Stand: 01.04.2020 17:33 Uhr  - NDR Kultur

Der Pandemie-Film: Klassiker und Raritäten des Genres

von Katja Nicodemus

Aus gegebenen Anlass erfreuen sich Filme über Pandemien großer Beliebtheit; da werden zehn Jahre alte Filme aus der Mottenkiste hervorgekramt und landen in den Top Ten der Streamingdienste. Unter den vielen Filmen, die in der Kinogeschichte das Szenario einer Pandemie zeichnen - als die Bedrohung, die es zu besiegen gilt - ist "Contagion" von Steven Soderbergh wohl einer der nüchternsten.

Hat sie was von irgendwelchen kranken Reisenden erzählt? Im Flugzeug oder am Flughafen? aus dem Film "Contagion"

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In "Contagion" kostet ein Erreger aus Asien (nicht nur) Ehefrau und Tochter des von Matt Damon dargestellten Protagonisten das Leben.

Wenn die von Gwyneth Paltrow gespielte Geschäftsreisende gleich zu Beginn unter Husten, Krämpfen und mit Schaum vor dem Mund stirbt, bietet die Szene alles, was ein Seuchenfilm braucht. Dabei bekommen wir auch zu hören, was wir jetzt aus unserer sich überstürzt verändernden Wirklichkeit kennen.

Der Mensch berührt sein Gesicht im Durchschnitt pro Minute drei bis fünf Mal. In der Zwischenzeit fassen wir Türklinken an, Wasserhähne - und andere Menschen. Kate Winslet als Epidemiologin Erin Mears im Film "Contagion"

Die Lust an der Angst

In "Contagion", deutsch "Ansteckung", zeigt Steven Soderbergh die Wege der Virusübertragung und spielt dabei mit der Lust an der Angst des Zuschauers: Hände, die Haltestangen im Bus umgreifen, nach Cocktailgläsern fassen und in Schälchen voller Erdnüsse langen - die Mathematik der Seuche kommt uns heute bekannter vor als 2011, dem Entstehungsjahr des Films.

An Tag eins waren es zwei Menschen. Danach vier und danach sechzehn. In drei Monaten sind es eine Milliarde. Darauf scheinen wir zuzusteuern. Jude Law als Scharlatan Alan Krumwiede im Film "Contagion"

Epidemie als metaphysische Strafe für Verkommenheit

Nicht immer ging das Kino so pragmatisch-wissenschaftlich mit Seuchen um. In Otto Ripperts 1919 entstandenen Stummfilm "Die Pest in Florenz", geschrieben von Fritz Lang und produziert von Erich Pommer, war die Epidemie noch die metaphysische Rache am verkommen, ausschweifenden Leben der Menschen.

Der moderne Seuchenfilm spaltet die Krankheit von Religion und Mythos ab. Sie ist einfach da. So wie in dem US-amerikanisch-italienischen Film "The last man on earth" von 1954, nach dem Buch "I am legend", das 2006 mit Will Smith in der Hauptrolle erneut verfilmt wurde. Vincent Price spielt 1954 den Überlebenden einer Seuche, die die Menschen in mörderische Bestien verwandelt: Die Verschmelzung von Seuchen- und Zombiefilm ist vollzogen.

"Der Zweifler" stellt die Abwendbarkeit der Apokalypse in Frage

Zu ihren späteren Varianten gehört Danny Boyles 2002 gedrehter Film "28 days later", in dem das Virus von Schimpansen auf Menschen überspringt und sie mit "Wut" infiziert. In der Fortsetzung "28 weeks later" ist die Apokalypse noch apokalyptischer: Großbritanniens Bevölkerung ist ausgelöscht. Eine von US-Amerikanern geführte NATO-Truppe beginnt damit, das Land wieder zu bevölkern und alle Spuren der Seuche zu beseitigen. 

