ein allzu konstruiertes Ende. Doch Jessica Chastain bleibt in Erinnerung. Selbst übertriebene, aufgemotzte Dialogzeilen spielt sie mit einer Intensität, die einem Schauer über den Rücken jagt - oder einfach Angst macht.

Seiten eines Kalenders © fotolia.com Fotograf: naftizin

65 Jahre Lobby-Industrie

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Die Erfindung der Wahrheit

Genre:
Thriller
Produktionsjahr:
2017
Produktionsland:
USA, Frankreich
Zusatzinfo:
mit Jessica Chastain, Mark Strong, Sam Waterston
Regie:
John Madden
Länge:
133 min.
FSK:
FSK ab 12 Jahre
Kinostart:
6. Juli 2017

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 06.07.2017 | 07:20 Uhr

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