Stand: 20.07.2022 20:00 Uhr

In der Mediathek: "Schlingensief - In das Schweigen hineinschreien"

von Katja Nicodemus

Der Regisseur und Aktionskünstler Christoph Schlingensief starb am 21. August 2010 im Alter von nur 49 Jahren. Die Montagekünstlerin Bettina Böhler hat mit Schlingensief in vielen Filmen zusammen gearbeitet.

Um an ihn zu erinnern, hat Böhler ihren ersten eigenen Film gemacht: "Schlingensief - in das Schweigen hineinschreien". Der Film ist jetzt in der ARD Mediathek zu sehen.

Man könnte in einem Dokumentarfilm über Christof Schlingensief sprechende Köpfe erwarten, die uns Christof Schlingensief erklären. Schauspielerinnen, Kollegen, Mitstreiter, die den Regisseur und Aktionskünstler einordnen und die eine oder andere Anekdote erzählen. Doch nichts von alledem gibt es in Bettina Böhlers Film "Schlingensief - in das Schweigen hineinschreien." Der einzige, der hier Schlingensief erklärt und analysiert, ist Christoph Schlingensief selbst.

Bettina Böhler arbeitet nur mit vorhandenem Material

Bettina Böhler hat dem deutschen Kino als Editorin einen unverwechselbaren Rhythmus gegeben. In "Schlingensief - in das Schweigen hineinschreien" rekonstruiert Böhler das Denken und Schaffen des Regisseurs und Aktionisten ausschließlich mit vorhandenem Material: Da sind die Super-8-Filme seines Vaters, die kleinen Filme des zehnjährigen Christoph. Ausschnitte aus Kinofilmen und Theaterabenden, Fernsehinterviews, die Alexander Kluge über 25 Jahre hinweg mit dem Künstler geführt hat. Böhler erschafft mit "Schlingensief - In das Schweigen hineinschreien" eine deutsche Erzählung: Sie handelt von einem Jungen, der in einer depressiven Kleinstadtatmosphäre zum Alleinunterhalter der Eltern und später zum sich selbst verzehrenden Aktionisten wurde, der sein deutsches Erbe attackierte, umwühlte, in Filme und Aktionen verwandelte.

Schlingensief - Aktionist mit enormer Sprengkraft

Filmausschnitte aus "Das deutsche Kettensägenmassaker" zeigen, wie Schlingensief die Wiedervereinigung auf den Punkt brachte: Eine westdeutsche Metzgerfamilie hat ihre ostdeutschen Neumitbürger buchstäblich zum Fressen gern. Und man muss Schlingensiefs Aktionen sehen, um noch einmal ihre Sprengkraft zu erfahren: Das Abschiebungsevent in der Wiener Innenstadt im Jahre 2000. In einem Container dürfen Bürger abstimmen, welche Flüchtlinge das Land verlassen sollen. Ein Theaterabend gegen die Instrumentalisierung der Angst nach dem 11. September. Schlingensief inszenierte die AfD, als es sie noch nicht gab. Er ließ Udo Kier als Hitler im Führerbunker wimmern und die Wände mit seinen Exkrementen beschmieren. 1998 gründete Christof Schlingensief im Bundestagswahlkampf die Partei "Chance 2000" - und bewarb sie mit anarchischen Aktionen. Etwa einer Badeaktion, die Helmut Kohls Haus am Wolfgangssee überfluten sollte.

Schlingensief: Zerstörer bundesdeutscher Alltagsoberflächen

In Bettina Böhlers Montage entsteht ein künstlerisches Universum, eine im besten Sinne aufrührerische Gedankenwelt. Man erlebt einen mal nachdenklichen, mal lauten, mal leisen, immer selbstreflexiven Künstler. Einen heiteren Zerstörer bundesdeutscher Alltagsoberflächen. Es sagt sich so leicht, dass Christoph Schlingensief in unserer deutschen Gegenwart fehlt. Dieser Film führt es uns vor Augen.

Schlingensief - In das Schweigen hineinschreien

Genre:
Dokumentarfilm
Produktionsjahr:
2020
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Christoph Schlingensief sowie unter anderem Irm Hermann, Udo Kier und Tilda Swinton
Regie:
Bettina Böhler
Länge:
124 min
FSK:
ab 12 Jahren

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 01.07.2022 | 10:20 Uhr

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