- Wir erreichen jetzt "district one", die Sicherheitszone innerhalb von London; außerhalb Londons ist alles unbewohnbar.
- Willkommen zu Hause.
- Wie alt bist du?
- Zehn.
- Tja, ich glaube, damit bist du der jüngste Mensch im ganzen Land. aus dem Film "28 days later"

Eine wichtige Figur des Seuchenfilms: der Zweifler oder die Zweiflerin. Das ist die Person, die die Beherrschbarkeit des Virus infrage stellt. In "28 weeks later" wird sie ausnahmsweise einmal von einer Frau verkörpert: Rose Byrne, die ihren militärischen Vorgesetzten mit wissenschaftlicher Souveränität auf den Wecker geht.

- Der letzte Infizierte ist vor sechs Monaten gestorben. Wir waren vor sechs Monaten nicht hier.
- Major, wovor haben sie Angst?
- Was, wenn es zurückkommt?
- Es kommt nicht zurück.
- Und wenn doch?
- Dann vernichten wir es. Code Red. aus dem Film "28 days later"

Die Pandemie als menschengemachte Bedrohung

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In "Outbreak" treffen humane und militärische Interessen aufeinander: Ärzte suchen ein Gegenmittel gegen ein gefährliches Virus, Militärs versuchen es zu unterbinden.

Ein prominentes Beispiel des routiniert aus Erzählmodulen zusammengesetzten Hollywood-Pandemiefilms ist "Outbreak" von Wolfgang Petersen. Auch hier stammt das Virus ursprünglich von Schimpansen - wurde aber in US-amerikanischen Laboren als Waffe weiterentwickelt. Wie so oft im Katastrophenfilm schweißt auch hier die drohende Gefahr eine Familie wieder zusammen: ein geschiedenes Ehepaar findet wieder zueinander. Die Schauspieler Dustin Hoffman und Donald Sutherland liefern sich die üblichen Dialogschlachten.

- Es breitet sich aus wie ein Buschfeuer.
- Worauf wollen Sie hinaus?
- Wenn dieses Virus dort herauskommt, werden 260 Millionen Amerikaner auf entsetzliche Weise sterben. aus dem Film "Outbreak"

Hamburger Variante des Pandemiefilms

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Trashig, topbesetzt, mit dem Soundtrack des noch jungen Jean-Michel Jarre: Das Endzeit-Drama "Die Hamburger Krankheit" von 1979 wurde zum 40-jährigen Jubiläum aufwendig restauriert.

Eine ganz eigene Kategorie des Seuchenfilms bildet Peter Fleischmanns "Die Hamburger Krankheit" aus dem Jahr 1979. Durch ein Schiff im Hamburger Hafen wird ein Virus eingeschleppt. Beim Sterben krümmen sich die Erkrankten in die Embryonalstellung. Hier wird der Zweifler von Helmut Griem gespielt. Er ist der Arzt, der die Krankheit nicht nur als Krankheit sieht. Während seine Kollegen brachiale Mittel anwenden, ahnt er: Die Seuche ist Symptom für einen gesellschaftlichen Zustand.

- Ich schlage vor, der gesamten Hamburger Bevölkerung Breitbandvirostatika zu injizieren.
- Was sie da sagen, ich finde das ungeheuerlich!
- Ungeheuerlich ist die Krankheit, Herr Kollege! aus dem Film "Hamburger Krankheit"

"Die Hamburger Krankheit", dieser poetische, krude, subversive Pandemiefilm, verweigert sich allen Regeln des Genres - nicht ohne Grund lief der Film im vergangenen Jahr erneut beim Filmfest Hamburg. Gemeinsam brechen der Arzt, ein Würstchenverkäufer und eine verwirrte junge Frau aus der Quarantäne aus, ein Rollstuhlfahrer schließt sich der ziellosen, eigentlich nur ihre Neurosen auslebenden Gruppe an. Zu den Darstellern gehören Rainer Langhans, Fernando Arrabal, Tilo Prückner, Evelyn Künecke und der Travestiestar Romy Haag. Nicht nur durch die Besetzung gelingt es Fleischmanns Film, das zu erschaffen, was die Pandemie zuallererst ausmacht: den Ausnahmezustand.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 01.04.2020 | 19:00 Uhr

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