Der Schriftsteller und Filmemacher Thomas Brasch im Jahr 1976.

Thomas Brasch - ein Schriftsteller im Niemandsland

Stand: 03.11.2021 04:00 Uhr

Thomas Brasch gehört zu den außergewöhnlichen Stimmen der deutschen Nachkriegsliteratur. Heute vor 20 Jahren ist der Lyriker, Theaterautor, Prosaschriftsteller und Filmemacher gestorben.

von Joachim Dicks

Bertolt Brecht, Heiner Müller, Thomas Brasch - in dieser li terarischen Ahnenfolge hat sich Thomas Brasch selbst gern gesehen. Und seine Anhänger sind ihm dabei gern gefolgt. Allerdings gab es auch Kritiker. Sein Debüt "Vor den Vätern sterben die Söhne" wurde zum Schlachtruf einer ganzen Generation.

Der DDR den Rücken gekehrt

"Ich glaube, jeder Schriftsteller fühlt sich immer im Niemandsland." - Ein echter Brasch-Satz. Angriffslustig und melancholisch zugleich. Kein Wunder bei dieser Lebensgeschichte: Geboren in den letzten Kriegsmonaten 1945 in England als Sohn des späteren SED-Funktionärs Horst Brasch. Als junger Mann rebelliert er während seines Journalistik-Studiums in Leipzig und wird "aus politischen Gründen" exmatrikuliert.

1968 kommt er wegen "staatsfeindlicher Hetze" ins Gefängnis, weil er mit Flugblättern gegen die Besetzung der CSSR durch die Sowjetunion protestiert. 1976 verlässt er - wie viele Künstler und Intellektuelle - die DDR, nachdem er eine Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns unterschrieben hat.

Kunst als Mittel die Welt zu überleben

Erst jetzt beginnt seine öffentliche Künstler-Karriere. Sein Rebellentum hört aber nicht auf: "Wenn die Anforderungen dahingehen, Autoren dazu zu bringen, eine merkwürdige Aktualität zu befriedigen, so ein merkwürdiges Striptease zu vollführen, 'so bin ich' oder 'so geht es mir' im Ruhrgebiet oder als Arbeiter oder als DDR-Bürger, dann wird Literatur uninteressant. Sie würde auch ganz ausgelaugt werden."

Bei aller Produktivität - Thomas Brasch wehrt sich gegen das Image des DDR-Dissidenten. Jede Art der Vereinnahmung ist ihm zuwider. Er habe das Gefühl, dass Theater überhaupt nicht schnell regieren könne und auch nicht schnell reagieren dürfe. "Dafür gibt’s doch Zeitungen und Rundfunk und Fernsehen. ... Theater ist einfach träge und braucht einen Setzungsprozess. Shakespeares Stücke spielen alle 100 Jahre früher als er gelebt hat. Ich glaub' schon, dass da Erfahrungen erst einmal zu Kunstformen gerinnen und sich absetzen."

"Theater ist einfach träge"

Für Brasch ist Kunst nie ein Mittel, die Welt zu verändern, sondern immer der Versuch, sie zu überleben. Sperrig sollen seine Werke sein. Der Untertitel seines Buchs "Kargo" gilt für sein ganzes Werk: "32. Versuch auf einem untergehenden Schiff aus der eigenen Haut zu kommen." In dem Prosastück "Selbstkritik 1" schreibt er:

Das ist er, sagte der Gastgeber. Stören Sie sich nicht an seiner Aufmachung. Das ist sein Image. Tatsächlich, sagte ich, das ist mein Image. Ich brenne mir Löcher ins Hemd, die Jeans zerreiße ich zu Hause, wenn ich auf eine Party gehe wie diese. Spätestens um drei Uhr werde ich zwei Gläser zerbrechen und mir mit den Scherben meine Hände aufschneiden. Thomas Brasch, "Selbstkritik 1"

Als am 3. November 2001 die Nachricht kommt, Thomas Brasch sei im Alter von 56 Jahren an Herzversagen gestorben, sagt Wolf Biermann in einem Telefon-Interview: "Er war einer dieser Söhne und Töchter der DDR-Führungselite. Und die hatten es mit all ihren unvermeidlichen Privilegien ihrer Eltern nicht nur aufreizend leicht, gemessen am Volk, sondern auch besonders schwer. Denn sie erlebten ja die Fäulnis im höheren Funktionärsapparat der Partei, das, was faul war im Staate DDR, das erlebten sie in der eigenen Familie, am Küchentisch."

Thomas Brasch auch musikbegeistert

Im NDR-Archiv findet sich eine Sendung aus der Reihe "Meine Schallplatten" aus dem Jahr 1988. Thomas Brasch spricht über Musik und Bands, die ihn geprägt haben. Die Rolling Stones etwa. Da zeigt er auch eine eher unbekannte Seite: Demut und Bescheidenheit.

"Alle Titel, die ich spiele, beleuchten natürlich auch den reinen Neid eines Gedichteschreibers auf Leute, die damit Gedichte zu schreiben auf eine Weise an die Leute bringen können, die schöner ist als die, Bücher zu machen. Die direkter ist und die im schönsten Fall wie bei einigen von den Stones oder den Beatles-Liedern oder auch die von Stevie Wonder fast Volkslieder sind. Wie Heine beispielsweise es bei den schönsten Gedichten oder Liedern auch war."

Zum 20. Todestag von Thomas Brasch kommt am 11. November der Film "Lieber Thomas" in die Kinos.

Weitere Informationen
Schwarz-Weiß-Fotografie eines Mannes der auf einer Bühne an einem Tisch sitzt und nach vorne blickt. © Zeitsprung Pictures / Wild Bunch Germany Foto: Peter Hartwig

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 03.11.2021 | 06:20 Uhr

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