Milla (Eliza Scanlen) und Moses (Toby Wallace) im Film "Milla Meets Moses" © X-Verleih

"Milla meets Moses" - ein außergewöhnlicher Liebesfilm

Stand: 05.10.2020 16:23 Uhr

"Milla meets Moses" feierte vor einem Jahr bei den Filmfestspielen in Venedig Premiere und brachte dem männlichen Hauptdarsteller, Toby Wallace, den Preis für den besten Nachwuchs-Darsteller ein. Nun kommt der Film ins Kino.

von Walli Müller

"Boy meets Girl" ist eine tausendfach angewandte Film-Formel. Dass man trotzdem noch etwas Neues daraus machen kann, beweist die australische Regisseurin Shannon Murphy in "Milla meets Moses". Es ist nicht gerade ein romantischer Moment, in dem Milla Moses trifft: Sie steht in ihrer Schul-Uniform am Bahnsteig und starrt panisch auf die Gleise. Fast sieht es aus, als wolle sie gleich springen. Da wird sie von hinten umgerannt - von Moses, der zum einfahrenden Zug sprintet. Eine Begegnung, die Milla im wahrsten Sinne "umhaut"- obwohl der Kerl in Sport-Shorts und Hawaii-Hemd ziemlich zerlumpt aussieht und sich auch noch als klassischer Schnorrer entpuppt.

"Ich wurde aus meiner Wohnung geworfen. Und ich versuch gerade Geld zusammen zu bekommen für ein Bett in der Obdachlosenunterkunft heute Nacht. - Wieso bist du rausgeflogen? - Weil ich mit der Miete im Rückstand war. Ich frag dich nicht gern. Du bist offenbar nett. - Wie viel? - Gib mir das, was du geben kannst. Es muss nicht viel sein." O-Ton aus dem Film

Milla nimmt Moses mit zu sich nach Hause

Henry (Ben Mendelsohn) im Film "Milla Meets Moses" © X-Verleih
Millas Vater Henry (Ben Mendelsohn) ist von dem Freund seiner Tochter nicht begeistert.

Die meisten von uns würden die Augen verdrehen und ein/zwei Euro rausrücken; Milla gibt Moses einen Fünfziger und nimmt ihn mit nach Hause. Ein gut situiertes Zuhause in der Vorstadt: Der Vater ist Psychotherapeut, die Mutter Pianistin - beide liebevoll bemüht um die Tochter. Denn, das erfährt man eher so nebenbei, die 16-jährige Milla ist krebskrank - und ihre Eltern krank vor Schmerz und Sorge.

Was die Eltern in Moses sehen, dürfte so ziemlich dem Blick des erwachsenen Publikums entsprechen: Ein Herumtreiber und Junkie, der keine Gelegenheit auslässt, ein paar Scheine oder Medikamente mitgehen zu lassen. Kein guter Umgang für einen labilen und sterbenskranken Teenager. Milla aber betrachtet Moses mit trotziger Unvoreingenommenheit.

Sie sucht nicht noch einem, der Verantwortung für sie übernimmt. Sie will von seiner Freiheit ein Stück abhaben. Sein Körper, sogar seine Straßenköter-Frisur scheinen ihr wunderschön. So müssen die Eltern fassungslos mit ansehen, wie ausgerechnet dieser obdachlose Freak ihr Kind aufblühen lässt.

VIDEO: Filmtrailer: "Milla meets Moses" (2 Min)

Krebskranke Milla findet neuen Lebensmut

"Milla meets Moses" ist eine wirklich außergewöhnliche Liebesgeschichte. Die Handlung so unberechenbar wie Moses, der eine Kunstfigur sein mag, aber mit subtiler Komik das bürgerliche Milieu unterwandert. Die Charaktere tragikomisch und doch psychologisch stimmig gezeichnet. Auch der Soundtrack ist herausragend. Betörende Balladen drücken da - manchmal minutenlang für sich stehend - eine Stimmung aus.

Dem jungen Darsteller-Paar Toby Wallace und Eliza Scanlen sieht man gebannt zu, weil beide so natürlich zwischen kindlichem Leichtsinn und erzwungener Reife agieren. Im Fokus stehen aber immer wieder auch die Eltern, die um eine richtige Haltung der Tochter und ihrer Krankheit gegenüber ringen und den Kerl, den sie angeschleppt hat, am liebsten auf den Mond schießen würden.

"Milla meets Moses": Ergreifen und voller positiver Energie

Das Schicksal ist in "Milla meets Moses" mal wieder ein mieser Verräter. Der Film entsprechend ergreifend, aber auch voller positiver Energie. Weil Moses der kranken Milla die Chance gibt, ihren Hunger auf Leben zu stillen und sich im Schnelldurchlauf abzunabeln von überbehütenden Eltern. Dafür hat es sich gelohnt, ihn zu treffen.

Milla Meets Moses

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2020
Produktionsland:
Australien
Zusatzinfo:
mit Eliza Scanlen, Toby Wallace, Essie Davis
Regie:
Shannon Murphy
Länge:
118 Min.
FSK:
ab 12 Jahre
Kinostart:
8. Oktober 2020

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 07.10.2020 | 06:40 Uhr

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